Shoot / Get Treasure / Repeat im Essen/Köln

Für Freiheit, Wahrheit und Demokratie

Plötzlich überfielen den Rezensenten Skrupel: Eigentlich sei es ja nicht fair, einen Inszenierungsvergleich zu schreiben zwischen der Abschluss-Inszenierung einer kleinen Schauspielschule und der Arbeit eines der erfahrensten NRW-Regisseure an einem renommierten Stadttheater, meinte er zerknirscht. Nach dem Besuch der Aufführungen sind die Bedenken verflogen. Unter zwei grundverschiedenen Inszenierungen muss sich die der Alanus-Hochschule keinesfalls verstecken. Die Hochschul-Absolventen blieben näher am Text, entwickelten aber eine furiose Performance, während Hermann Schmidt-Rahmer für das Schauspiel Essen eine aktuelle Polit-Polemik auf die Bühne bringt, für die er den Original-Text des britischen In-Yer-Face-Dramatikers Mark Ravenhill als Steinbruch benutzt und mit einer maximalen Ansammlung von (halb-)dokumentarischem Material anreichert. Die Dringlichkeit des Stoffes im Jahre 2015 vermitteln die Student(inn)en mit dem Originaltext mindestens genauso effizient wie der große Regisseur mit seiner schöpferischen Kraft.

Ravenhill hat sein Stück vor acht Jahren unter dem Einfluss der Bombenattentate vom 7. Juli 2005 auf die Londoner U-Bahn geschrieben. Die 16 unter dem Titel Shoot / Get Treasure / Repeat zusammengefassten fragmentarischen Mini-Dramen sind ein Cocktail aus Konflikten, dramatischen Geschehnissen und Situationen, die sich um Traumatisierungen aus dem Irak-Krieg und die Angst vor islamistischem Terror ranken. Die Bürger der westlichen Welt verschanzen sich aus Angst vor weiteren islamistischen Anschlägen hinter den Zäunen ihrer Gated Community. Sie entwickeln Psychosen, Panik, Hass und Abwehrreflexe, wobei sich Letztere gegen jeden richten, der in irgendeiner Form mit dem Kampf an der Front gegen Schurken und Schurkenstaaten befasst ist. Psychosen, Hass und Abwehrreflexe werden aber auch gespeist von ganz realen Katstrophen, die Ravenhills Figuten erleben - eine Mutter verliert den Sohn im Krieg gegen das Böse, eine Frau kommt beim Anschlag auf einen Bus ums Leben, und es wird gefoltert für die Demokratie. Eine zusammenhängende Geschichte entsteht nicht. Eine geschickte Inszenierung vermag wiederkehrende Charaktere in einigen der Dramolette herauszuarbeiten, doch ist diese Lesart keineswegs zwingend.   

 

Mama, we all go to hell: Die Alanus-Hochschule rüttelt mit dem Original-Text auf

 

Michael Funke hat für die Abschluss-Inszenierung des 3. Studienjahres der Alanus-Hochschule zehn der 16 Mini-Dramen ausgewählt und lässt sie weitgehend texttreu spielen. Tatsächlich gelingt es ihm, einige Verbindungen zwischen den Akteuren verschiedener Szenen kenntlich zu machen. Vor allem aber schaffen er und seine jungen Schauspieler(inn)en von Beginn an eine vibrierende, ungeheuer intensive Atmosphäre: „Warum bombardiert ihr uns“, fragen die fünf verängstigt die Bühne betretenden Damen. „Warum bombardiert ihr die Guten?“ - Das Verständnis, dass in unserer aufgeklärten Wohlstandgesellschaft mit ihrer spezifischen Art des Demokratieverständnisses „die Guten“ wohnen und die anderen sich nur anzupassen brauchen, um alle Konflikte zu lösen, wird von den Damen nicht in Frage gestellt. Doch bald wird im Publikum nach einem Selbstmord-Attentäter gesucht: Angst vor der jeweils anderen Kultur und ihren hegemonialen Ansprüchen, so zeigt die Inszenierung schnell, ist beidseitig; sie findet sich beim unter Druck gesetzten muslimischen Volk ebenso wie beim unterschwellig rassistischen Wohlstandsbürger, dem die Distanz zum eigenen Lebensentwurf fehlt. Geschickt wird das Publikum in die Situation des Verdächtigen, des Ausgegrenzten versetzt. In einem späteren Dramolett wird die Frage der permanenten Überwachung thematisiert. Die Abwehrreflexe sind nun auf unserer Seite, als es heißt, ein jeder im Publikum müsse sich ausweisen und überwacht werden. Wie sähe das wohl im Ernstfall massiver Angriffe auf unser Leben und unseren Wohlstand aus? Gäbe es dann immer noch eine Mehrheit von Idealisten, die auf Datenschutz pocht?

Das Stück ist widerborstig, es ist unterschwellig aggressiv. Auf radikale, überspitzte Art und Weise stellt es die Fragwürdigkeit des bekannten „Democracy - We Deliver“ Motivs (das mit dem Flugzeug-Bomber) aus. „Im Namen der Guten“ werden noch im Paradies die Widerspenstigen niedergemetzelt. Aber das Stück lässt (zumindest in der Inszenierung von Michael Funke) auch Sympathie und Verständnis für die ängstlichen Wohlstandsbürger des Westens zu. Es zeigt die Traumatisierungen der Soldaten, ihre aus den Kriegserfahrungen resultierenden Alpträume - und die Auswirkungen dieser psychischen Störungen auf die Familie, auf die Fähigkeit zu Liebe und Nähe. Szenen wie aus Sarah Kanes „Zerbombt“ finden sich in dem Stück. Es zeigt die Traumatisierungen der Daheimgebliebenen, die Tablettenabhängigkeit der Ängstlichen. Und es lässt Gedanken zu, die wir uns normalerweise verwehren: „Erzählen Sie mir vom Diktator“, fragt Nina Karimy den Soldaten Alexander Prizkau, und der antwortet nachdenklich: „Vielleicht braucht ein Land manchmal einen starken, schlechten Mann …“ - Wir versuchen, Abstand zu gewinnen von unseren eigenen Wertvorstellungen. Widerstrebend hinterfragen wir unsere Betriebsblindheit: Ja, es ist wohl nicht jedes Land reif für unsere Form der Demokratie. 

Die Szene„Paradise Lost beleuchtet die Demokratie auf andere, ungeheuer zynische und düstere Weise. Die Szene gerät zu einer der stärksten der Alanus-Schüler: Eine komödiantische Glanznummer von Olivia Gajetzki kippt in eine erschreckende Geschichte über Terror und Folter. „Namen“ sollen erpresst werden - „für Freiheit, Wahrheit und Demokratie“. Unsere Demokratie hat längst ihre Unschuld verloren. Aus der Folter erwächst „Die Geburt einer Nation“ - des neuen Irak. „Wir haben Euch kaputt gebombt“, gestehen die Westler. So schließt sich der Kreis zur Szene 1. - Nina Kermany erscheint noch einmal. Ohne Augen. Sie weint. Sie weint Blut. Das Grauen, das Grauen …

Die Absolventen der Alanus-Hochschule spielen die zehn Szenen mit furiosem Tempo, wo dies angemessen ist, aber sie wissen Pausen zu setzen, ruhige, traurige, nachdenkliche Passagen in ihre spannende, weniger wütende als vielmehr Erkenntnis schaffende Aufführung einzubringen. Immer mal wieder wird das Publikum direkt angesprochen, was zu unbehaglichen Momenten führt. Effektvolle Musik und gekonnt gesetzte Sounds (Explosionen, Glockengeläut) verstärken den Grusel und die Härte der Aufführung und den Zynismus einzelner Szenen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler können (von einer einzigen Ausnahme abgesehen) überzeugen und stellen den inhaltlichen und formalen Reichtum des Ravenhill’schen Text-Zyklus kongenial zur Schau. Aus einem durchweg guten bis sehr guten Ensemble ragt Nina Karimy heraus. Prollig oder verzweifelt, einfühlsam oder anklagend: Sie überzeugt mit den unterschiedlichsten Typen und Charakteren und vermag Stimmungen von einer Sekunde zur anderen vollständig kippen zu lassen: Ihr, der Mutter, wollen zwei Soldaten die Nachricht von Tod ihres Sohnes überbringen. Rotzig und trotzig, in einer atemberaubenden Gratwanderung zwischen Verdrängung und Angst vor dem Zusammenbruch, weigert sie sich, die Hiobsbotschaft entgegenzunehmen. Erst als die Soldaten ihr Haus verlassen haben, klappt sie zusammen. „Mama, we all go to hell“, dröhnt „Chemical Romance“ aus den Lautsprechern. Und wir kämpfen mit den Tränen. 

 

Unterhaltsam, aber überladen: Schmidt-Rahmers Polit-Theater in Essen

 

Während die Alanus-Hochschule im Einklang mit Ravenhills Text die politische Aussage aus den individualistischen Einzelszenen ableitet, erweitert Hermann Schmidt-Rahmer die Ravenhill-Fragmente zu einem großen politischen Diskurs. Das Schauspiel Essen hat das Stück als Reaktion auf die Anschläge auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris und auf die Pegida-Demonstrationen in verschiedenen deutschen Großstädten kurzfristig ins Programm genommen. Ravenhills Text wird als Steinbruch und Impulsgeber für eine eigene Politshow genutzt. Auch Schmidt-Rahmer beginnt mit der Szene in der Gated Community, mit Avocado-Buttermilch-Smoothies und Bio-Joghurt, doch er nutzt nur fünf der sechzehn Stück-Fragmente, löst sich weitgehend von der Struktur der Vorlage und ergänzt das Stück um Tonnen von dokumentarischem Material und eigenen Texten. Auch löst er einzelne Figuren aus ihren Zusammenhängen und verändert ihre Bedeutung im Kontext von Ravenhills Original. Nicht durch fünf, zehn oder sechzehn Dramolette wird die Aufführung strukturiert, sondern durch zwei große Blöcke: „Hier“ (also Gated Community, traumatisierte Kriegsrückkehrer, therapiebedürftige Daheimgebliebene) und „Dort“ (also Bombenangriffe, Nahrungsmittelknappheit, Peace Keeping Mission).

Auf einer großen Video-Leinwand erscheint zu Beginn eine Warnung: Einzelne Szenen der Inszenierung könnten religiöse Gefühle verletzen. Und: Es gebe zwar keine konkreten Hinweise auf geplante Anschläge, aber der Zuschauer möge doch alle verdächtigen Beobachtungen melden. Überwachung also, Bespitzelungen, das Schüren von Ängsten - kritisch soll das wirken. Eine Woche nach der Premiere sagte man in Frankfurt ein Radrennen ab und verhinderte möglicherweise einen Anschlag wie beim Boston Marathon 2013. In der Gated Community aber, in der Harry mit Frau und Sohn leben, wird die Illusion einer heilen Welt aufrechterhalten. Bloß: Sohn Alex verfolgen Alpträume vom Soldaten ohne Kopf. Auf dem Videoscreen sehen wir im Inneren der kleinen, mit einem überdimensionalen christlichen Kreuz versehenen Kapelle, die die linke Seite der Bühne dominiert, Menschen sitzen wie in einem modernen Luftschutzkeller: „Lass mich heute keinem Anschlag zum Opfer fallen“, beten sie. Eine Lego-Moschee wird später von „Harry“ Daniel Christensen durch einen entschlossenen Tritt zerstört: „Der Islam gehört zu Deutschland“, zitiert er wütend einen ähnlich durchgeknallten, aber integrativer denkenden Bundespräsidenten, dessen wichtigste politische Aussage ihn schmerzt. Moderne Religionskriege werden hier skizziert, karikiert und zugespitzt: Verständnisvollen Gutmenschen aus der heilen Welt von Gartencentern und Fair Trade Kaffee werden Original-Hassvideos von Salafisten gegenüber gestellt, IS-Videos treffen auf die Hetzrede der ehemaligen Staatsanwältin und Richterin Jeanine Pirro zum Charlie-Hebdo-Anschlag beim rechten US-amerikanischen Sender Fox News: „Bomb them, and bomb them, and bomb them again!“.

Es wird gespielt mit den Auswüchsen von political correctness - Ingrid Domann, Stephanie Schönfeld und Silvia Weiskopf versuchen dem Hassprediger ihre Welt zu erklären, die auf ökologischen Grundsätzen beruht. Welten prallen aufeinander, die keinerlei Berührungspunkte haben. Schmidt-Rahmer zeigt die Unmöglichkeit einer Verständigung, wenn man nicht vom eigenen Selbstbild und der eigenen kulturellen und sozialen Identität abstrahieren kann. Er zeigt die Überforderung der westlichen und der muslimischen Kultur beim Versuch, aufeinander zuzugehen, und weist auf die Risiken und die Ausweglosigkeit aller bislang eingeschlagenen Wege zur Entschärfung der Konflikte hin.

Daniel Christensen ist in Schmidt-Rahmers Inszenierung eine irrlichternde Figur: eine tickende Zeitbombe, mal liebender Ehemann, mal Pegida-Parolen zitierend, mal lächerliche Islam-Phobien auslebend, mal Terroristen-Karikatur. Beispielhaft zeigen sich in seinem oft virtuosen, dann aber auch wieder in Albernheiten stecken bleibenden Spiel die Facetten der Inszenierung: Wut, Ironie und Komödie. Irrlichternd, aber kalkuliert schwankt auch die Aufführung zwischen diesen Polen hin und her, zwischen Kölner Karneval, Karikatur und böser Anklage. Das komödiantische Element kommt erheblich stärker zu seinem Recht als in der Inszenierung der Hochschule Alfter - andere Szenen wiederum wirken härter und radialer. In vielen Momenten wird die Inszenierung triefend ironisch. Phasenweise wird das Stück dekonstruiert zu einer an die großartige Inszenierung desselben Regisseurs von Jelineks Ulrike Maria Stuart im Jahre 2011 erinnernden Collage aus Satire, Ironie und Agitprop; dann wieder glaubt man Anklänge an Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ zu entdecken.

Teilweise gelingt Schmidt-Rahmer eine tolle Text-Collage, doch brillante Passagen wechseln mit eher holzschnittartigen Szenen ab; atmosphärisch ungeheuer dichten Passagen folgen redundante Momente. Leider zerfasert die Aufführung insbesondere im zweiten Teil, wenn Schmidt-Rahmer versucht, seine komplette Stoffsammlung noch irgendwie in der Polit-Show unterzubringen. Doch die Utopien, die er anbietet, müssten doch irgendwann einmal Realität werden dürfen: Rappende Burka-Frauen fordern eine Welt, in der sie ihre Körper nicht mehr verhüllen müssen; ein Goethe-Institut in Mossul wird eröffnet, eine schwule muslimische Ehe geschlossen. Aber solange die Menschen die Welt geographisch und kulturell in die Guten und die Schlechten unterteilen, werden auch die Pegidas und die Bombenleger nicht aussterben.           

 


 

 

Kurz und bündig:

 

Zwei grundverschiedene Ansätze, Mark Ravenhills Collage aus zahlreichen Minidramen zu inszenieren. Die bescheidenere, textnähere Variante der Alanus-Hochschule ist keineswegs schwächer als die bisweilen überfrachtete Polit-Polemik vom Schauspiel Essen.