Ein Mann will nach oben im Bochum, Schauspielhaus

Ein Lehrstück über den Kapitalismus

1943 stellte Hans Fallada den Roman Die Eroberung von Berlin, der später den Titel Ein Mann will nach oben tragen sollte, fertig. Über sein Werk schrieb er: „Es soll sich um die Geschichte eines märkischen Kleinstädters handeln, der die Großstadt erlebt, von ihr erdrückt wird, dann in ihr eine Heimat findet“.
Intendant Anselm Weber und seine Dramaturgin Sabine Reich erarbeiteten eine Bühnenfassung, die jetzt zur Uraufführung kam.

Karl Siebrecht kommt 1909 aus der Provinz in das große Berlin, das er erobern will. Schon am Bahnhof lernt er Rieke Busch, eine tatkräftige Göre aus dem Wedding kennen, die ihn von Anfang an unterstützt: „Musst eben machen, dass sie bald von dir wissen. Das ist deine Sache“. Schnell erkennt Karl eine Chance, ein florierendes Geschäft aufzuziehen. Er schließt mit dem Fuhrunternehmer Wagenseil einen Vertrag ab, der ihn selbst begünstigt, Wagenseil aber benachteiligt. Skrupellos nutzt Karl die Möglichkeiten aus, die der Kapitalismus ihm bietet. Unterbrochen wird sein Aufstieg aber durch den Weltkrieg, der im Roman und auch in der Bühnenfassung als Scharnier dient.
Es gibt das Deutschland vor dem Krieg und danach, in dem nichts mehr so ist, wie es einmal war. Als Karl von der Front heimkehrt, muss von vorne anfangen und verdient erstes Geld mit dubiosen Schiebergeschäften. Dann steigt er mit Kalli Flau, einem alten Freund, in das Taxi-Geschäft ein.

Das Nachkriegsberlin bietet eine schillernde Szenerie. In einer Zeit politischer Unruhen und Umbrüche ist es Zentrum sexueller Freizügigkeit und laxer Sitten, so in Kabaretts und Nachtclubs. Karls nach dem Krieg geschlossene Ehe mit Rieke zerbricht. Auch die zweite Ehe mit Hertha Eich, die lieber seine Geliebte als seine Frau sein will und sich nur dem Willen ihres Vaters, eines Eisenbahndirektors, fügen muss, verläuft unglücklich. Karl scheitert – trotz sozialen Aufstiegs – letztlich als vereinsamter Mensch.

Anselm Weber hat in seiner Inszenierung an nichts gespart: 13 Schauspieler, ein großes Aufgebot an Statisten, zwei Musiker, sechs Tänzerinnen, zahlreiche Kostümwechsel.
Die Bühne im großen Haus ist leer. Riesige Aluminiumträger über der Spielfläche stellen eindrucksvoll Großstadtstraßen oder Gleise dar. Gut gewählte Videoeinspielungen aus der Anfangszeit des Kintops zeigen Projektionen von Bahnhöfen, U-Bahnen und Straßenszenen aus der Zeit.

Felix Rech überzeugt als ehrgeiziger Karl, der zielstrebig und mit Kalkül der Realisierung seines Traumes nachgeht. Sarah Grunert ist eine überaus anrührende, sehr emotionale Rieke, die nie die Bodenhaftung verliert. Auch die weiteren Darsteller verkörpern engagiert ihre Rollen, u.a. Matthias Kelle (Kalli Flau), Xenia Snagowski (Hertha Eich) und Martin Horn (Wagenseil). Cabaret Szenen mit präzise einstudierter Tanzchoreographie, diverse Lieder mit Berliner Lokalkolorit, freche Chansons (Anke Zillich glänzt hier als Chanteuse in einem Auftritt, der sehr an den Film „Cabaret“ erinnert, und in anderen Rollen) – all dies sind Schlaglichter, die jene unruhige, bewegte Zeit bebildern. Und dennoch: gerade die Szenen mit vielen Statisten verlieren bei Wiederholung an Wirkung. Chorisch vorgetragene Passagen ermüden auf die Dauer. Der Wechsel zwischen persönlichem Dialog und Erzählung – so sprechen Karl und Rieke mal in der ersten Person, dann in der dritten Person über sich – mindert den Blick auf das Persönliche. Es ist sicherlich ein Abend mit vielen, zum Teil zündenden Ideen, aber letztlich eine Art Geschichtsstunde, die das individuelle Schicksal und die Empathie mit den Protagonisten zuweilen etwas in den Hintergrund treten lässt.