Qualitätskontrolle im Ringlokschuppen

Das Leben ist doch schön, oder?

Die Bühne deutet die Architektur eines Swimmingpools an. Maria-Cristina Hallwachs, heute 39 Jahre alt, hatte gerade ihr Abitur gemacht, als sie zu Pfingsten 1993 voller Lebenslust kopfüber in den Pool sprang. Leider an der falschen Seite. Im Kinderbecken betrug die Wassertiefe 50 Zentimeter.

„Heute fangen wir mit dem Ende an“, sagt Maria-Cristina Hallwachs: „Mit dem Tod.“ Der sei unspektakulär: „Kein Königinnenmord, nicht triumphal, nicht hässlich. Einfach ein Resultat.“ Und immer präsent: 21 Jahre nach dem Unglück wird Maria-Cristina Hallwachs immer noch künstlich beatmet; sie ist vom Kopf abwärts querschnittsgelähmt und „niemals allein“. 24 Stunden lang ist ein Pfleger um sie herum. Zwei von ihnen stehen heute mit ihr auf der Bühne: der gelassene, zugewandte und mit einem milden Humor ausgestattete Admir Džini? und die etwas unsicher wirkende, aber ihr Temperament nur mühsam zügelnde Timea Mihályi. Live erleben wir sie nicht nur in Spielszenen, sondern auch bei ihren Alltagseinsätzen: Admir muss Maria-Cristina einmal die Nase putzen, Timmy ihr das Pflaster neu kleben, das den Schlauch für die Zufuhr von Atemluft festhält. 100 Minuten lang aber verfolgen wir vor allem gebannt die Erzählung von Frau Hallwachs - einer Frau, die nichts als ihren Kopf bewegen kann, ihre lebhaften, strahlenden Augen. Sie entwickelt ein Charisma und eine Intensität der Darstellung, die aus übernatürlichen Kräften zu resultieren scheinen. Vor allem aber: aus einer unbändigen Lebenslust.

Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll haben aus Aussagen von Frau Hallwachs und ihrem Umfeld eine Textcollage zusammengestellt, die weit über die Rekapitulation der fatalen Lebenssituation der so fröhlich wirkenden Schwerstbehinderten hinausgeht. Natürlich erfahren wir Näheres über die Umstände ihres Unglücks - vor allem aber über die wochenlangen Diskussionen einer eigens eingesetzten Kommission darüber, ob man die lebenserhaltenden Maßnahmen fortsetzt oder nicht: „Ich habe die Ethikkommission überlebt“, sagt Frau Hallwachs und schmunzelt. In der Klinik, in die die Verunglückte eingeliefert wurde, war sie eine Sensation: die erste Patientin, die einen Genickbruch überlebt hatte. Sie berichtet über die Situation ihrer Familie. Welche übernatürlichen Kräfte auch die Eltern mobilisieren mussten, lässt sich nur erahnen. Zumal Maria-Cristina eine Schwester hat, die sich aufgrund einer seltenen Krankheit ab früher Kindheit nicht fort-, sondern zurückentwickelt hat auf den Stand eines Säuglings: „Zusammen sind wir perfekt: Isabellas Körper und mein Kopf“, sagt Hallwachs. Ganz ohne Bitterkeit, denn: „Das Leben ist doch schön, oder?“

Wie verbringt man den Tag, damit er schön und abwechslungsreich wird, wenn man sich nicht bewegen kann? Durch Lesen zum Beispiel - mit einem Metallstab am Rollstuhl, den sie durch eine Kopfbewegung in den Mund nimmt, blättert sie die Seiten eines Buches um oder bedient die Tastatur ihres Laptops. Durch Spiele: ein Rennen gegen die Uhr mit ihrem Hightech-Rolli über einen komplizierten Parcours, oder ein Memory-Spiel mit Hilfe von durch die Videotechnik auf den Boden projizierten Spielfeldern. Die Memory-Karten bilden Motive aus Schloss Grafeneck ab, einer berüchtigten Euthanasie-Anstalt der Nationalsozialisten. „Hier trägst Du mit: Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 RM“, steht auf einem der zeitgenössischen Plakate, auf denen ein kräftiger gesunder Volksgenosse zwei grob karikierte Kranke auf seinen Schultern balanciert.

Die Pflege von Frau Hallwachs kostet die Kranken- und Sozialkassen „in der Stunde soviel wie ein Olivenbäumchen im Gartencenter.“ Damit wäre sie bei der Qualitätskontrolle der Nationalsozialisten unzweifelhaft durchgefallen. Mit der ihr eigenen Sachlichkeit, Gelassenheit und Lakonie thematisiert Maria-Cristina Hallwachs die unterschiedlichsten Aspekte von, wie man es damals ausgedrückt hätte, unwertem Leben bis hin zu einem großen, im Vergleich zur übrigen Aufführung etwas überhöhten Schlussbild: Da befindet sich Hallwachs mit ihrem Rollstuhl in einer riesigen, überdimensionalen Fruchtblase. Es geht um Pränataldiagnostik. Im Falle eines zu erwartenden Down-Syndroms, so erfahren wir, bevorzugen fast 90 % aller Frauen einen Schwangerschaftsabbruch. Noch bei laufender Vorstellung überprüft der Zuschauer die eigenen Wertevorstellungen …

„Ich bin hart aufgekommen und doch weich gefallen“, heißt es einmal. Maria-Cristina scheint dankbar trotz ihres schweren Schicksals. „Das Leben ist doch schön, oder?“ - Hallwachs agitiert nicht, sie stellt zur Diskussion - die Überlegungen, wann ein Leben lebenswert ist, den Umgang mit Behinderten, das sogenannte Techno-Doping von Oscar Pistorius, finanzielle, psychische und physische Belastungen für die Gesellschaft und das persönliche Umfeld. Auf subtile Weise beeinflusst sie aber unsere Gedanken, denn da sitzt eine Frau vor uns mit einer unbeschreiblich positiven Ausstrahlung, die das Leben genießt. Im berührenden Schlussbild bittet sie ihre Pflegerin, ihre (Cristinas) Handflächen nach oben zu wenden: „Nichts liegt auf der Hand.“ - Das Leben ist schön.

Moderator Tilman Raabke benutzte in der anschließenden Publikumsdiskussion einen ungewöhnlichen Begriff für diesen Theaterabend: Er sei „anmutig“. Und tatsächlich: Anmutig wirkt diese großartige, mutige Frau, die mit dieser Aufführung auch zu einer großartigen Schauspielerin und einer geschickten Vertreterin ihrer Sache wird. Nach der Diagnose der Querschnittslähmung habe man ihr in der Klinik gesagt: „Du bist jetzt ein Kopfmensch.“ Ja, Maria-Cristina Hallwachs ist ein Kopfmensch; sie hat nach ihrem Unfall Französisch und Geschichte studiert, sie hat gemeinsam mit Helgard Haug und Daniel Wetzel einen großartigen, sehr differenzierten Themenabend entwickelt, der weit über das Genre des Dokumentartheaters hinausgeht. Aber sie ist und bleibt auch ein Bauchmensch: Sie zeigt Einfühlungsvermögen und Gefühl. Der Schreiber dieser Zeilen war an diesem Abend mehrfach emotional überwältigt im Bewusstsein, dass die Person, die dieses schwierige Leben zu meistern hat, live und in Farbe vor ihm stand. Von ihrem Schicksal, aber auch von ihrem Humor und ihrem Lebensmut.

„Qualitätskontrolle“ ist einer der wichtigsten, aber auch der emotional berührendsten Theaterabende der letzten Jahre. Ob er beim „Stücke“-Festival richtig aufgehoben ist, mag man bezweifeln, denn er dürfte kaum nachspielbar sein. Er lebt zu einem großen Maße von der Authentizität der Darstellung durch die Betroffene selbst. Ihn aber nicht eingeladen zu haben zum Festival der besten deutschsprachigen Dramen der letzten 12 Monate, wäre unverzeihlich gewesen.