Luft aus Stein im Köln, Theater Der Keller

Seelische Versteinerungen

Schnell hat der „Keller“ auf die Uraufführung Anfang 2013 am Wiener Schauspielhaus reagiert, Anne Habermehls Inszenierung ihres eigenen Stücks Luft aus Stein. Im folgenden Oktober wiederholte sich die Personalunion Autorin/Regie bei Wie Mücken im Licht. Der Titel Luft aus Stein ist sinnbildhaft zu verstehen: man atmet schwer, die Zunge liegt bleiern im Mund, hindert am Sprechen, die Gehirnwindungen sind verknotet, und so stoppt der intellektuelle Gedankenfluss. Gleichwohl muss nachgedacht, geredet werden, um im Jetzt eine eigene Identität zu finden, welche aber - so die Überzeugung der Autorin - nur durch Auseinandersetzung mit Vergangenheit, speziell familiärer, zu gewinnen ist. Am liebsten hätte Anne Habermehl gemäß Interviewaussage bei ihrem Stück im Dreißigjährigen Krieg begonnen. Aber so viel Weitschweifigkeit hat die Dramaturgin in ihr wohl rechtens verweigert. Als unvoreingenommener Zuschauer könnte man sich sogar eine noch stärkere zeitliche Eingrenzung vorstellen.

Die „Handlung“ von „Luft aus Stein“ hat im Grunde keinen Anfang, weil sie zwischen Zeiten hin- und herspringt. In ihrer Wiener Inszenierung ließ Anne Habermehl die jeweils aktuellen Jahreszahlen in Leuchtschrift einblenden. Da geht Heinz Simon Keller am „Keller“ (ein immer wieder reizvolles Wortspiel) eigentlich subtiler vor. Im Bühnenvordergrund liegen Kleidungsstücke auf dem Boden, aus welchen sich die Darsteller die jeweils passenden für ihre Wechselrollen herausgreifen. Und als „Blickfang“ hat Thomas Flemming ein Zelt aufgestellt, in welchem man sich verkriechen und abschotten kann, aus welchem Susanne Seuffert und Isabelle Barth zu Beginn zunächst aber wie Lemuren herauskriechen und sich in die Beine eines Arztes krallen; Bernhard Schmidt-Hackenberg klimmt sogar aus dem Zuschauerraum auf die Bühne. Doch der Mediziner sagt nur lapidar „Ich stelle keine Diagnose mehr“. Diese Introduktion ist ein ganz starker inszenatorischer Einstieg. Sie spiegelt die Verzweiflung von Personen, welche mit ihrem Leben nicht zurechtkommen, nach Hilfe rufen und - da Antwort ausbleibt - durchaus in einer Verzweiflungstat enden können wie die eines in inzestuöser Liebe verbundenen Geschwisterpaares. Miseren liegen teilweise in privaten Bereichen begründet. Nicht von ungefähr hat sich Anne Habermehl bei der Vorbereitung auf ihr Stück mit vielen Sprach- und Traumatherapeuten unterhalten. Aber die geschilderten Dramen verlaufen gleichzeitig an der Peripherie von Geschichte, welche im Zeitalter des sogenannten Wirtschaftswunders zu einer „Zelebrierung von Fassade“ (Anne Habermehl) erstarrten. Wenn in der „Keller“-Aufführung das bislang schützende Zelt eingerissen wird und sich die Protagonisten jauchzend in eine bessere Zukunft stürzen, wird eine bessere Zukunft vielleicht etwas vordergründig in Aussicht gestellt. Ansonsten jedoch macht Heinz Simon Keller aus dem Sprachstück ein hinreißendes, spannendes Drama.

Nun steht dem Regisseur aber auch ein ganz wunderbares Ensemble zur Verfügung. Susanne Seuffert und Arne Obermeyer sind schon mal starke Darsteller. Freilich werden sie übertroffen von Isabelle Barth und Bernhard Schmidt-Hackenberg. Diese beiden jungen Schauspieler geben sich emotional derart offensiv und entflammt, dass einem manchmal regelrecht der Atem stockt. Und sie präsentieren Körperlichkeit ohne Scheu. Eine schönere, aber auch verzweifeltere Liebesszene wie von ihnen ist dem Rezensenten eigentlich nicht erinnerlich.