Eine Jugend in Deutschland im Schauspiel Essen

Wenn Säure in die Seele sickert

Ernst Toller schien fast vergessen von den Theaterbühnen unseres Landes. Doch ein Jubiläum holt den Sozial-Revolutionär und hochsensiblen Schriftsteller zurück auf den Dichter-Thron: Im 100. Jahr nach dem Ausbruch des Ersten. Weltkriegs widmen ihm, der seine Kriegserlebnisse in erschütternden Dramen und einer nachdenklich stimmenden Autobiographie verarbeitet hat, gleich zwei Häuser in NRW eindrucksvolle Aufführungen. Das Schauspiel Essen geht dabei einen vollkommen anderen Weg als wenige Wochen zuvor das Düsseldorfer Schauspielhaus.

In Düsseldorf hatte Miloš Lolic eines der beiden bekannteren Toller-Stücke, den Hinkemann (http://theaterpur.net/theater/schauspiel/2014/10/duesseldorf-hinkemann.html), aus der Versenkung geholt und nahezu ohne jegliche Aktualisierungsversuche auf die Bühne gestellt. Die im Hinkemann dargestellten Brutalitäten und Traumata eines Krieges und die ergebnislosen Diskussionen über alternative politische Systeme zur Verbesserung der Welt sprächen angesichts der Ereignisse in Syrien und im Irak für sich, glaubte theater:pur den Regisseur der Düsseldorfer Aufführung interpretieren zu dürfen. Das Schauspiel Essen tut nun genau das, was Lolic in Düsseldorf vermeidet: Es schlägt einen Bogen in die Jetzt-Zeit und setzt die Ereignisse - vor allem die psychologischen und traumatischen Folgen - des 1. Weltkriegs in Bezug zu den Ereignissen und Folgen des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Dazu hangelt es sich an Tollers autobiographischem Text Eine Jugend in Deutschland entlang. Krieg und Heimkehr 1914/2014 nennen der Regisseur Moritz Peters und seine Dramaturgin Carola Hannusch ihr gemeinsames Projekt im Untertitel.

Toller zog mit einem Gefühl in den Krieg, das er mit vielen Deutschen, vor allem auch mit vielen Künstlern und Intellektuellen des Jahres 1914 teilte: mit großer Euphorie. Franz Marc wird in der Essener Aufführung ausdrücklich erwähnt, der völlig desillusioniert nur eineinhalb Jahre später an der Westfront starb. Käthe Kollwitz, deren stolzer Sohn Peter im September 2014 der erste Tote seines Regiments wurde. Toller selbst erlitt im Jahre 1916 einen völligen psychischen und physischen Zusammenbruch, der auch in einer weniger empfindsamen Zeit dazu führte, dass er „nicht mehr kriegstauglich“ geschrieben wurde. Er entwickelte sich zu einer durchaus widersprüchlichen Figur. Er war radikal pazifistisch, doch revolutionär und kämpferisch. Als einer der Protagonisten der Münchner Räterepublik wurde er verhaftet und wegen seiner „lauteren Gesinnung“ im Gegensatz zu den meisten seiner Kumpane nicht zum Tode, sondern „nur“ zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme emigrierte er; im Jahre 1939 nahm er sich in den USA das Leben.

Mit seinem psychischen und physischen Zusammenbruch stand Toller in diesem vielleicht grausamsten Vernichtungskrieg der Geschichte nicht allein. Als nach Abschluss des Versailler Vertrages die ehemaligen Soldaten aufzuräumen beginnen - in Essen wird symbolisch die Bühne gefegt -, hat nicht nur ein ganzes Land eine posttraumatische Belastungsstörung, sondern vor allem viele seiner Bürger. Viele Soldaten leiden unter der „Zitterkrankheit“, dem „Granatschock“ oder einer „traumatischen Neurose“: Der Begriff PTBS wurde erst im Jahre 1980 im Rahmen einer Untersuchung über Vietnam-Kriegsheimkehrer erfunden - aber ihre Symptome waren die typisch für die Heimkehrer in den Jahren 1914/18. Und sie sind es noch:

Unmittelbar münden in der Essener Aufführung Texte aus der Toller-Biographie in Zitate von heimgekehrten Afghanistan-Soldaten und vice versa. 55 Tote hat die Bundeswehr in Afghanistan bereits zu beklagen, 1500 Soldaten wurden oder werden wegen posttraumatischer Belastungsstörungen behandelt. In einer beklemmenden Collage werden Tollers Kriegserfahrungsberichte mit den Aussagen der Afghanistan-Heimkehrer verschnitten, mit routinierten TV-Interviews und noch viel routinierteren Politikerreden, die, in einen solchen Zusammenhang gesetzt, Hilflosigkeit und Praxisferne offenbaren. Da wird vom Erfolg des Afghanistan-Einsatzes gesprochen - und im Halbdunkel des Hintergrunds liegt eine Leiche. Wohlformulierte Reden von Gauck, Merkel oder Köhler brechen sich in stilisierten Bildern von Kampfeinsätzen und wirken bisweilen zynisch. Doch verschweigt die Aufführung nicht das Dilemma, in dem die Politik steckt: Greift die Bundeswehr in Afghanistan ein, sterben Menschen, überlässt sie die kämpfenden Parteien in den Unruhe-Ländern sich selbst, sterben vielleicht noch mehr Menschen.   

Ganz bewusst inszenieren Moritz Peters und Carola Hannusch eine Zumutung für das Publikum. In keiner Sekunde des 135minütigen Abends wird irgendetwas weichgespült. Da gibt es keine auflockernden heiteren Zwischenpassagen: da wird hart und chorisch skandiert als wären wir bei Volker Lösch oder Einar Schleef. Da glättet keine melodische Musik, sondern es dominieren beklemmende Kriegsgeräusche. Was der als Musiker im Programmheft aufgeführte Tobias Schütte produziert, ist bisweilen schmerzhaft. Einmal werden Schreie durch eine das Trommelfell marternde Übersteuerung der Mikrophone dargestellt, und wir ahnen: So muss das für die Soldaten in den Schützengräben geklungen haben. Die aber wussten: Die nächsten, die schreien, können wir selbst sein. - Die Bühne wird meist eingefasst von einer 180°-Leinwand, über die zu Beginn ein paar Bilder der flirrenden 20er Jahre flimmern, Videos mit Bildern der Zeit. Schnell aber werden auch diese Bilder düstere und zeigen - meist verschwommen oder verfremdet - apokalyptische Kriegsszenen, die zum nicht weniger apokalyptischen Text passen. Davor rotiert immer wieder die Drehbühne: Stefan Diekmann, der aus dem bewusst homogen auftretenden Ensemble herausragt, läuft als der traumatisierte Ernst Toller mehrfach gebeugt und wie ziellos, wie automatisiert in Gegenrichtung der Rotation - er läuft und kommt nicht von der Stelle. Ein symptomatisches Bild nicht nur für Tollers persönliche Situation, sondern für die in 100 Jahren unverändert gebliebenen Schrecken der Kriegsteilnehmer. 

Die kompromisslose, aber auch recht gleichförmige Ästhetik der Aufführung, die reichlich große Anzahl ähnlicher Heimkehrerberichte und das Bemühen, keine Facette der möglichen Traumatisierungen auszulassen, bringt es mit sich, dass die in letzter Minute noch gekürzte Aufführung immer noch Längen aufweist. Doch rütteln grandios gesprochene Passagen immer wieder auf: Zitate aus Ernst Jüngers Kriegsberichten, von dem Romanautor auf Effekt und auf Spannung getrimmt, verfehlen in der großartigen Interpretation von Jens Winterstein auch auf der Essener Bühne ihre Wirkung nicht. Die suggestive Schilderung von Gasangriffen und ihren Auswirkungen auf Mensch und Natur lässt den Zuschauer schaudern.  

Ernst Tollers expressionistische, oft auch pathetische Sprache ist - ganz anders als in Düsseldorfs Hinkemann - in der Essener Inszenierung nur selten zu hören. Meist gewinnt die prosaische Sprache der Soldaten die Oberhand. Aber es gibt Formulierungen von gnadenlos düsterer Lyrik. Es sei, als wäre Säure in die Seele gesickert, beschreibt einer der Kriegsheimkehrer seine Traumatisierung. So fühlt sich auch der Zuschauer nach dieser eindrucksvollen Inszenierung, die durchaus schwer erträgliche Momente hat. Schwer erträglich ist aber nur Matter, not Art: Der Inhalt lastet auf der Seele, die Kunst überzeugt.