Des Teufels General im Köln, Theater Tiefrot

Tragödie eines Mitläufers

Die Rezeptionsgeschichte von Des Teufels General ist eine ziemlich wechselvolle. Nach der Zürcher Uraufführung 1946 ging das Stück über viele Bühnen, verständlich, denn die Aufarbeitung der Nazi-Zeit stand dringlichst an. Für den Bereich des Films wäre pars toto Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ zu nennen, für die Bühne das Zuckmayer-Drama. In der politischen Realität sorgten Jahre später die Prozesse um Eichmann und Auschwitz für besondere Aufmerksamkeit. Der Autor fürchtete, dass seinem Bühnenwerk in diesem Zusammenhang eine zu große Nachsicht mit sogenannten „Mitläufern“ unterstellt werden könnte. Er zog es zurück und gab es erst nach Bearbeitung wieder frei.

De neue Version kam 1967 in Berlin heraus (wie schon in Zürich führte Heinz Hilpert Regie) und hatte in Carl Raddatz einen offenbar noch stimmigeren Darsteller für den General Harras, als wie es zuvor Gustav Knuth, Martin Held oder auch O.E. Hasse gewesen ein sollen. Eine leichte, aber signifikante Umfärbung betraf die Figur von Harras‘ Freund Oderbruch, einem Flugzeugkonstrukteur, welcher in der Urfassung etwas rigoroser, ja fanatischer porträtiert war, während in der Bearbeitung seine Sabotageakte als eine human motivierte Tat herausgearbeitet sind. Eine ähnliche Korrektur hatte 1954 die Verfilmung von Helmut Käutner (mit dem sehr überzeugenden Curd Jürgens in der Titelrolle) versucht. Der Streifen vermag dank virtuoser Kameraführung auch den Moment suggestiv ins Bild zu setzen, in dem Oderbruch bei einem Flug mit Harras seinen „Trick“ demonstriert, scheinbar defekte Flugzeuge wieder auf Vordermann zu bringen.

Um kurz an die Handlung zu erinnern. General Harras (dem Jagdflieger Ernst Udet nachgebildet, auch wenn Zuckmayer sein Drama nicht als biografisches Dokument verstanden wissen wollte) ist in die Fliegerei vernarrt und nimmt für seinen Karriereaufstieg in Kauf, dass er von den Nazis vereinnahmt wird, obwohl er deren Politik unverhohlen kritisiert. Das führt zur heftigen Auseinandersetzung mit dem Kulturleiter Schmitz-Lausitz, der Harras schließlich nötigt, binnen zehn Tagen herauszufinden, was es mit den ständigen Defekten an fabrikneuen Flugzeugen auf sich hat. Es stellt sich heraus, dass bei alledem Oderbruch seine Hand im Spiele hat. Der sieht in seinen Sabotagen die einzige Möglichkeit, den Kriegswahnsinn aufzuhalten und nimmt dafür den Tod unschuldiger Menschen in Kauf. Harras erkennt Zwiespalt und Schuld in seinem Leben und fliegt als „DesTeufels (= Hitlers) General“ freiwillig in den Tod.

Käutners spektakuläre Filmsequenz ist auf der Bühne visuell natürlich nicht einzuholen. Im kleinen Theater „Tiefrot“ muss man sich in optischer Hinsicht sogar besonders stark einschränken. Die ersten Szenen finden auf einem, durch den Zuschauerraum gelegten Spielpodest statt. Die Bühne hinter dem Vorgang wird erst später bemüht. Hausherr Volker Lippmann, Darsteller der Zentralfigur, kann als Regisseur nicht viel mehr als ein hautenges Kammerspiel arrangieren, was ihm freilich dank spannungsgeladener Personenführung durchwegs gelingt. Wie fast immer in diesem Theater gibt es Auftritte durch’s Publikum.

Das Piano, an welchem Marcel Tusch bereits vor Beginn der Aufführung Salonhaftes zum Besten gibt, wird in der Aufführung immer wieder bemüht. Mit Schlagern von einst (sinnfällig Zarah Leanders „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“) soll vermutlich ein gewisser Revuecharakter erzeugt werden. Das schafft zunächst einige Atmosphäre, verselbstständigt sich dann aber zu stark. Zudem ist keine(r) der Darsteller sängerisch wirklich angemessen. Das Ganze mündet dann auch noch in einen ziemlich fragwürdigen Schluss. Man hört das Lied „Sag‘ mir, wo die Blumen sind“, der Idealist Hartmann variiert seine Strophe mit dem Wort „Soldaten“, Oderbuch die seine mit dem Wort „Gräber“. Und dann wird Schmitz-Lausitz von der braunen Heulboje „Pützchen“ bis auf seinen Weiber-Straps entkleidet und erotisch angemacht. Durch den Zuschauerraum knallt ein „Heil Hitler“. Hier entgleitet dem Regisseur wohl doch der Bühneninstinkt. Warum nicht das Zuckmayer-Original mit der kalt-offiziellen Todesmeldung?

Dass Jörg Kernbach sowohl die Kurzrolle des Oderbruch als auch die des den Sabotagen zum Opfer fallenden Harras-Freundes Eilers gibt, ist den Besetzungsgrenzen des Hauses zuzuschreiben, nichtsdestoweniger nachteilig. Ursula Wüsthoff charakterisiert die Opernsängerin Olivia mit schöner Divenhaftigkeit, Jule Schacht geifert angemessen als Pützchen, während die in Harras verliebte Dido bei Julia Karl etwas gesichtslos bleibt. Vielleicht macht die Erinnerung an den Käutner-Film ein wenig ungerecht. Dimitri Tellis gewinnt sich als Schmitz-Lausitz hingegen eine eigene Kontur, auch Maxi von Mühlen (Hartmann) und Mario Böttrich (Mohrungen) sind standfeste Typen. Und Volker Lippmann (Harras) dominiert wie immer mit vitaler Körpersprache und prägnanter Diktion.

 

Christoph Zimmermann

 

Kurz und bündig: Starkes Stück, nicht ganz so stark die Umsetzung