Dimensionen im Asphalt-Festival Düsseldorf

In Abgründe geschaut

Doree ist Zimmermädchen im Blue Spruce Inn. Eine einfache, bescheidene, noch junge Frau ohne besondere Ambitionen. Zu Beginn sitzt Doree im Bus, auf dem Weg zur „Anstalt“. Ja, unsere Vermutung ist richtig, es handelt sich um eine psychiatrische Anstalt. Sie wird dort ihren Ehemann besuchen.

Am Ende sitzt Doree erneut im Bus. Erneut ist sie auf dem Weg in die Psychiatrie, um ihren Mann zu besuchen. Doch diesmal nimmt ihre Fahrt aufgrund eines grauenvollen Unfalls ein abruptes Ende. Dieser Unfall - dürfen wir es sagen, dürfen wir es hoffen? - könnte für Doree zur Befreiung werden. Zur Befreiung aus einer unvorstellbaren Umklammerung, einer perfiden Inbesitznahme durch ihren Gatten. Im letzten Satz ihrer knapp vierzigseitigen Erzählung Dimensionen gönnt uns Alice Munro einen winzigen Hoffnungsschimmer. Das ist nach allem, was zuvor geschah, geradezu überraschend. Was zuvor geschah, werden wir nicht verraten. Doch es ist von einer Düsternis und einem Entsetzen, die uns den Atem rauben. Alice Munro, die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2013, hat einen Psycho-Thriller geschrieben, der ganz, ganz banal beginnt und uns dann unerbittlich Stück für Stück die Kehle zuschnürt. Eine brillante literarische Komposition in ganz alltäglicher Sprache. Ihre Erzählung lässt uns in unvorstellbare Abgründe blicken. Doch so unvorstellbar diese Abgründe sein mögen, so sicher wissen wir beim Lesen oder Hören der Geschichte: Diese Abgründe könnten sich auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auftun. Und nichts würden wir davon ahnen.

Dabei ist Munros Geschichte alles andere als reißerisch konstruiert. Munro erzählt völlig unaufgeregt, aber psychologisch so schlüssig, mit einer solchen Menschenkenntnis und einem solchen Einfühlungsvermögen in ihre Protagonisten, dass man fast vergisst, dass man es „nur“ mit Fiction zu tun hat. Allein mit den 35 Seiten von Dimensionen lässt sich der Literaturnobelpreis rechtfertigen. Geradezu kongenial hat die 32jährige Schauspielerin Viola Pobitschka, ein früheres Ensemble-Mitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus, die Erzählung nun in einer Koproduktion mit dem Asphalt-Festival als musikalisch-szenische Lesung inszeniert und gemeinsam mit ihrer früheren Düsseldorfer Kollegin Friederike Linke auf die Bühne gebracht. Begleitet werden beide von dem Rising Star der israelischen Jazz-Szene, dem in Düsseldorf lebenden Jazz-Pianisten Omer Klein.

 „Szenische Lesung“ - das kann bekanntlich alles sein bis hin zur expressiven Performance. Pobitschka und Linke passen sich jedoch dem unaufgeregten Schreibstil ihrer Autorin an und belassen es bei der Lesung. Sie sitzen in der Mitte der Bühne an einem Tisch und reichern ihren Text nur in seltenen Momenten mit ein paar angedeuteten Bewegungen an. Sie lesen leise; verstärkt wird ihre Sprache durch zwei Mikrophone. Ein dramaturgisches Mittel ohne Zweifel, denn die Halle der Alten Farbwerke in Düsseldorf-Lierenfeld, in der die Uraufführung ihrer Produktion stattfindet, ist nicht so groß als dass man sie nicht ohne Mikro bespielen könnte. Puristisches Spiel, leise Sprache, aber elektronische Verstärker - das erhöht die Intensität des Hörerlebnisses, zwingt zum Zuhören und unterstreicht die Ungeheuerlichkeit des Geschehens. Vor allem aber haben Pobitschka und Linke bemerkenswert genau auf Munros Text gehört. Ungeheuer intensiv müssen sie sich mit ihm auseinandergesetzt haben, um ihn auf derart eindringliche Weise zum Klingen zu bringen. Es gelingt den beiden Schauspielerinnen, die psychologische Schlüssigkeit des unbegreiflichen Geschehens im Vergleich zum Leseerlebnis noch zu verstärken. Wir erleben die perfide Art, mit der Lloyd seine Frau Doree destabilisiert und trotz des unvorstellbaren Verbrechens, das er an ihr und ihrer Familie begangen hat, erneut in seine Abhängigkeit bringt. Und wir wissen: Das ist wahr. Perfekt beglaubigen die Schauspielerinnen Munros Figuren. Besondere Intensität erhält die Aufführung, wenn die eine aus der Erzählerperspektive von ihren Gedanken berichtet und die andere gleichzeitig aus der Ich-Perspektive diese Gedanken ausspricht.   

Und besonders intensiv wird die Atmosphäre, wenn Omer Klein am Flügel zu den emotionalen Höhepunkten der Erzählung in die Tasten haut. Der Pianist hat seine Komposition vollkommen dem Text und dem Spiel seiner beiden Kolleginnen untergeordnet. Meist untermalt er den Text der Schauspielerinnen unaufdringlich, aber wirkungsvoll; in den Momenten besonderen Spannungsaufbaus übernimmt die Musik auch schon mal die Führungsarbeit. Zum erschreckenden Höhepunkt der Geschichte, der erstaunlicherweise nicht am Ende, sondern in der Mitte der Aufführung liegt, brilliert Omer Klein mit einem virtuosen Crescendo - Musik und Handlung lassen uns atemlos in unseren Theatersesseln zurück.

Das Zusammenspiel von Pianisten, Schauspielerinnen und Text ist an Perfektion kaum zu überbieten. Irgendwann sollten Pobitschka, Linke und Klein aus diesem Abend ein Hörbuch machen. Aber sie sollten sich Zeit damit lassen. Denn zuvor müssen noch viele, viele Theater zugreifen und das Gastspiel dieses brillanten, ja: nahezu perfekten Abends einkaufen!