Schmerzliche Heimat im Theater Duisburg

Der erste der NSU-Morde

Mit neun Schüssen beginnt die Aufführung. Semiya Simsek schläft; sie hört die Schüsse in ihren Alpträumen. Es sind die Schüsse, die am 9. September 2000 ihren Vater töteten, den Inhaber eines Blumenhandels in Schlüchtern. Es sind die ersten neun Schüsse einer Mordserie, der zwischen den Jahren 2000 und 2006 acht türkische und ein griechischer Kleinunternehmer sowie die Polizistin Michèle Kiesewetter zum Opfer fielen. Getötet von denselben Mitgliedern des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds, die auch für den in unserer Region zu besonderer Berühmtheit gelangten Anschlag in der Kölner Keupstraße verantwortlich waren.

Über das Nagelbomben-Attentat zeigt das Schauspiel Köln in einer Inszenierung von Nuran David Calis mit professionellen Schauspielern und realen Anwohnern der Keupstraße eine Mischung aus „touristischer“ Führung durch die fast vollständig in türkischer Hand befindliche Straße, aus schlaglichtartigen Rückblenden auf das Verbrechen und aus Reflektionen über die gegenseitigen Vorurteile von Türken und Deutschen. Christian Scholze ist am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel einen anderen Weg gegangen. Er hat das bemerkenswerte Buch von Semiya Simsek, der zum Tatzeitpunkt 14 Jahre alten Tochter des Opfers, dramatisiert und aus einem nüchternen Bericht ein Theaterstück voller berührender Dialoge und empörender Schilderungen gemacht. Was in den elf Jahren zwischen dem Verbrechen und seiner Aufklärung geschah, wird chronologisch in unzähligen kurzen Szenen effektvoll, aber unaufwändig nacherzählt.

Die heile Welt liegt den Schauspielern dabei weniger. In den ersten kurzen Szenen des glücklichen Familienlebens wirkt zumindest das Spiel der Eltern von Semiya noch ein wenig unecht und kitschig. Dennoch bringt Neven Noethig, der später auch den Ermittler sowie den Bruder des Opfers spielen wird, die positive Lebenseinstellung von Enver Simsek überzeugend über die Rampe. Der ist - wie wohl auch viele der übrigen Opfer der NSU-Morde - ein in seiner überschaubaren Welt unternehmerisch denkender, begeisterungsfähiger Mann, ein ehrgeiziger, gut integrierter Leistungsträger der türkischen Gesellschaft in Deutschland. Gerade deshalb muss er wohl sterben. Und nachdem die neun Schüsse noch einmal gefallen sind, diesmal als Beginn des realen Alptraums einer ganzen Familie, finden auch Neven Noethig und Susanne Kubelka zu einer soliden schauspielerischen Form. Haarsträubend ist das Vorgehen der Ermittler; mit einem beispiellosen Mangel an Sensibilität konfrontieren sie Adile Simsek mit der Tatsache des Anschlags auf ihren Mann und mit dem Verdacht gegen die eigene Familie. Zwielichtige Kneipen, heimliche Zweitfamilie, Verstrickungen in den Drogenhandel (Enver fuhr schließlich als Blumen-Großhändler regelmäßig nach Holland!) - der Anschuldigungen und Unterstellungen sind keine Grenzen gesetzt. Semiyas Mutter und Onkel werden des Mordes verdächtigt - wie ein Stich ins Herz wirkt die Szene, in der Susanne Kubelka als Adile den Ermittler formvollendet gastfreundlich bewirtet und dieser, an der Tasse Tee nippend, sie bedrängt, ihre Beteiligung an der Ermordung ihres Gatten zuzugeben. An fremdenfeindliche Hintergründe denkt offenbar kein Mensch. Das Auto der Familie wird verwanzt, intimste Fragen nach dem Sex-Leben werden gestellt; irgendwann ist die Familie auch innerhalb der türkischen Community stigmatisiert. Doch immer noch zeigt Semiyas Onkel Verständnis für die Ermittler: „Sie tun ja auch nur ihre Pflicht.“

Ab und an wird die Darstellung der Reinheit türkischer Denkungsart ein bisschen zu dick aufgetragen, die political correctness ein wenig übertrieben. Scholze will schließlich kein Brecht’sches Lehrstück, sondern einen Tatsachenbericht einschließlich seiner grausamen psychologischen Konsequenzen zeigen. Dafür ist die Einteilung der Welt in Gut und Böse doch ein wenig zu eindeutig. Aber die Schilderung eines realen Verbrechens und seiner Auswirkungen auf das Alltags- und Seelenleben der zu Unrecht verdächtigten Familie ist so angelegt, dass man sie exemplarisch nehmen kann: für auf interkulturellen Differenzen und Vorurteilen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen resultierende Missverständnisse, die zu katastrophalen Fehlentwicklungen führen. Der Zuschauer, der dieser Aufführung folgt, weiß immer: All das Entsetzliche, was hier berichtet wird, ist wahr. Es wurde ganz ähnlich auch von den Zeitzeugen der Kölner Keupstraße in Calis‘ „Die Lücke“ geschildert. Und es steht so in dem Bericht von Semiya Simsek.  

Der, wie gesagt, ist überraschend sachlich und nüchtern. Und so entfalten auch in Christian Scholzes Inszenierung diejenigen Szenen, in denen nicht gespielt, sondern nur berichtet wird, die größte Kraft. Fakten und Gefühle werden von den Schauspielern bewegend und mit ungeheurer Intensität geschildert. Vor allem die Darstellerin der Semiya trägt die Aufführung. Anke Jansen hat die Rolle erst im Februar bei der Wiederaufnahme im Westfälischen Landestheater übernommen, kam neu in ein eingespieltes Ensemble und wurde zum unumstrittenen Ereignis dieser Aufführung. Ob als 14jähriges Mädchen oder als spätere End-Zwanzigerin, ob wütend, überrascht oder verzweifelt - stets wirkt sie in herausragender Weise authentisch. Ihre Monologe gehen unter die Haut. Sie ist es auch, die das Entsetzen über den Begriff „Döner-Morde“, der sich für die Verbrechen an den migrantischen Kleinunternehmern eingebürgert hatte, auf den Punkt bringt. Zum „Unwort des Jahres 2011“ wurde der Begriff gewählt; er verharmlose die Taten der Zwickauer Neonazi-Zelle um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Wirklich verstanden habe ich die Empörung über eine flapsige Journalisten-Sprachschöpfung erst heute: „Die Lebensleistung (der wertschöpferisch tätigen Unternehmer) interessiert keinen“, ruft Anke Jansens Semiya aus, die ihren Vater durch diesen Begriff abgewertet sieht.

Jansen tritt in der letzten Szene im schwarzen Hosenanzug an ein Rednerpult. Sie hält ein beeindruckendes, so ernsthaftes wie integratives Schlussplädoyer, in dem sich sachliche Vorwürfe mit einem Aufruf zur Integration verbinden. Es ist die Rede, die die reale Semiya Simsek auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer der NSU-Morde im Konzerthaus Berlin gehalten hat. Hass kennt Simsek nicht. Sie sei eine Deutsche, sagt sie, und nie habe sie sich fremdenfeindlichen Diskriminierungen ausgesetzt gesehen. Doch nun weiß sie: Ihr Vater musste sterben, weil er Türke war. Wie kann man mit einer solchen Erfahrung zurecht kommen? Semiya Simsek lebt nicht mehr in Deutschland. Und doch spricht sie von Deutschland als „unserem Land“, als „meinem Land“. Wie zerrissen muss jemand sein, der dieses Land geliebt hat - nach einer solchen Erfahrung.

Christian Scholze und seinem Team ist ein wichtiges Stück politischen Theaters gelungen, und seine Inszenierung ist trotz kleiner Schwächen so, wie sie ist, ein ideales Stück für Schulklassen. Lehrer, pilgert nach Castrop-Rauxel!   

P.S.: Vergeblich erscheinen oft alle Bemühungen, die Schmerzen der Angehörigen der NSU-Opfer zu lindern. Allzu oft verhindert die Bürokratie pragmatische Hilfsangebote, wie der am 11. Juli 2015 in der FAZ erschienene Artikel zum Kampf der Schwiegermutter von Enver Simsek um eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zeigt: Hier geht's zu diesem Beitrag.