Wilhelm Tell im Mülheim, Theater an der Ruhr

Bergvagabunden in Stauffachers Kneipe

„In rasantem Tempo" werde man gleich für uns die Geschichte von Wilhelm Tell spielen. Der Schauspieler Thomas Schweiberer begrüßt uns mit behäbigem Schweizer Akzent und wünscht für die nächsten viereinhalb Stunden gute Unterhaltung. Nähmen wir's ernst, würden wir zwei Schlüsse ziehen: Erstens: So rasant wird's wohl nicht werden. Zweitens: Wir brauchen heute Abend wohl viel Sitzfleisch. - Schlussfolgerung Nr. 1 stimmt, zumindest was das Sprechtempo angeht. Schlussfolgerung Nr. 2 stimmt nicht, denn in eineinhalb Stunden ist alles vorüber. Drittens übrigens wird es gute Unterhaltung.

Gespielt wird dieser Wilhelm Tell in einer kleinen Schweizer Kneipe. Die ist zwar urig, liegt aber im Nachbarkanton Schwyz. Schweiberer spielt nämlich den Schwyzer Landmann Werner Stauffacher, und die Kneipe wird von dessen Gattin Trudl geführt, der Gertrud Stauffacher. Sie, also die Kneipe, heißt „Zum Rütli"; die weltberühmte Rütli-Wiese liegt vermutlich gleich vor der Tür. (Doch halt: weltberühmt ist sie ja noch nicht, genauso wenig wie der Wilhelm Tell: „erst müssen wir das Stück ja noch spielen", sagen mit folgerichtiger Logik die drei Landmänner.) Auch Stauffachers Kollege aus Uri ist natürlich anwesend in der urigen Pinte: Matthias Horn gibt den Walther Fürst. Lang und dünn überragt Boris Schwiebert als Arnold vom Melchtal aus Unterwalden die beiden Zechkumpanen. Hat Thomas Schweiberer bei aller bräsigen Grobmotorik auch einen Rest von Verschmitztheit, ist der Hinterwäldler aus Unterwalden vor allem ein unterbelichteter sympathischer Jungspund.

Fremdenzimmer hat es übrigens auch bei der Frau Stauffacher; in einem von ihnen wohnt ein Dichter aus Deutschland. Der heißt nicht Schiller, sondern Schubart, ist ein wenig kränklich wie Schiller zur Zeit der Entstehung seines Wilhelm Tell und lässt sich auch schon mal aus der guten Stube schicken, wenn die Schweizer allzu Schweizerisches zu verhandeln haben. In der Schweiz, das wissen wir ja spätestens seit dem letzten Volksentscheid, ist man gerne unter sich. Den deutschen Dichter Schubart gab es übrigens wirklich: Er war Zeitgenosse von Schiller, zählte wie dieser zu den Vertretern des Sturm und Drang, legte sich mit der absolutistischen Herrschaft in Württemberg an und diente Schiller als Inspirationsquelle für seine Räuber. Regisseur Jo Fabian hat ihm mit dieser Inszenierung ganz unauffällig ein kleines Denkmal gebaut. Vielleicht inspirierte Schubart den großen Meister ja auch zu Wilhelm Tell; allerdings war er längst tot, als Schiller seinen Schweizer Nationalhelden modellierte. Sicher stecken ein paar Schubart-Gedanken in den listig in die Inszenierung eingeschmuggelten politischen Ideen der Regie.

Schweiberer, Schwiebert und Horn spielen lustvoll mit den Schweizer Klischees; die drei verschrobenen Luis-Trenker-Typen sind ein bisschen langsam, ein bisschen ausländerfeindlich und ein bisschen nationalistisch. Das ist lustig; lange Zeit sitzen wir mit breitem Grinsen im Parkett, aber gerade wir in Deutschland wissen ja, was sich aus dumpfbackigem Nationalismus entwickeln kann. Der Rütli-Schwur, das Entstehen der Eidgenossenschaft wird uns später daran erinnern: Mit messianisch erleuchtetem Blick und Timoschenko-Zopf gibt Gabriella Webers Gertrud Stauffacher den Takt vor, und zu anschwellendem Trommelmarsch entwickelt sich der Eid zu einer faschistoiden Beschwörungsformel. In ekstatischer Stimmung bricht Trudl zusammen. Ganz ironisch, ganz leichthin ist das inszeniert - und doch bekommt die Szene einen bedrohlichen Charakter.

Zu den Schweizer Wahrheiten und Klischees gehört natürlich auch La Montanara für das Objektiv. „Herrliche Berge, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir", singen die Landmänner dem vorübergehend leutselig sich gebenden Reichsvogt Gessler als Geburtstagsständchen; immer mal wieder erscheint auf dem Bildschirm zentral über der Szene ein makelloses Bergpanorama samt Fremdenverkehrswerbung, und dazu tanzt ein herziges Schweizer Madl an der in Mülheim gar nicht vorhandenen Rampe entlang. Da hat der Jo Fabian doch tatsächlich dem Christoph Marthaler eine Idee geklaut, aber wer kann sich in Mülheim schon an dessen Baseler Unanswered Question erinnern? Witzig ist das allemal.

Aber Fabians Witz ist höchst subversiv. Mancher wird die vor allem für die Zielgruppe der Schulklassen konzipierte Inszenierung als köstliche Comedy genießen, aber man muss nicht einmal allzu genau hinhören, um Fabians eigentliches Thema zu entdecken: den Faschismus, der in der Beschränkung auf die eigene enge Welt liegt: in der gemütlichen, leutseligen Abgrenzung von Stauffacher, Fürst und Melchtal von der Welt außerhalb der engen Schweizer Täler und in der abgehobenen, volksfernen Abgrenzung des sich an geliehener Macht berauschenden Reichsvogts von der Kultur des von ihm beherrschten Volksstammes. Den Hermann Gessler hat Fabian wohl dem habsburgischen Kämmerer und Landvogt im zürcherischen Grüningen des Jahres 1375 nachgebildet, der als ein mögliches Vorbild für den Gessler der Tell-Legende gilt. Österreicher jedenfalls ist er, und die feindliche Übernahme von Uri, Schwyz und Unterwalden beginnt erst einmal damit, dass Gessler die Landmänner ihre Familiennamen im österreichischen Dialekt auszusprechen lehrt. Anders als die behäbigen Schweizer pflegt Wolf Gerlachs Gessler eine schnelle, scharfe Sprache, die für sich genommen bereits die interkulturellen Differenzen auf die Spitze treibt. Auch er grenzt sich ab von der fremden, „anderen" Welt, die er als Statthalter seines Königs kontrollieren soll, aber er hat die Macht. Seine Willkür und sein autoritäres Gehabe werden in seinem ersten Auftritt ein wenig zu lange und zu lustig ausgewalzt; später liegt seine Schreckensherrschaft gerade in den permanenten, nicht ausrechenbaren Wechseln zwischen Anbiederung und Schikane. Übergangslos kippt sein Verhalten von vorgeblicher Fraternisierung in faschistische Tyrannei und Unterdrückung.

Dass ausgerechnet Tell ihn zur Strecke bringt, ist Zufall. Wilhelm Tell ist lange eine unbedeutende Nebenfigur in dieser Inszenierung - der Waldschrat par excellence, der sich aus allem heraushält, allenfalls mal stumm mit seinem hübschen Weib und seinem durch eine Holzpuppe dargestellten Sohn durchs Fenster guckt. Mit Politik will der nichts zu tun haben - und so ist ihm die Anweisung zum Grüßen des Gessler-Huts unbekannt. Unter dem Druck des Tyrannen ist es mit der Solidarität des Schweizer Landvolks nicht weit her; auf seine Frage, wer das Gebot nicht beachtet habe, brummeln alle feige wie Viertklässler in der Schule: „Na, der Wilhelm." Und dann zeigt Gessler, dass er sich doch auskennt mit den kulturellen Eigenheiten des Bergvölkchens im Westen Austrias. Er kennt dessen Vorliebe für direkte Demokratie. Und lässt das Publikum abstimmen, wie denn das Drama enden soll: Apfelschuss oder Happy End? Bei der Premiere war es wie beim Volksentscheid über die Begrenzung der „Masseneinwanderung": Es gab eine knappe Mehrheit für die weniger menschenfreundliche Lösung. Apfelschuss also - und zwar nicht per Armbrust, denn die beherrscht der Tell ja, sondern per Gewehr, und das geht schief. Nach eindreiviertel Inszenierungen („Kabale und Liebe" eingerechnet) findet die auf stumme Rollen abonnierte Annegret Thiemann erstmals zur Sprache: „Warum tust du das?" Doch sie rettet den Bub nicht mehr. Musik, Aufruhr, Chaos. Und Tell wartet nicht auf Küssnachts hohle Gasse, sondern er erwürgt den Reichsvogt on the spot. Es soll übrigens auch die Happyend-Lösung geben. Irgendjemand wird sie uns dereinst erzählen.

 

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