Korijolánusz im Globe Theatre Neuss

Man isst, schläft und zahlt Steuern

Die Klamotten, die die Plebejer auf der Bühne tragen, sehen aus, als seien sie der Kleidersammlung der ungarischen Vorwende-Bevölkerung entnommen. Sein „Korijolánusz“ sei eine ganz und gar ungarische Aufführung, sagt Csaba Polgár. Der 32jährige Regisseur sieht in Shakespeares Coriolan Parallelen zur Entwicklung von Politik und Gesellschaft im Nachwende-Ungarn. Anfang der 90er Jahre vertraute die Jugend auf die Kraft der gesellschaftlichen und politischen Neustrukturierung. Die Hoffnung auf eine Nachhaltigkeit des Demokratisierungsprozesses repräsentierte unter anderem ein junger Studentenpolitiker mit modernem liberalem Weltbild, der im Jahre 1989 erstmals auf sich aufmerksam machte: Anlässlich der Umbettung von Imre Nagy, dem Helden des Volksaufstands von 1956, forderte er in einer mitreißenden Rede den Abzug der in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen. Der Name des jungen Freiheitskämpfers: Viktor Mihály Orbán.

Mittlerweile ist Viktor Orbán ungarischer Ministerpräsident. Immer noch kämpft er für die Freiheit: für eine Freiheit wie er sie versteht, eine Freiheit, die in einem tiefen rechtskonservativen Nationalismus wurzelt. Besonders schwierig gestaltet sich die Beziehung zu den Nachbarstaaten mit ungarischen Minderheiten; Scharmützel mit der Slowakei sind an der Tagesordnung, Konflikte mit Rumänien flackern immer mal wieder auf. Die Pressefreiheit wurde unter Orbán stark eingeschränkt, die Führung der Staatstheater ausgetauscht und mit linientreuen Funktionären besetzt; der kritischen freien Kulturszene wurden nahezu alle Fördermittel entzogen. Orbán sei ein ausgesprochener Kämpfer, schreibt Stephan Löwenstein in einem FAZ-Porträt anlässlich der Wiederwahl des Ministerpräsidenten im Mai 2014: „Er ist ein politischer Stratege, aber Geduld ist ihm fremd.“

Wie Viktor Orbán, so Coriolan. Geduld ist ihm fremd; auch er ist ein Kämpfer. Strategische Fähigkeiten hat er allerdings nur auf dem Schlachtfeld; ein Diplomat ist er nicht. Zoltán Friedenthal gibt in Polgárs Inszenierung den brutalen Feldherrn, der mit den feindlichen Volskern kurzen Prozess macht. Als Politiker aber ist er ein armes Würstchen. Einer Wahl soll er sich stellen - das empfindet der unbeweglich in aristokratischen Strukturen verhaftete Coriolan als Zumutung. Um sich in der Römischen Republik zum Konsul wählen zu lassen, muss er sich dem Urteil der Volkstribunen stellen. Mit heruntergelassenen Hosen zeigt er sich dem Volk, damit es die Wunden aus dem siegreich bestrittenen Krieg sehen kann. Das war der Überlieferung zufolge bei den alten Römern durchaus Brauch, doch bei HOPPart beschleicht einen das Gefühl, der gerissene Feldherr habe nicht verstanden, was „Hosen runterlassen“ auf dem politischen Parkett bedeutet. Als seine Mutter Volumnia, die eigentliche Strippenzieherin seiner Karriere, ihn auffordert, sich endlich den demokratischen Regeln und Umgangsformen anzupassen, fragt er, ob er sich nun rasieren müsse: Hier ist einer, der nur vordergründig denken kann, der wörtlich nimmt, was im übertragenen Sinne zu interpretieren wäre. Coriolanus ist veränderungsresistent - und wohl auch blockiert, denn die Regeln der Demokratie sind ihm fremd. „Er benutzt die Sprache schlecht, doch umso besser handhabt er das Schwert“, versucht ihn der Patrizier Menenius Agrippa zu entschuldigen. Unbeholfene aber beißen zu, reagieren cholerisch. Anstatt zu werben, schüchtert Coriolan ein. Von den Senatoren nach seinem politischen Programm befragt, schnauft er verächtlich durch: „Was geht euch das an?“ Das Verhalten des Römers gleicht der Unbeholfenheit, dem Starrsinn und der Veränderungsresistenz alter Kader aus den kommunistischen Diktaturen, die nach der Wende zurück an die Macht strebten.

Bei solchen Kadern hat das Volk Bedenken. Die in der stark eingekürzten Textfassung von Ildikó Gáspár und Gergely Bánki ungeschliffene Sprache und das ungehobelte Benehmen Coriolans wecken ohnehin wenig Vertrauen, aber das Volk kennt seine Pappenheimer aus den Zeiten des römischen Kaiserreichs oder der Vorwendezeit: Coriolan muss seine Bewerbung zum Konsul in schlichter Toga abgeben, die keine Taschen hat: In denen könnte er das ja Geld zum Stimmenkauf verstecken. Für die neue Zeit hat Coriolan keine Lösungen. Stattdessen schlägt er die Einschränkung von Presse- und Reisefreiheit und die Überwachung der Kommunikationskanäle vor. Korruption, Seilschaften und Amigo-Affären, Stasi-Methoden und eine arrogante Missachtung des Volkswillens - all das steckt im Coriolan - und steckt in den Erfahrungen der jüngeren Generation in den Transformationsstaaten.    

Alter Kader ist in der Budapester Aufführung eigentlich eher Coriolans Gegenspieler Aufidius. Der Anführer der Volsker scheint sich bereits zur Ruhe gesetzt zu haben; scheinbar altersmilde sitzt Sándor Terhes auf dem Balkon im 2. Stock des Globe Theaters und gießt die Blumen. Doch auch im friedlichen Rentner schlummert der Kriegsherr. Kurz und schmerzhaft zwar verliert er den ersten Kampf mit Coriolan: Ein kurzes Wortduell, ein paar Ohrfeigen, ein angedeuteter Ringkampf zweier Machos - und schon muss Aufidius aufgeben. Aber langfristig ist Aufidius der bessere Stratege. Er verbündet sich später mit dem abgeblitzten und kurz vor der Verbannung stehenden Römer zum Angriff auf dessen Heimatstadt. Wo er dann allerdings wiederum in einer überraschenden Wende von Coriolan im Stich gelassen wird und mit geschickten taktischen Manövern das römische Volk zum endgültige letalen Schlag gegen Coriolan verleitet. Terhes gibt die Figur des Aufidius scheinbar friedliebender und weniger überhitzt als Coriolan, doch spielt auch er eine zwielichtige Rolle in Shakespeares Stück - und eine, für die wir Vorbilder in den Transformationsstaaten finden.  

Doch nicht nur die Polit-Kader kommen bei Polgár schlecht weg: Auch die Plebejer und ihre Volkstribunen spielen alles andere als eine rühmliche Rolle. „Everybody gets a free beer and wurst, and then people don’t worry about politics anymore“, hatte der anwesende Regisseur bei der Stück-Einführung gesagt. So sei das schon im Sozialismus gewesen, und so sei es noch heute. Und tatsächlich heißt es dann im Stück über die wenig politisierte Bevölkerung von Rom wie von Corioles: „Man isst, schläft und zahlt Steuern“. Der Volksaufstand gerät zu einer Art Ringelpiez mit Anfassen; den siegreichen Feldherrn empfängt man mit Karnevalströten, und ansonsten schwankt das Volk wie ein Fähnchen im Wind - wes Brot ich ess, des Lied ich sing‘. Die leere Kühltruhe, die eine der wenigen, dafür aber vielseitig eingesetzten Requisiten ist, mag auch in dieser Hinsicht eine Metapher sein, und Brecht, dessen Coriolan-Version ebenfalls Eingang in den Text gefunden hat, wusste ja schon 1928: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Oft haben diese Szenen etwas Burleskes, so wie die gesamte Aufführung voller humorvoller Ideen steckt. Doch dieser Humor steckt im Hinblick auf die junge Demokratie Ungarns voller Bitterkeit, Pessimismus und Fatalismus.

Polgár ist nicht der inszenatorische Feinmotoriker, aber er kleidet seine Polit-Kritik in eine höchst unterhaltsame Form. Nicht einmal vor den Mitteln des Volkstheaters schreckt er zurück. Seine Schauspielerführung wirkt manchmal etwas holzschnittartig, aber es geht dem Regisseur um den Wiederkennungswert, um eindeutige politische Aussagen, nicht um eine differenzierte Ausgestaltung der einzelnen Charaktere. Notfalls werden da auch schon mal die Volsker mit den Slowaken verwechselt, damit jeder die Anspielung auf die notorischen Ängste der Ungarn vor ihren Nachbarn begreift. Heiter verfolgen wir die Polit-Kritik und doch nachdenklich. Immer wieder stellen die Schauspieler ihr Gesangstalent unter Beweis: Choräle von Händel oder Mozart und Popsongs von ABBA oder Cat Stevens kommentieren das Geschehen ironisch.

Langer Applaus im leider nur gut zur Hälfte ausverkauften Globe für großartiges politisches Theater, das auch im fernen Deutschland problemlos verständlich ist und das wir nicht nur auf Viktor Orbán und seine Kumpanen, sondern auch auf viel gefährlichere Zeitgenossen beziehen können: In diesen Typen, die wir da auf der Bühne gesehen haben, steckt auch eine ganze Menge Putin…   

 

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