Auf der großen Straße im Mülheim, Theater an der Ruhr

Burka an, Ofen aus

Seine Mülheimer Inszenierung von Schillers Wilhelm Tell  lässt Regisseur Jo Fabian vollständig in oder vor einer Kneipe spielen - mit ganz viel subversivem Witz und manch kabarettistischer Szene. Anton Tschechows früher Einakter Auf der großen Straße spielt tatsächlich vom ersten bis zum letzten Satz in einer - ziemlich heruntergekommenen - Spelunke. Liest man das Stück im Vorfeld der neuesten Fabian-Inszenierung am Theater an der Ruhr, kann man sich gut einen erneuten burlesken Abend mit unterschwelliger Sozialkritik vorstellen. Doch es kommt alles ganz anders.

Durch von orientalischen Klängen geprägte Popmusik dringt Donner und gewaltiges Wasserrauschen. In Tschechows „Schenke an der großen Straße“ trifft sich in dieser Nacht allerlei Volk, um Schutz vor dem großen Regen zu suchen. Bei Jo Fabian aber sieht die Kneipe aus wie ein abstraktes Gemälde. Magisch ist die Bühnenrückwand in einer Art Yves Klein Bleu ausgeleuchtet; sieben Figuren in schwarzen Umhängen und Hijab-ähnlichen Kleidern bilden rätselhafte Skulpturen wie von einem modernen Maler oder Bildhauer gestaltet. Die einzigen realistischen Requisiten sind ein kalter Kanonenofen und eine für die verarmten Menschen unerreichbare Flasche Wodka. Und, na gut, die Harmonika von Steffen Reuber, des Wanderarbeiters Fedja, die aber in den wütenden  Naturgewalten arg gelitten hat.

Als die Figuren sich aufrichten und anhand der Dialoge deutlich wird, wo sie sich befinden, denkt man von fern an Maxim Gorkis fast zwanzig Jahre jüngeres Nachtasyl. Dunkler aber, antriebsloser noch als bei Gorki wirken diese Gestalten. Lemuren vegetieren hier vor sich hin; Fabian entwirft Bilder einer sterbenden Endzeitgesellschaft. Wie wir von Tschechow wissen und in Mülheim nach und nach erahnen, sehen wir neben dem geplagten Wirt einen alten, offenbar im Sterben liegenden Pilger, einen hochkriminellen Landstreicher, einen versoffenen ehemaligen Grundbesitzer, besagten Fedja und zwei vertrocknete Wallfahrerinnen. „Zadonsk“, „Odessa“, seufzen Nazarowna und Jefimowna vor sich hin, als der Pilger von seinen Reiseplänen erzählt - Sehnsuchtsorte, die die Damen wohl so wenig erreichen werden wie die „Drei Schwestern“ jemals nach Moskau kommen.

Ein bisschen christlich fundamentalistisch scheinen die Wallfahrerinnen zu sein - nur tragen sie hier orientalische Hijabs. Das ist übrigens die Kleidung der Männer wie der Frauen - das Gewand steht beiden Geschlechtern blendend. Albert Bork als Landstreicher Merik bedeckt sein Haupt mit einem Palästinensertuch, Gabriella Weber trägt Burka. Beim Szenenwechsel, der meist nur durch die Ankunft neuer, nur geringfügige Veränderungs-Impulse setzender Personen gekennzeichnet ist, tanzen die Figuren zu einer Art Sufi-Musik als wären sie die Derwische von Konya. All das weist scheinbar auf islamistischen Fundamentalismus hin, könnte als das Verbergen aller Lust, Lebensfreude und Weltoffenheit hinter einer archaisch-fundamentalistischen, mittelalterlichen religiösen Moral verstanden werden. Statt von „archaisch“ spricht Fabian aber von „archetypisch“: von „archetypischen Unfähigkeiten des Menschen“ wie seiner „Unfähigkeit zur Kommunikation“, von Abgrenzungsreflexen und auf Grundängste zurückzuführenden Verhüllungen, die gleichermaßen in allen Weltreligionen und Kulturen zu finden sind. Man schottet sich ab anstatt aufeinander zuzugehen, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen und sich mit Empathie das Leben zu erleichtern. Auch die Menschen in Tschechows Schenke geben nichts preis von sich, mobben und leben armselige Egoismen aus. Und so kann es auch keine Bewegung in ihrem Leben geben; Veränderungen werden unmöglich. Fabians Figuren agieren konsequenterweise fast immer in Zeitlupe. Mit Ausnahme von Fabio Menéndez als Reisendem Kusma, der eine vorübergehende Wendung zum Positiven in die Geschichte bringt, sprechen auch alle Figuren wie in Zeitlupe.

Kusma erzählt die Geschichte des Gutsbesitzers, der über seinem Unglück zum mittellosen Säufer geworden ist. Er wurde am Hochzeitstag von seiner immer noch abgöttisch geliebten Frau verlassen und zudem bei einem allzu naiv eingegangenen Geldgeschäft betrogen. Da plötzlich flackert ansatzweise Empathie auf. Die Grausamkeit der Weiber, der Borzow ausgesetzt war, erregt sogar das Mitleid des Teufels: Selbst der aggressive Kriminelle Merik wird weinerlich und weich. Wohl weil er Ähnliches erlebt hat … - Als Marja Jegorowna im Gewitter selbst Zuflucht in der Kneipe sucht, entgeht sie nur durch einen gewaltigen Donnerschlag dem Tod durch die Axt von Merik.

Zeitlupe, wenig Veränderungen zwischen den Szenen - ist die Inszenierung also langweilig? Im Gegenteil: Sie entwickelt einen ungeheuren Sog. Fabians großartige Bilder bergen Suchtgefahr. Auf der blau schimmernden Rückwand zeichnen sich in zartem Weiß oder Hellblau statische Silhouetten der Figuren ab. Diabolisch schwingt Merik in seiner aggressivsten Szene die Axt, und zunächst leise, dann immer lauter versuchen sich die Wallfahrerinnen mit gregorianischen Gesängen gegen den Leibhaftigen zu schützen. Der aber trägt auf dem Schattenbild an der Wand seine Axt vor sich her wie abergläubische Christen das Kreuz gegen den Versucher erheben: Auch Merik ist halb Teufel, halb seltsamer Heiliger. Zuggeräusche, oben aus der Decke des Raumes quellender Dampf kündigen die Ankunft neuer Personen an - warum fährt eigentlich der Zug oben? Weil unten die Hölle ist? In einem grandiosen Soundtrack werden Musik und Geräusche perfekt miteinander verschmolzen. Fragmente von Reden von George W. Bush (wenn nicht alles täuscht, ist es die zur Rechtfertigung des Irak-Krieges) und von Vladimir Putin dringen durch die Musik; von einer „New World Order“ ist die Rede. Draußen tobt das Gewitter mit Donner und sintflutartigen Regengüssen, drinnen tobt ein Assoziationsgewitter. Doch draußen ist das Gewitter wild und gefährlich, drinnen versetzt es den Zuschauer in Trance. Fabians Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk aus Bildender Kunst, aus Video- und Fotokunst, aus Musik und Choreografie. Sprache ist eine gleichberechtigte, aber kaum die dominante Ausdrucksform dieser Aufführung. Und entsprechend bekommt auch das Wort „Ensemble-Theater“ eine ganz eigene Bedeutung: Keiner der acht Schauspieler bekommt die Gelegenheit zur Ausformung eines klar umrissenen Charakters; anstelle von Individuen sehen wir, wie es der Dramaturg Sven Schlötcke ausdrückt, einen „Haufen Mensch“. Den aber auf herausragendem schauspielerischem Niveau.

Gibt es ein Happyend, als Marja Jegorowna zum Schluss wie eine dea ex machina vor ihrem so verliebten wie versoffenen Gatten steht und der Donner ihr das Leben rettet? Kaum. Alles geht weiter wie zuvor. Simone Thoma, die Nazarowna, hat einen surrealistischen, hellsichtig-nihilistischen Moment. Ihr Schlusssatz steht nicht im Text, ist aber typisch für die minimalistischen, tieftraurigen Ansätze von Humor, die Fabians Inszenierung durchziehen: „Wenn man in einem solchen Klima lebt - haste nicht gesehn, fällt dir der Schnee auf den Kopf.“ - „Und was ist der Sinn?“, fragt die Jefimowa. - „Der Sinn? Draußen schneit es.“ - Zu mitreißender Rockmusik geht endlich der Ofen an.