Übrigens …

Am Ende ist man immer nur wer anderes im Comedia Theater Köln

Sex ohne Liebe?

Verbände haben - wie es der Name schon impliziert – etwas Verbindendes. So kam es, dass Wolfgang Stüßel, Chef des Berliner Jugendtheaters Strahl, und Jutta M. Staerk, Regisseurin und Leiterin des Kölner Comedia Theaters, beide unter dem Dach des ASSITEJ-Verbandes, verabredeten, etwas Gemeinsames zu machen. Der große Erfolg des Recherchestücks Taxi to Istanbul in der COMEDIA gab Anlass, etwas Ähnliches zum Thema Sexualität auf die Beine zu stellen.

Im Zeitalter des ubiquitären Internets und der Smartphone-Durchdringung ist bei den heute sehr früh umfassend informierten Jugendlichen eine Aufklärung etwa nach Hendrik van der Felde (Die vollkommene Ehe 1926), Dr. Sommer (Zeitschrift „Bravo“) und Oswald Kolle, dem selbsternannten „Aufklärer der Nation“ (1960-70) nicht vonnöten; alles kann man im Netz anonym recherchieren. Daher geht es bei der heutigen Aufklärung weniger um das „was“, sondern hauptsächlich um das „wie“, nicht um sexuelle Fakten und Techniken, sondern um Gespräche im Vertrauen, mit Zuwendung, mit Offenheit.

Die Schauspieler Randolph Herbst, Selin Kavak, Mehrdad Taheri und Anna Trageser, alle um 30, haben zusammen mit der Regisseurin Hannah Biedermann intensiv bei vielen Jugendlichen in Schulen und auf der Straße recherchiert, haben sie zu Themen Pornografie, Flirt-Tipps, das 1. Mal, um Sex vor der Ehe, um Homosexualität, Zärtlichkeit und Liebe befragt. Mit deutlichen Schwierigkeiten, offene Antworten zu bekommen. Das Stück selbst ist die Wiedergabe der Interviews; die Berliner Premiere war am 24. Juni 2014. Zu Anfang heißt es gleich heftig: „Es geht jetzt richtig zur Sache, und macht Euch keinen Druck. Aber Ihr werdet peinlich berührt sein, Euch maximal fremdschämen, und Nackte – die gibt es hier nicht“.

Die Schauspieler hüpfen bezeichnenderweise auf hautfarbenen Gymnastikbällen, die Wand im Hintergrund ziert sinnig eine ornithologische Tapete. Sprüche der Eltern werden hervorgestoßen: „Mach Dir keinen Druck, tue nicht, was Du eigentlich nicht willst, Hauptsache ihr verhütet, Du kannst mit uns über alles reden; Und: wir waren ja alle mal jung. Schallendes Gelächter über „Schwulsein- ach, das verwächst sich“.

Ein überdimensionaler Lutscher geht genüsslich herum zur fiktiven Diskussion mit einem 16-Jährigen in Berlin: Am Anfang Pornos auf dem Handy, die schicken wir uns gegenseitig. Wir haben keine moralische Hemmschwelle, aber: Die man will, kriegt man nicht, aber die man kriegt, will man nicht. Also Sex ohne Liebe: „Einmal ficken, weiterschicken“. Denn Pornos machen Sex unnatürlich. Natürlich gibt es einen Interviewpartner, der nichts von sich preisgeben will, Mädchen mit Kopftüchern, und eine Fülle von originellen bis peinlichen Anmachsprüchen. Spannend die Fragen zur Heterosexualität: Wissen das eigentlich Deine Eltern, und wie ist es dazu gekommen ? Schon mal mit Elektroschocks probiert ?

Die Fülle von Gesprächsteilen, Statements, Fragen und Erfahrungen werden vom Schauspielerteam locker und unverkrampft dargestellt, obwohl sie ja schon fast eine Generation älter sind als ihre Zielgruppe. Das sind natürlich die Jugendlichen selbst, vor allem die Verklemmten und Gehemmten unter ihnen. Locker sein, ist doch alles ganz easy, wenn man den anderen als Mensch ernst nimmt.

Für die Pädagogen gibt es eine Fülle von Anleitungen zur Nachbearbeitung des Gesehenen. Und ideal wäre es, so die Texterin Azar Mortazavi, wenn die Schüler zwei mal in die Vorstellung kämen: Erst alleine und dann mit ihren Eltern. Hoffen wir drauf.