Die Schutzflehenden im Köln, Theater im Bauturm

Antikes Thema aktualisiert

Dass der Leiter des deutsch-griechischen Theaters Köln, Kostas Papakostopoulos, seine Produktionen vornehmlich auf antike Stoffe und Inhalte ausrichtet, versteht sich. Aber das führt nicht zu musealer Auseinandersetzung, Papakostopoulos versucht vielmehr einen inhaltlichen Brückenschlag zur Gegenwart. Das hätte kaum sinnfälliger ausfallen können als jetzt bei den Schutzflehenden des Aischylos oder richtiger: nach Aischylos. Der Regisseur hat den Originaltext, welcher u.a.in einer Reclam-Ausgabe nachzulesen ist, kräftig modernisiert. Von den 50 Töchtern des Danaos (der einstige, in seiner Bedeutung stark aufgewertete Chor) sind nur noch drei übrig geblieben, aber sie reichen vollkommen aus, um das zentrale Problem, Flucht vor einer Zwangsehe, dringlich zu machen. Erst vor kurzem noch wurde das Thema in der TV-Sendung „Planet Wissen“ beklemmend dokumentiert, wobei auch noch der Ehrenmord durch Familienmitglieder hinzu kamen.

Die Schutzflehenden sind der vermutliche Beginn einer Trilogie mit Satyrspiel. Auf die Heketiden folgen noch Aigyptioi, Danaiden und Amyone. Die Tragödien zwei und drei sind nicht erhalten, die Heketiden werden zumindest selten gespielt. Kostas Papakostopoulos versucht sich erst gar nicht in einer wie auch immer gearteten Rekonstruktion, findet in den Schutzflehenden bereits so viel Parallelen zum Heute, dass er den (modifizierten) Text für sich, ohne thematisches Umfeld, sprechen lassen kann. Auch die vorangegangene Geschichte über Io lässt sich ohne Verlust vernachlässigen. Io ist eine Geliebte des Zeus, der sie, seine eifersüchtige Gattin Hera fürchtend, in eine Kuh verwandelt. Hera setzt eine Bremse auf das Tier an, welche es bis aufs Blut peinigt. Erst in Ägypten endet das Leid, und Io wird zurückverwandelt. Aus der Ehe ihres Sohnes stammt u.a. der oben erwähnte Danaos mit seinen vielen Töchtern.

Den Beginn der Inszenierung bildet die Flucht der Familie, mit gewaltigem Donner und wilden Bewegungen der im Dunkel noch anonym bleibenden Aktricen. Das verwandelt die kleine Bühne des Bauturm-Theaters (angemessene Ausstattung: Ulrike Mitschke) fast in eine antike Arena. Auf theatralische Effekte legt es Papakostopoulos auch später durchaus an. So sieht man den ägyptischen Generalissimo, welcher die Familie verfolgt, auf Video, wobei die von Vassilis Nalbantis gestisch köstlich beschworene Nähe zu Hitler (bzw. dem Hitler-Darsteller Charlie Chaplin) durch die Bildgröße massiv gesteigert wird. Auch der „Freundschaftsvertrag“ zwischen dem die Flüchtlinge zunächst schützenden Argos und Ägypten wird auf diesem Weg als hohles Zeremoniell dekuvriert. Zunächst scheint den Flüchtlingen das Glück hold. Der König von Argos ist in Gestalt von Stefan Kleinert zwar ein überbeflissener Fragesteller, vertritt aber doch humane Grundrechte. Über den Asylantrag der Ankömmlinge will er sein Volk entscheiden lassen. Dann aber folgen amtsoffizielle Untersuchungen, welchen die Frauen in ihrer Glücksnaivität nicht stand halten. Das Ende ist eine „wohlbegründete“ Abschiebung,

Die Inszenierung kann und will sich wohl auch nicht anheischig machen, den im Moment wieder sehr brisanten Themenkomplex politisch analysierend auszuschöpfen. Aber sie führt das Leiden der antiken Bootsflüchtlinge doch sehr schmerzhaft vor Augen. Dass Papakostopoulos kein tränenreiches Melodram offeriert, sondern den Abend mit komödiantischen Akzenten auflockert, ist eine große Stärke der Aufführung. Hierzu gehört auch der unheroische Danaos von Thomas Franke. Das Lob für die sehr differenziert gezeichneten und zeichnenden Darstellerinnen kann nur namenspauschal erfolgen: drei agieren auf der Bühne, vier werden im Programmheft genannt. In der gedruckten Reihenfolge: Terja Diava, Azizé Flittner (das dürfte die zu Recht besonders akklamierte farbige Schauspielerin sein), Stephanie Meisenzahl, Elisabeth Pleß.