Die Räuber im Oberhausen, Theater

Blues in den böhmischen Wäldern

Armer alter Moor. Der alleinerziehende Vater war überfordert mit der Erziehung seiner Racker Karl und Franz. Der eine ging unter die Räuber, und der andere wurde ein intriganter, heimtückischer Egoist. Nicht überliefert hat uns Friedrich Schiller, dass der alte Moor wohl auch sein Schloss durchgebracht hat. Was am Theater Oberhausen als Schloss firmiert, ist eher eine kleinbürgerliche Ruhrpott-Wohnküche. In der steht zu Beginn des 3. Aktes die Kanaille Franz und kocht für seine Amalia. „Nicht meine Gemahlin, meine Maitresse sollst du sein“, haut er ihr charmant um die Ohren. Lise Wolle flieht die Idylle und versucht, sich mit Hilfe eines Stricks und eines Zuschauers aus der ersten Reihe umzubringen. Spätestens jetzt macht die Aufführung Freude.

Regisseur Karsten Dahlem hat das Stück, mit dem Schiller seinen Durchbruch als führender Vertreter des Sturm und Drang feierte, für die Zielgruppe der klassikergeplagten Schülerinnen und Schüler inszeniert und dabei bewusst auf Spaßtheater gesetzt. Die wilde Räuberbande wird arg marginalisiert; stattdessen konzentriert sich Dahlem auf das Familiendrama derer von Moor. Das ist brisant genug und liefert dem Team ausreichend Gelegenheit, Schillers Thema von Recht und Gerechtigkeit zu beleuchten, allerdings bleibt die politische - auch die gesellschaftspolitische - Dimension des Stückes auf der Strecke. Schon vor der dritten Vorstellung, die der Rezensent besuchte, tobt der Streit: Darf man das? Mancher Kritiker reagiert ungehalten.

Das tut Franz Moor auch: „Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein“, behauptet er. Vorn an der Rampe steht Eike Weinreich und richtet eine Klage über die Ungerechtigkeit der Welt an das Publikum: Warum ist nicht er der Erstgeborene, warum hat die Natur ihn mit so viel Hässlichkeit ausgestattet? Doch Franz weiß auch: „Das Recht wohnet beim Überwältiger“ - eine hochaktuelle Auffassung in Zeiten der Ich-AGs, in denen jeder Anflug von Gemeinsinn oder gar Altruismus als Schwäche gilt. Das Thema des Abends ist gesetzt, und zwar in Schiller Worten. Der Wechsel zwischen coolem Jugend-Sprech und Schiller’scher Formulierungskunst macht einen nicht unwesentlichen Reiz von Dahlems Inszenierung aus.

Dabei ist dieser Franz gar nicht so übel dran; ihm „Hottentottenaugen“ zu unterstellen, wäre jedenfalls ein klassischer Fall von übler Nachrede. Eike Weinreich hat zu viel von Tschicks Freund Maik Klingenberg  oder Simon Stones jugendlich-sympathischem Stürmer und Dränger Orest  (beide am gleichen Haus), um als die miese Ratte wahrgenommen zu werden, als die Schiller den Franz gezeichnet hat. Sein Schwarm Amalia, die Verlobte seines Bruders Karl, umarmt den künftigen Schwager wieder und wieder. Doch natürlich sind diese Umarmungen eher Begrüßungsrituale als erotische Versprechungen; unschuldig schwärmt Amalia Franz von dessen Rivalen Karl vor. Vater verwechselt sogar den Namen seines Sohnes: Der Leipziger Student Karl ist ihm näher als der Hausgenosse Franz. Dieser Mangel an Zuwendung ist es, der Franz zum Intriganten werden lässt – seine widerwärtigen Aktionen gegen Vater und Bruder, die Erniedrigungen, denen er Amalia aussetzt, sind letztlich Schreie einer verletzten Seele. In Oberhausen, wo sich Karsten Dahlems Deutung des Schiller’schen Dramas in hohem Maße auf den missratenen Sohn Franz konzentriert, vermögen wir diesen Zusammenhang nicht nur intellektuell, sondern auch emotional nachzuvollziehen.

Durch die Intrige des Franz wird Karl vermeintlich in die gleiche Lage versetzt. Nun ist es Sergej Lubic, der vorn ans Mikrofon an der Rampe tritt, als er den Brief erhält, in dem der Vater seinen Erstgeborenen zu verstoßen scheint: „Ich habe keinen Vater mehr!“ Lubic agiert permanent unter Strom, drückt manchmal ein wenig zu sehr auf die Tube, doch als sich jetzt seine Metamorphose vom Studenten mit anarchistischem Gedankengut zum Räuber in den böhmischen Wäldern vollzieht, ist das inhaltlich überzeugend und darstellerisch mitreißend: „BIS IN DEN TOD: DIE RÄUBER“ heißt der Rap. Väter und Söhne: Auch die übrigen Mitglieder der Bande, in Oberhausen sämtlich namenlos und ohne Individualität, erzählen nun in aufgeregter Gleichzeitigkeit von überwiegend gestörten Verhältnissen zu ihren Erzeugern. Später berichten sie vom Überfall auf die Stadt. Die Atmosphäre ist aufgeputscht – doch wer zuhört, wird die Brutalität der marodierenden Räuber und Mörder von der moralisch grundierten anarchistischen Gesinnung von Karl unterscheiden.

Karsten Dahlem und sein Team setzen auf eine dezidierte Pop-Ästhetik. Da wird der Brief an Karl mittels ferngesteuertem grünem (?) Postauto zugestellt; Kostüme und Requisiten scheinen das Stück zu banalisieren, Peter Gabriel und Peter Maffay, Gitarren-Crescendos und Volkslieder untermalen den Klassiker akustisch. Wie gut passt doch Gabriels „Darkness“ zur Stimmung und zur Lebenssituation der Amalia: „Alarms are triggered / Memories stir / It’s not the way it has to be“ singt Lise Wolle schon zu Beginn: „And I’m scared to be divine…“ Auch bei Gabriel geht es später in die Wälder, wie bei Karl, und Peter Maffay ist ja auch so ein Räuber, der über sieben Brücken aus dem Wald herausspaziert.

Es gibt viele witzige und einige intelligente Regie-Einfälle, aber doch fügen sie sich zunächst nicht zu einem harmonischen Ganzen. Bis die letzten dreißig, vierzig Minuten anbrechen. Plötzlich scheint es, als hätte das Ensemble seinen Stil gefunden. Die Aufführung wird fesselnd, die Atmosphäre dicht und intensiv. Trübsinnig, doch poppig. „Die Räuber lagern im Wald“ (Szenenanweisungen werden häufig vorgelesen) – und da lagern sie auf der Bühne und imitieren die Geräusche des Waldes. Doch gleichzeitig lagern im Bühnenhintergrund Franz und Amalie in Unterwäsche um den Küchentisch. Amalia spürt unwillkürlich: Da könnte Rettung nahen. Und lagert bald ebenfalls bei den Räubern. Dort singt sie so melancholisch wie Lise Wolle nur singen kann. Das wirkt geradezu spookig; die Aufführung wird zu einem großen, melancholischen Blues. Wer sich darauf einlässt, kann sich mittragen lassen von trauriger Poesie.

Nach und nach gehen alle tot. „Aber ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein“, sagt Franz erneut, nimmt eine goldene Hutschnur und erdrosselt sich. „Moors Geliebte soll durch Moor sterben“, bittet Amalia, und alle singen noch einmal, ganz leise und melancholisch: „Wenn ich ein Vöglein wär‘ und auch zwei Flügel hätt…“. Der entpolitisierte, verpoppte Schiller light geht stimmungsvoll zu Ende. 

Darf man das? Erlaubt ist’s, wenn’s gefällt. Die meisten Schüler freuten sich. Wenn ein paar von ihnen wiederkommen, ist Schiller light legitim. Und wissen Sie was? Dem Unterzeichner hat’s auch gefallen!