Segen der Erde im Köln, Schauspiel

Geburt aus Wasser und Schlamm

Er war und ist ein ganz Großer der Literatur: Knut Hamsun (1859-1952). Einen langen, sehr dunklen Schatten warf auf diese Jahrhundertleistung seine sklavische Anbiederung an Goebbels und Hitler. Dem Rheinländer vermachte er seine Nobelpreis-Medaille, der Österreicher war für ihn ein „Krieger für die Menschlichkeit“. Peinlich – gleichwohl ist seine literarische Kraft grandios genug, dem Norweger endlich auch künstlerisch gerecht zu werden.

In Köln machte sich Robert Borgmann ans Werk und filterte aus Hamsuns Roman Segen der Erde, für den er 1920 den Nobelpreis erhielt, eine nahezu vierstündige Bühnenbearbeitung, die es in sich hat. Wenn auch viel zu lang und oft im Dunkeln stochernd, packen und fesseln immer wieder geheimnisvoll angelegte Bildsequenzen. Eine Inszenierung, die vor Sinnlichkeit und dunklen Emotionen nur so strotzt. Dass sich diese Sinnlichkeit etliche Male zu direkt und ausdauernd in wahren Kopulations-Orgien zeigt, bringt die Inszenierung zeitweise in eine unnötige Schieflage. Das mindert freilich nicht die hochkarätige, durch dunkle Bilder immer wieder überwältigende Inszenierung. Mit oft nahezu zeitlupenartiger Intensität schickt Borgmann Hamsuns Menschen zunächst ins naturhaft-bäuerliche Leben, ehe der aufkommende Kapitalismus und die Un-Natur der Städte seine Menschen aus dem Gleichgewicht kippen.

Zu bewundern ist schon Borgmanns Einstieg in das Bilder-Buch des Norwegers. Nicht die „Erde“ ist der Grund, auf dem sich der Bauer Isak (Marek Harloff) und seine Frau Inger (Julia Riedler) bewegen. In fast völliger Dunkelheit liegt, zwischen zwei Zuschauerblöcken in der Halle Kalk, eine geschätzte zehn mal zehn Meter umfassende knöcheltiefe Wasserfläche. Zuckende Blitze lassen zunächst nur ahnen, was Rocco Peukers Spielfläche an Reizen bietet. Ein Einstieg in die ferne Welt eines dunklen Nordens, der geschlagene 20 Minuten lang wortlos eindringliche Atmosphäre schafft. Im sich spiegelnden Wasser vereinigen sich, kaum erkennbar, zwei Menschen. Es sind Isak und Inger, deren Hasenscharte sie zur Außenseiterin gestempelt hat. Aus dem Dunkel steigt schließlich ein Kind, im Wasser und aus dem Schlamm auf seinem Grund geboren: Eleseus.

Urbar macht Isak von nun an das Land, friedlich lebt das Paar zusammen. Bis ihr drittes Kind geboren wird. Das Mädchen hat eine Hasenscharte wie Mama, die es daraufhin tötet. Der Kindsmord bringt sie für sechs Jahre ins Gefängnis. Sie verändern Inger, die schließlich zum Opfer städtischer Mode und der Männer wird. Reizlos wird ihr die ländliche Eintönigkeit, der es zugleich zunehmend an den kapitalistisch verseuchten Kragen geht: Grundstücke wechseln den Besitzer, die Gier nach Kupfer, in Isaks Kupferberg massenhaft zu erwarten, versaut die Moral. Der geldgeile Krake Kapitalismus zerreißt die Bande zwischen Mensch und Natur.

Diesen Sog, den moderne Gier und Maximierungswillen erzeugen, vermag Borgmanns Inszenierung mitreißend in Bilder und präzise Schauspielerführung umzusetzen. Moral-Verfall und unselige „moderne Zeiten“ sind bestens sicht- und hörbar gemacht. Wäre Borgmann nicht so oft und dabei allzu sehr seiner spürbaren Lust verfallen, jedes Bild bis zum Zerreißen zu dehnen, seine Inszenierung wäre schlichtweg grandios zu nennen.