Sturmhöhe im Oberhausen, Theater

Lüftchen im Flachland

Emily Brontës 1847 erschienener Roman Sturmhöhe um das Drama einer verdrängten Liebe geriet bei der Premiere im Theater Oberhausen am vergangenen Wochenende zu einem Lüftchen im Flachland. Die leicht nach oben steigende Bühne von Christina Mrosek ließ trotz des trüben Wolkenhimmels im Hintergrund nicht wirklich das raue Klima im sturmumtosten Wuthering Heights aufkommen. Immerhin fing es im Laufe der mit drei Stunden deutlich zu langen Inszenierung von Lily Sykes einmal aus dem düstren Bühnenhimmel an zu regnen, ein anderes Mal wehte etwas Schnee durch die Haustür des einsamen Gehöfts.

Soviel zur Stimmung auf der Bühne, die außer einem großen Tisch, einigen Stühlen und einer Wohnzimmer-Garnitur lediglich ein paar Haufen Torf und einen Lesestuhl nebst Lampe für die Haushälterin Nelly Dean (Anja Schweitzer) benötigte, die quasi als Erzählerin des Mehrgenerationen-Dramas die Fäden in der Hand hielt. Die einzelnen Handlungsorte im Verlauf des Stücks wurden per Video an eine Leinwand im Hintergrund der Bühne geworfen. Warum es gleich zu Beginn der Inszenierung minutenlang und viel zu laut „Wuthering Heights“ aus dem Off hämmern und die Sitze im Theater vibrieren mussten, blieb unklar.

Die Erzählung beginnt am Morgen, nachdem Mr. Lockwood von einer gruseligen Nacht auf dem Gutshof zurückgekehrt ist und Nelly ihm die Geschichte und das Schicksal von Catherina Earnshaw (Angela Falkenhan), ihres Bruders Hindley (Henry Meyer) und dem Stiefbruder Heathcliff (Peter Waros) erzählt. Leider wimmelte es am Premierenabend nur so von Versprechern im Bühnenspiel und mancher Zuschauer fühlte sich darob an einen bekannten TV-Sketch mit Zungenbrechern von Loriot erinnert.

Heathcliff kommt als sechsjähriges Kind auf den Hof. Verdreckt, verwahrlost und fast stumm. Er wird Hindley verspottet, während Catherine mit ihm spielt. Zu den schönsten Szenen des Abends gehören sicher das Schattenspiel der beiden Kinder mit Figuren hinter einem weißen Laken und das fröhliche Steigenlassen eines Drachens. Dass aber die Zuneigung der beiden zueinander so gewaltig ist, dass Heathcliff zwölf Jahre später den Hof verlässt, nachdem Catherina den Antrag des reichen und hölzernen Gutsbesitzers Edgar Linton (Sergej Lubic) erhört, erschließt sich nicht wirklich. Zu viel hat Sykes in diesem Drama gekürzt, zu wenig - zumindest in der ersten. Hälfte des Stücks - den Figuren Raum zur Entfaltung gegeben.

Zum Auftakt des zweiten. Teils - wieder sind fünf Jahre vergangen - sieht man Catherina (Cathi) und ihren Mann Edgar. Trautes Heim - Tagebuch-Eintragungen, etwas Landschaftsmalerei und wohl auch reichlich Langeweile im hochherrschaftlichen Haus der Familie Linton. Als dann Heathcliff mit Zylinder und wie aus dem Ei gepellt als feiner Herr in die Gegend zurückkehrt, ändert sich alles. Lintons Schwester Isabella (Sina Martens) verliebt sich auf den ersten Blick in den Fremden, Cathi spürt, dass es außer der nicht wirklich aufregenden Sicherheit und Einsamkeit mit ihrem Edgar vielleicht noch etwas anderes gibt. Doch Heathcliffs Zuneigung zu ihr ist in den Jahren des Fortseins zu Hass-Liebe mutiert, die nur noch eines im Sinn hat: Rache.

Rache für die Schläge und Demütigungen des Bruders, Rache für den vermeintlichen Verrat seiner Zuneigung für Cathi sowie Hass und Eifersucht auf alle, die sie umgeben. Den Bruder Hindley, ohnehin dem Suff verfallen, bringt er fast um. Isabella wird zwar seine Frau, doch schon in der Hochzeitsnacht erfährt sie seinen Sadismus, seine Gewalt und seine Brutalität. Die Ehe von Cathi und Edgar zerstört er allein durch sein ständiges Auftauchen im Haus. Schließlich spürt Cathi keine Liebe mehr zu ihrem Mann und stirbt schlussendlich einen ellenlangen, qualvollen Tod, weil sie Nahrung und Leben verweigert, das ihr ohne Heathclliff nicht lebenswert erscheint.

Seelisch zerstört, geschunden und vereinsamt bleiben die Übrigen in der Düsternis der morbiden Landschaft zurück. Der zweite Teil war deutlich besser als der erste. - auch schauspielerisch. Von daher gab es am Ende freundlichen Applaus des Premierenpublikums.