Mein ziemlich seltsamer Freund Walter im Consol-Theater Gelsenkirchen

Einfach mal das Leben neu beginnen

Lisa, neun Jahre alte Schülerin in einer „öden kleinen Stadt“, fühlt sich nicht wohl. Die Eltern, zur Zeit arbeitslos, vergammeln den Tag. Auf dem Weg zur Schule wird sie gemobbt und von Jungen attackiert. In der Klasse wird sie als Außenseiterin wahrgenommen, weil sie mal träumt und von Sternen oder Planeten spricht. Doch Lisas einsame Unwohl-Welt ändert sich, als sie Besuch von einem Außerirdischen bekommt, den sie „Walter“ nennt. Opas würden nun einmal so heißen… Und sie hätte so gern einen großen starken Freund wie einen Großvater. Lisa emanzipiert sich durch die (fiktiven?) Gespräche mit dem (eingebildeten?) Fremden, der sie eines guten Tages auch wieder verlässt. Doch Lisa hat durch die (Fantasie-)Begegnung gelernt, selbstbewusst zu werden, sich durchzusetzen, die richtigen Fragen zu stellen, mit anderen zu spielen. Sie will einfach mal ihr Krisen-Leben von vorn beginnen. Und die Eltern machen sogar mit! Lisa hat wieder Spaß an ihrer Existenz und ihren alltäglichen Ritualen…

Kein großes, aber ein gutes, sinnvolles, munteres Stück von Sybille Berg für junge Menschen: Mein ziemlich seltsamer Freund Walter, ein Auftragswerk der Kunststiftung NRW, das am Gelsenkirchener Consol Theater uraufgeführt wurde. Ein Erfolg, wenn sich auch ein paar „Problemwörter“ einschleichen, mit denen sich „coole“ Zehnjährige kaum anfreunden können. Aber die Geschichte selbst verstehen sie bis in die kleinste Wendung hinein. Da spielt ein wirblig-waches Schauspieler-Quartett eine Story um Einsamkeit, Anderssein, Sehnsüchte, Coolness. Der Computer wird zum Fenster für Neues, Aufregendes, Spannendes – Walter bringt es Lisa bei. Bergs Dialoge werden rasant auf die Vierer-Bande verteilt, der Schlagabtausch läuft witzig und plausibel ab.

Andrea Kramers musikalisch und tänzerisch inspirierte Inszenierung steht ganz in der hervorragenden Tradition des freien Gelsenkirchener Consol Theaters: Wort, Spiel, Video, Tanz und Musik bilden eine den Menschen bezeichnende Einheit. Das Ensemble fügt sich dieser Devise und diesem Auftrag problemlos ein. Im Einheitsraum von Tilo Steffens – eine Reihe von Schränken grenzt den Spielort ein – agieren Jennifer Münch, Charis Nass, Moritz Fleiter und Fabian Sattler so „normal“ wie möglich und so flexibel wie nötig. Alles fließt in dieser Einladung, sich von der Langweiligkeit zu verabschieden, natürlich zusammen – Licht, Dramaturgie, Bewegung, Lied, Wort, Kostüm, Verkleidung und Szene. Die Lösung für das Grundproblem von Lisa und Co. scheint ja so einfach zu sein, wenn man die Fantasie zu sich einlässt.

Daher die Bitte des Consol-Teams an die prominente deutsch-schweizerische Autorin Berg: Noch weitere Stücke für ein junges Publikum zu schreiben. Mal sehen, ob sie den „Wink mit dem Zaunpfahl“ versteht.

Dem „vollen Haus“ machte das durchaus anspruchsvolle, aber sinnlich stimmige Stück viel Freude. Entsprechend lebhaft fiel der Beifall aus.