Leas Hochzeit im Bochum, Schauspielhaus

„Das Schreckliche, was es gibt, wird Geliebten von Geliebten angetan.“ Judith Herzberg

Judith Herzberg, 1934 in Amsterdam geboren, hat seit 1963 zehn Gedichtbände veröffentlicht und ist damit eine der bekanntesten Lyrikerinnen der Niederlande. 1991 schrieb sie ihr erstes Theaterstück De deur stond open. Für ihr Werk Leas Hochzeit (Leedvermaark) bekommt sie 1982 die Auszeichnung „Prijs van de Kritik“. Dies ist das erste Stück einer Familientrilogie, die über einen Zeitraum von fast 30 Jahren entstand. Heftgarn (Rijdrand) wurde 1995 in Amsterdam uraufgeführt. Simon (2002) ist eine Auftragsarbeit des Düsseldorfer Schauspielhauses.
Herzberg ist es wichtig, dass ihre Stücke an erster Stelle holländische Stücke sind: „Es sind Stücke über Holländer. Manche sind Juden und manche sind auch nicht Juden, aber für alle gilt, dass die Geschichte noch nicht ganz vorbei ist.“ Sage man, die Werke seien jüdische Stücke, so reduziere man sie auf diesen Aspekt. Deshalb steht der Holocaust nie im Vordergrund, wohl aber die Familien- und Liebesverhältnisse, in denen sich doch allzu oft die Folgen des Grauenhaften für die Überlebenden finden. Auch Judith Herzberg überlebte – wie ihre Protagonisten – den Holocaust versteckt.

Eric de Vroedt inszenierte Leas Hochzeit auf eine sehr sensible und überzeugende Weise.

Die Handlung spielt in Holland zu Beginn der 70er Jahre. Lea und Nico heiraten, beide nicht zum ersten Male. Zahlreich die Gäste, zu denen auch die Expartner, Dory und Alexander, gehören. Der Kontakt zu ihnen brach nie ab. Da sind Ada und Simon, Leas leibliche Eltern, die zwar das Lager überlebten, jedoch Lea zuvor zu ihrem Schutz bei Riet abgaben. Riet zog sie auf wie ihre eigene Tochter und kam über die Rückgabe des Kindes an seine Eltern nach Kriegsende nie hinweg. Ada dagegen quält das schlechte Gewissen, nicht immer für ihre Tochter dagewesen zu sein. Auch Nico war bei „Kriegseltern“, während sein Vater zwar als Nichtjude überlebte, seine jüdische Frau und älteren Sohn durch die Deportation verlor.

Ort der Handlung ist eine altmodische Hotelhalle mit Holzverkleidung und roter Auslegeware. Drei pflegeleichte gummibaumähnliche Pflanzen und einige weiße Bänke sind das einzige Mobiliar. Zahlreiche Türen ermöglichen Auftritte und Abgänge der Gäste, die sich in unterschiedlichsten Konstellationen im Foyer treffen und austauschen. Wobei vieles ungesagt und im Raum stehen bleibt. Nach und nach ergibt sich für den Zuschauer im Laufe des Abends ein vielschichtiges Bild dieser Gruppe von Menschen und ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Gerade bei einem Familienfest kommen ja manche Abgründe zur Sprache, die oft gern verdrängt und verschwiegen werden.
Der eigentliche Festsaal liegt verborgen auf der rechten Seite der Bühne. Durch Videoprojektionen sehen wir immer wieder einzelne Szenen dessen, was sich außerhalb der Hotelhalle abspielt, so u.a. das Festessen oder die Rede Simons.

Die zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler des Bochumer Ensembles beeindrucken alle durch ihr intensives, facettenreiches Spiel. Raiko Küster gibt überzeugend Nico, der seinem Vater Zwart (Jürgen Hartmann) nicht verzeihen kann, seine Mutter und seinen Bruder ins Lager und damit in den Tod hat gehen lassen. Lea (herausragend: Therese Dörr) wirft Simon (Martin Horn) vor, an ihre Kriegseltern abgegeben worden zu sein.  Auf seine Erklärung: „Wir hätten alle drei nicht überlebt“ antwortet sie, immer noch zutiefst verletzt: „Sterben ist nicht schlimm, im Stich gelassen zu werden ist schlimmer“. Ihre Mutter (Anke Zillich, wunderbar, wie sie durch ihre Körpersprache ihre Seelenlage demonstriert) kommt mit den bedrückenden Erinnerungen nicht zurecht. Als sie in der Straßenbahn zwei Kontrolleure sieht und sie für einen Moment für deutsch sprechende Offiziere hält, gerät sie in Panik. Sie erzählt diese Geschichte auf der Hochzeit zwar wie eine lustige Anekdote, doch das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Ada hat für sich beschlossen, sich nach dem Fest in Therapie zu begeben. Ihr Mann Simon (Martin Horn) will und kann das nicht verstehen und droht mit Trennung. Riet (Katharina Linder) leidet immer noch unter dem Verlust ihres „Lieschens“. Darüber zerbrach auch ihre Ehe. Obwohl Ada zu ihr sagt: „Ohne deine Freundlichkeit lebten wir nicht mehr“, herrscht zwischen den beiden Frauen eine latente Aggressivität. Riet als Nichtjüdin lässt sich sogar zu Äußerungen hinreißen, die als antisemitisch gewertet werden könnten.
Zwarts zweite Frau Duifie (Veronika Nickl, kostümiert wie eine blonde Barbiepuppe im zu knappen, pinkfarbenen Kleid), auch keine Jüdin, fühlt sich nicht wohl bei dieser aufgesetzt fröhlichen Familienfeier, gibt sich aber betont munter, um dies zu überspielen. Und da ist Daniel (Torsten Flassig). Über diese Figur hat Judith Herzberg gesagt: „ Daniel hängt damit zusammen, dass ich mich viel mit dem Dibbuk beschäftigt habe. Ein Dibbuk ist eine Seele, die sich in einem anderen Menschen einnistet, weil sie keine Gelegenheit gehabt hat, selber zu leben. Der Mensch ist gestorben, aber die Seele sucht sich einen anderen Menschen, in dem sie weiterleben kann“. Daniel ist so eine Art „Springerfigur“. Mal zitiert er Teile der Empfehlungen, die jüdischen Eltern in der Besatzungszeit gegeben wurden, die nach Kriegseltern für ihre Kinder suchten. Dann warnt er wiederholt Lea vor dieser neuen Ehe.  Er zeigt Zaubertricks und baut die Leinwand für die Filmeinspielungen auf. Eine rätselhafte Figur.

Judith Herzberg will darüber schreiben, „das Schlechte zu zeigen, was zwischen Menschen geschieht, aber nicht als schrecklich beabsichtigt ist“. Was ertragen Menschen voneinander?

Eric de Vroedt ist ein überaus facettenreicher, bewegender Abend gelungen, der sowohl von den Schauspielern wie auch von den Zuschauern viel Kraft und Konzentration verlangt. Der gerade durch die Mischung von todernsten und dann wieder fast lustigen Momenten  lange im Gedächtnis bleiben wird. Auch die gewählte Musik (größtenteils Stücke der 70er Jahre) unterstützt diese Gradwanderung zwischen komödiantischen und tragischen Aspekten. Gerade hysterisch-fröhlich der Tanz zu der hebräischen Weise „Hava Nagila“ gegen Ende der Feier, ein emotionaler Höhepunkt.