Gasoline Bill im Mülheim, Theater an der Ruhr

Theater basiert auf Teamwork

Ein Glitzerlamettavorhang nimmt die ganze Bühnenbreite ein – ein Hinweis auf einen glamourösen Abend? Zwei Schauspielerpaare hocken an der Rampe, alle im Cowboy-Outfit, rauchen und diskutieren um die Wette. Wortkaskaden, Monologe, Gespräche – verschiedene Themen werden in einem rasenden Tempo angesprochen. Man hört Formulierungen wie die „Erfahrung eines inneren Reichtums“, „Wahrheit, das Ding, das hinter jedem Gesicht lauert“, scheinbar verrückte Verknüpfungen von „Kaffee, Erlösung, Kapitalismus, Mitmenschlichkeit“. Die Darsteller wiederholen sich etliche Male, sie werfen sich Ungeheuerlichkeiten an den Kopf, sie nudeln viele „große Themen“ durch. Sandra Hüller sagt ziemlich zu Beginn zu Kristof Van Boven: „Weißt du, ich habe zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dich, der hier vor mir steht oder sitzt oder liegt, auf ein Spiegelbild von mir zu reduzieren, dich quasi als Mittel zum Zweck meiner Selbstverwirklichung zu missbrauchen. Oder, und das ist die andere: Trotzdem du mir ähnlich bist, und obwohl ich mich in dich einfühlen kann, seh ich in dir den unermeßlichen Abgrund einer radikalen Andersheit lauern, und jemanden, über den ich letztlich nichts weiß“. Also die Erkenntnis, dass man über den Partner nichts weiß.


Polleschs Themen sind neben der Liebe und ihrer Unmöglichkeit Einfühlung und Empathie. Diese werden aber ganz gegen den Strich gebürstet aufgezeigt, wie die Geschichte vom Schauspieler, der auf der Bühne kollabierte und den man nicht beachtete, zeigt. Oder Van Bovens Bericht von einer Reise nach Afrika, wo er – in einem nicht näher bezeichneten Land – vielen Menschen geholfen habe und zum Dank nach einem Tagesausflug sein Bett „verkackt“ gefunden habe. Lohnt sich also Hilfe nicht? Warum wird man traurig, wenn man mit Greenpeace zwei Delphine gerettet hat?
„Es gibt ja auch falsche Aktivitäten, also die Leute können ja nicht nur handeln, um etwas zu verändern, sondern sie können auch handeln, um etwas zu verhindern, dass etwas passiert. Dass nichts sich ändert… Wie soll man aus all den Handlungen herausfiltern, dass was sich ändern könnte?“

Auch das Thema „Theater und Schauspielkunst“ wird auf höchst unterhaltsame Weise abgehandelt. „Theater basiert auf Teamwork“, heißt es da. Und wir als Zuschauer werden gefragt, warum wir während der Vorstellung an so banale Dinge denken wie, wo man seinen Füller verlegt haben könnte. Die Antwort folgt auf dem Fuße: weil die Emotionen von den Schauspielern übernommen werden.

Ab und an spielt das Bühnenbild – eine übrig gebliebene Doppelhaushälfte mit dem schönen Titel LAST CHANCE - quasi mit. Sie lässt sich wie eine „tibetanische Gebetsmühle“ drehen und drehen und alles scheint aus dem Ruder zu laufen.

Ein Abend voller gekonnter Slapstickeinlagen, mit vielen Anspielungen und Zitaten (Monty Python und der Film „Gravity“ seien da als Quellen genannt) und – last but not least – eine Inszenierung, die von vier hervorragenden Schauspielern getragen wird: Katja Bürkle, Sandra Hüller, Benny Claessens, Kristof Van Boven.

In der sich in Mülheim traditionsgemäß an die Vorstellung anschließenden Podiumsdiskussion erfuhr man, dass Pollesch seinen Text in Kooperation mit seinen Akteuren entwickelt und modifiziert. So wird der Abend ganz besonders von diesem Team getragen. Es macht Spaß, dem teils amüsant-intellektuellen, dann wieder scheinbar absurd- komischen Geplänkel zu folgen und sich an dem exzellenten Spiel des Quartetts zu erfreuen.