Ein Sommernachtstraum im Schauspielhaus Düsseldorf

Pullunder, Puck und Popmusik

Pullunder, Puck und Popmusik, dazu eine mit Staniolpapier ausstaffierte "Factory"-Bühne und eine Handvoll Pappkameraden - unter anderem Mick Jagger und Bob Dylan - die sich um ein Schlagzeug scharen. Damit startete das Schauspielhaus Düsseldorf jetzt in die neue Theater-Saison. Der katalanische Regisseur Alex Rigola versetzte Shakespeares Sommernachtstraum in die Kreativitäts-Höhle des Andy Warhol der 1968'er Jahre, Max Glaenzel zeichnete für die Bühne verantwortlich. Wie der herrliche Moritz Führmann als Puck und Mädchen für alles von Warhol-Oberon ein bisschen Rauschgift zu sich nimmt, um daraufhin in einen wirklich irren Tanz mit der einzig-einsamen Elfe Klara Deutschmann zu verfallen, so setzt Oberon auch das Zauberelixier ein, um seiner Gattin Titania einen bösen Streich zu spielen.

Der Zauberwald nahe Athen besteht bei Rigola aus einer Menge von Barillo-Boxen, neben die sich Hermia und Lysander mit weißen Hemden und curry-gelbem Rock und Pullunder schlafen legen. Zuvor sind sie vor Theseus geflohen, der Hermia unbedingt mit Demetrius vermählen wollte. Auch der ist im Wald, verfolgt von Helena, die ihn erfolglos anschmachtet. Natürlich vertut sich Puck und gibt nicht Demetrius,, sondern Lysander die Tropfen. Und der rastet völlig aus. Mag sein, dass das im Drogenrausch so geht, aber das Zucken und Lallen über viel zu lange Minuten nervt den Zuschauer.

Derweil gibts in Warhols Factory eine '68er-Fete mit Bananenkostüm, einem nackt radelnden Puck, einem Oberon in Picasso-Streifen-Pulli und natürlich vielen Polaroid-Fotos und einer Super-Acht-Kamera, die alles und jeden ablichten und für die Nachwelt festhalten. Die Gäste und Kunstwerke werden arrangiert, der Meister selbst drückt nur noch auf den Auslöser, die Unterschrift macht auch ein Helfer - ganz so wie bei einem bekannten Düsseldorfer Maler, der auch mit Drogen und ihn bewundernden Studenten in Düsseldorf Kunst machte und machen ließ. Aber nein, wir sind doch im Factory-Wald bei Athen.

Tatsächlich wird in der Düsseldorfer Inszenierung auch Shakespeare rezitiert, in der Übersetzung des legendären Jürgen Gosch. Das macht Spaß. Der kommt erst recht auf, als die Handwerker auf der Bühne erscheinen, um ein Theaterstück zu proben, dass sie bei Theseus aufführen wollen und das sie - warum eigentlich - ausgerechnet in der Toilette von Warhols Factory einstudieren. Grandios hier die zweite Hauptperson des Abends: Zettel. Den spielt Urs Peter Halter einfach wunderbar nervend, wie er sich für die Idealbesetzung jeder der Rollen in den Vordergrund spielt, ist Rampensau total.

Natürlich sucht sich Oberon Zettel aus, um der vom bärtigen Edgar Eckert gespielte Feenkönigin Titania Eins auszuwischen. Und wieder ist es Puck, der die Elixiere - hier kommen sie aus Apothekerfläschchen - verabreicht. Aus Zettel wird ein Esel mit einem Riesenglied und Saugstopfen als Ohren. Wahrhaft ein Zettel-Esel von der traurigen Gestalt eines Don Quichote, der dennoch in Titanias Schlafstatt landet und der mit ihr zusammen nach heftigem Geliebe einschläft. Sogleich ist Warhol-Oberons Puck zur Stelle und hält die sittenwidrige Szene mit Polaroid-Aufnahmen fest, um ein Druckmittel gegen die Königin zu haben, die ihrem Gatten den Pagen verweigert, den er unbedingt haben möchte.

Es kommt wie es bei Shakespeares Sommernachtstraum kommen muss. Aller Alptraum hat mal ein Ende. Der Esel wird zu Zettel, Titania wieder die Feenkönigin, die vier jungen Leute, die zwischendurch einmal schrecklich lange Brüllen, Toben und Rumzicken, finden zueinander und die Theateraufführung der Handwerker findet in der Factory statt. Zauberhaft Katharina Lütten als "Wand", die die Liebenden trennt und die dennoch die Küsse der Liebenden weiterreicht. Nach pausenlosen zwei Stunden gibt es für Düsseldorfer Verhältnisse langen und verdienten Applaus - vor allem für die Schauspieler. Die Idee, den zauberhaften Sommernachtstraum auf diese Weise zu spielen, stammte übrigens noch vom Vorgänger des jetzigen Interims-Intendanten Günther Beelitz.

Während sich in der letzten Spielzeit das Foyer des traditionsreichen Hauses am Gustav-Gründgens-Platz zumeist schnell leerte, blieben sehr viele der Zuschauer auch zur Premierenfeier, bei der unter anderem die neuen Schauspieler am Haus kurz vorgestellt wurden. Bleibt zu hoffen, dass nach dem spritzigen Auftakt auch möglichst viele der folgenden Premieren erfolgreich sind.