Bin nebenan im Köln, Freies Werkstatt-Theater

Glück und Unglück eng beieinander

Eine „Sie“ und ein „Er“ sind die Protagonisten von Ingrid Lausunds Bin nebenan. 2008 erschienen diese Monologe für zuhause als Buch. Sie stellen keinen originären Theatertext dar. Die zwölf Kapitel sind in sich abgeschlossene Prosaszenen, inhaltlich nicht unmittelbar zusammenhängend, doch allesamt Reflexionen über eine bestimmte Spezies von Menschen. Über Menschen, die sich Lebensglück einreden und doch unglücklich sind, Menschen, die erkennen, dass sie Zwängen unterworfen, diese aber nicht abzuschütteln in der Lage sind. Dem Buch Ingrid Lausunds ließen sich ohne weiteres zusätzliche Geschichten anfügen. Man kann sich freilich auch auf einige Stories beschränken, ohne dass Essenzielles verloren ginge. Die Autorin (Jahrgang 1965) hat es vor einigen Jahren beim Duisburger Theatertreffen vorexerziert und ihre Auswahl als Lesung in zwei Teilen geboten. Die bisherigen Theaterinszenierungen übernahmen diese Methode offenbar alle, wie jetzt auch das Freie Werkstatt Theater in Köln.

In Köln war Ingrid Lausund ab 2003 für einige Zeit am Schauspielhaus tätig; später in Hamburg arbeitete sie sowohl als Autorin wie als Regisseurin. Bereits 1992 gründete sie in Ravensburg mit Studienkollegen eine Theatertruppe, wo sie unter anderem ihre ersten Stücke vorstellte. Zu den bekanntesten Dramen aus ihrer Feder gehört Bandscheibenvorfall.

Hier, wie auch bei den anderen Bühnenwerken, handelt es sich der äußeren Form nach um Komödien, aber um solche, bei denen Lebensernst langsam aber sicher, sehr bitter und auch makaber aufsteigt. Ähnlich verhält es sich bei dem im Bauturm-Theater gespielten Chinesen von Benjamin Lauterbach (Rezension weiter unten), nur dass hier groteske Momente entschieden lauter und auch etwas vordergründiger zum Tragen kommen.

Beim FWT liegt es nicht zuletzt an den sehr guten, übrigens am nahe gelegenen Theater der Keller ausgebildeten Darstellern Robert Oschatz und (um noch einige Grade mehr) Fiona Metscher, dass das Verzweiflungsvolle der Sujets stark wirkt. Wenn sich in der Episode „Esstisch“ beispielsweise eine Frau hektisch einredet, dass sie sich in ihrer neuen Wohnung unglaublich wohl fühle – ob nun in der Speisekammer oder auf der Toilette – wird Doppelbödiges sehr bald evident. In „Sofa“ sieht man noch schneller klar. Da tigert ein Mann durch seine Wohnung wie zuvor auf dem Wegleitsystem eines Möbelhauses, wo er sich ein Rote-Rosen-Sofa kauft, obwohl er es eigentlich scheußlich findet.

Die Inszenierung von PiaMaria Gehle (am „Keller“ war sie für einige Spielzeiten Intendantin) gefällt in ihrer zugespitzten Spielvirtuosität, ohne dass ihr die bescheidene Ausstattung groß hilft. Im Foyer ist über die Brüstung der Treppe zum Theaterraum im Untergeschoß einfach eine teppichbedeckte Plattform gelegt, auf welcher lediglich eine variabel zu nutzende Kommodenbank steht. Als netter, erhellender Regieakzent wirkt übrigens, dass die Darsteller ihre Schuhe gegen Pantoffeln austauschen, bevor sie ihr „Zuhause“ betreten. Dass PiaMaria Gehle gelegentlich einen personalen Kontakt aufbaut, ist gleichfalls ein solcher, der optisch verlebendigt, die Interpretation freilich nicht vertieft. Äußerst starker Beifall in der besuchten zweiten Vorstellung.