Anna Karenina im Schauspiel Essen

„Ich bin völlig ausgehungert nach Liebe und bekomme endlich zu essen“ (Anna Karenina)

Der Roman Anna Karenina gilt – neben Krieg und Frieden – als künstlerisch schönstes Werk Tolstois. Eine Fülle von Personen, von Episoden, von Begegnungsorten, die bezeichnend für die „bessere Gesellschaft“ sind (Salons, Bälle, Oper) bieten dem Autor eine Menge Stoff für eine mikroskopisch genaue Beobachtungen und die detaillierten Beschreibungen menschlicher Gefühlsäußerungen.
Die zentrale Geschichte ist trivial: eine Ehebruchsgeschichte. Anna Karenina, eine Dame der höheren Gesellschaft, ist mit einem ungeliebten Mann, Alexej Karenin, verheiratet. Sie verliebt sich in Graf Wronski, verlässt Mann und Sohn, um dem Geliebten zu folgen. Dann wird sie jedoch mit dem Konflikt, den Sohn zu verlassen, um mit Wronski zu leben, nicht fertig und begeht am Ende Selbstmord. Neben dieser Dreiecksgeschichte gibt es die weitere eher prosaische Paarbeziehung Lewin-Kitty. Diese beiden gehen nach einigem Nachdenken eine Vernunftehe ein, die im scharfen Kontrast zu den zumindest am Anfang hohen Liebeserwartungen Annas und Wronskis steht.
Grundidee des Romans ist die Vorstellung, dass die Familie als Lebensgemeinschaft die Basis der Gesellschaft ist: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich“.

Thomas Krupa inszenierte in Essen die Bühnenfassung des Romans von Armin Petras, die vor sechs Jahren bei den Ruhrfestspielen zur Uraufführung kam.

Die Guckkastenbühne wird von einem breiten Goldrahmen eingefasst. Im Hintergrund sehen wir eine drehbare halbrunde Glasfassade. Diese Drehbühne erlaubt verschiedene Ein- bzw. Ausblicke in und auf Einzelszenen.

Die erzählte Geschichte hat mit dem analytischen Blick Tolstois auf die damalige russische Gesellschaft nicht mehr viel zu tun. Janina Sachau (Anna) ist mehr eine Frau von heute, die sich bewusst auf eine Liebesaffäre einlässt. Überzeugend vermittelt sie das Spektrum der verschiedenen Emotionen. Jörg Malchow gelingt es partiell, Graf Wronski als einen Mann darzustellen, der die Frauen anzieht. Unglaubwürdig wird es, wenn er in einer Szene mit Musik auf Händen läuft und dann rhythmisch klatscht - ein Ausdruck russischen Temperaments? Stefan Diekmann gelingt das Portrait des höheren Beamten Karenin – grau im grauen Anzug, mit Brille und drei-Tage-Bart. Nur besorgt um seine Karriere im Ministerium ob der Affäre seiner Frau.

Die Personen wechseln zwischen Dialogphasen und Berichten über sich selbst in der dritten Person. Was einen deutlich neutralisierenden Effekt hat. Die Vermittlung der zwischenmenschlichen Probleme verliert an Intensität. Die zwanghaft wirkende teilweise Modernisierung des Textes hilft da auch nicht weiter. So jammert Kitty (Silvia Weiskopf), die zunächst in Wronski verliebt war und sich dann mit Lewin (Sven Seeburg gibt ihn als unattraktiven Mann mit langen Haaren, der sich selbst nicht mag) zufrieden geben muss: „Ich stehe nicht auf Loser“. Karenin sagt einmal: „Ich könnte im Netz nachsehen“ und dann heißt es, dass „Shoppen in London“ es auch nicht brächte.
Manche Idee zündet kurzfristig, so der Riesenteddy, der durchaus für Annas Verhältnis zu ihrem Sohn stehen kann. Dann aber auch als Symbol für Wronskis Briefe an sie verwendet wird, um das Anna und Karenin im wahrsten Sinne des Wortes kämpfen.
Regieeinwürfe wie „könnt ihr mal die Bühne bitte drehen“ wirken nicht erhellend.

Insgesamt ein Abend, der sich trotz der guten Leistungen des Ensembles (zu nennen wären noch: Matthias Breitenbach als Annas Bruder Stefan, Evamaria Sacher als seine Frau Dascha) in die Länge zieht.