Elektra im Dortmund, Schauspielhaus

Bla Bla Bla!

Dumpf pocht der Puls, von Klavierakkorden überlagert, dazu eine geräuschhafte Klangwelt, die direkt aus der Geisterbahn zu kommen scheint. Düster wirkt dieses musikalische Entree, gerade unheimlich genug, um das archaische Mord- und Rachestück Elektra zu illustrieren. Doch Elektra, deren Vater Opfer eines blutigen Hinschlachtens wurde, ausgeführt von dessen Gattin Klytaimnestra und ihrem Geliebten, diese Elektra also, die allen Grund hätte, wahnhaft Vergeltungsschläge zu planen – sie ergeht sich erstmal in Turnübungen.

Und wenn die Mama auftritt, ganz eitle, leicht abgewrackte Dame (Friederike Tiefenbacher), und sich ihre Tochter vorknöpft, diese ganz nölig aufbegehrende, kindlich zeternde Rotzlöffelin (Caroline Hanke), dann geht es nicht um Kopf und Kragen, sondern um Politisierung. Es fallen Worte wie Zwangs- und Unterdrückungsstaat, Faschist, Terrorist, Kommunist. Das Drama Elektra, hier, im Dortmunder Schauspiel, „nach“ Euripides, wird zum großen systemkritischen Diskurs. Anspielungen an die unmittelbare Gegenwart sind selbstredend inbegriffen. Einblicke in seelische Befindlichkeiten bleiben Rarität.

Bleischwer kommt dieses Thesenstück daher, und wenn mitten im schönsten Politisieren einer „Bla Bla Bla“ ruft, dann scheint sich diese „Uraufführung“, von Alexander Kerlin verantwortet, selbst ad absurdum zu führen. Indes ist dieser Ausruf wohl nur Bestandteil dessen, um was es sich hier wirklich handelt: um eine große Farce. Die düster schimmern, aber auch grell aufleuchten kann. Die uns bisweilen auf die Nerven geht, mitunter aber erheitert. Am allerwenigsten jedoch geht uns diese Elektra-Adaption an die Nieren.

Kerlin und Regisseur Paolo Magelli lassen es zünftig krachen. Orest (Peer Oscar Musinowski), ganz Antirächer, Harmloser, Zaudernder, findet seine Schwester Elektra nach der Flucht aus dem elterlichen Mörderhaus an der Seite eines Landwirtes (Frank Genser, gewissermaßen die Inkarnation der Ratio eines einfachen Mannes), und alle freuen sich wie Bolle. Trinksprüche werden gedroschen, die Band um Paul Wallfisch (mit Geoffrey Burton, Gitarre und Larry Mullins, Schlagzeug) spielt wilde Tanzmusik zum krachledernen Reigen. Das wirkt, mit Verlaub, wie ein Stück aus dem Bauerntheater. Eine große Wiedersehenstollerei auf der offenen, von Hans Georg Schäfer mit Schotter bedeckten Bühne.

Allein, es kommt noch doller. Die zweite Begegnung zwischen Klytaimnestra und Elektra, die immerhin ein wenig Hysterie zu bieten hat, beginnt mit den üblichen Systemdebatten und endet in einer wechselseitigen Kanonade von Schimpfwörtern. Terrorhure, Sumpfkuh oder Denkzwerg sind dabei die harmlosen Varianten. Am Ende wird die arrogante Mama vom rebellischen Töchterlein schlicht erwürgt. Hass und Wahn aber haben hier keinen Platz.

Und es ist ja auch zu herzig, wenn Bettina Lieder und Merle Wasmuth, im artigen Kostümchen, apart geschminkt, als griechischer Chor kecke Kommentare abgeben und dabei stets ihr Meinungsfähnchen in den Wind dessen stellen, der gerade die Handlungshoheit hat. Sie tun dies durchaus virtuos, beweisen aber gleichzeitig, dass das Drama namens Elektra seine Kraft eingebüßt hat. Nur die Band, die mit Motiven aus der gleichnamigen Strauss-Oper spielt, die die Gitarre heulen lässt oder überlaute Klangmassive auftürmt, bewahrt die Archaik des Stoffes.

Der Rest ist – reden. Als große Stunde des Pylades (Carlos Lobo), eigentlich ein großer Schweiger. Der nun aber zur mächtigen nihilistischen Suada ansetzt, gleichzeitig vom planetarischen Urzustand träumt, die Welt mit ihrer Menschenmasse bejammert und erstmal ein paar 100 Millionen umbringen will. Es lebe der neue Diktator. Sein letztes Wort ist „Ich“. Doch auch daraus zimmert Alexander Kerlin noch eine Farce. Denn Pylades ironisiert sich selbst: „Bis hierhin war Prolog“. Wir empfinden das als Drohung und lehnen dankend ab.