Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde im Mülheim, Theater an der Ruhr

Samias Traum

 

Es ist der 19. August 2008 im Vogelnest. Bei den Olympischen Spielen in Peking stehen die Vorläufe über 200 m der Frauen an. Im 5. Vorlauf fliegt erwartungsgemäß das jamaikanische Vögelchen Veronica Campbell-Brown als Erste ins Ziel. Schaut man sich das YouTube-Video an, scheinen nur sieben der acht Starterinnen die Ziellinie erreicht zu haben. Doch nein: Als Samia Yusuf Omar nach 32,16 Sekunden - mehr als neun Sekunden nach der Jamaikanerin - in persönlicher Bestzeit die Linie überquert, haben die Kameras längst abgedreht. Aber auch Samia hat gewonnen. Die Zuschauer toben. „Sie applaudieren der Anstrengung“, erkennt die 17jährige Somalierin. „Eine Legende wurde geboren: Die Geschichte vom Mädchen, das Letzte wurde.“

Samia hat nun die Leidenschaft gepackt. Sie wird hart trainieren, um in London 2012 eine Medaille für ihr Land zu gewinnen. Islamistische Terrormilizen in ihrem Heimatland bedrohen die unzüchtige Frau, die gegen Allahs Willen Sport treibt. Ein Leistungs-Training in Äthiopien kommt nicht zustande, weil die somalische Botschaft in Addis Abeba sich weigert, ihr die erforderlichen Papiere auszustellen. Über den Sudan und Libyen flieht Samia im April 2012 nach Europa. Bei einer gescheiterten Rettungsaktion im Mittelmeer ertrinkt sie. Samia Yusuf Omar, Fahnenträgerin ihres Landes in Peking, wurde nur 21 Jahre alt. Eine Komödie

 Es ist eine wahre Geschichte, die uns die gebürtige Brasilianerin Carla Guimaraes erzählt. Und es ist wahr, dass die junge spanische Regisseurin María Folguera diese Geschichte in Form einer Komödie auf die Bühne bringt. Als Komödie, als Märchen, als Kinderspiel. Mit starken choreografischen Momenten. Mit Musik von einer irren Boy Group: den „Söhnen Gaddafis“, die den Kopf ihres Vaters bei eBay versteigern möchten und dessen mit Kaugummis und bunten Bällen gefüllte Urne sie mit sich tragen - „Das ist alles, was von ihm übrig ist.“ Mit höchst komödiantischem, expressivem Körpertheater, mit den burlesken Mitteln des Volkstheaters, mit jeder Menge politischer Unkorrektheiten, mit Fröhlichkeit und Poesie und verblüffenden Ideen. Anahí Beholi als Samia ist ein rechter Wipphopp: temperamentvoll geistert sie über die Bühne und meistert sämtliche Herausforderungen auf dem Weg zu London 2012 mit strahlendem Optimismus - inklusive ihres eigenen Todes.

Natürlich gibt es unterschwelligen Rassismus in dieser Geschichte. Aber nicht bei den Europäern - die versuchen ja zu retten. Jede Menge Vorurteile, die in Deutschland bei idealistischen Gutmenschen für harsche Kritik sorgen würden, kippt Samia über die Chinesen aus. Nicht aggressiv, sondern witzig. Dafür kriegt sie dann eine Mao-Bibel geschenkt, die sie ermutigt, mit dem Sport fortzufahren und die Olympischen Spiele in London anzusteuern: „Wage zu kämpfen, wage zu gewinnen“, ist eine der Weisheiten, die der Große Vorsitzende im Roten Buch niedergelegt hat. Sie wird zu Samias Lebensmotto. Mit den anerkannten großen Söhnen des eigenen Landes ist das so eine Sache: Mo Farah, mit acht Jahren aus Somalia ausgewandert, ist Samias großes Vorbild, „Mo Farah“ wird in Folgueras Inszenierung so etwas wie Samias Sehnsuchtswort - doch der größte Sportler in Somalias Geschichte stellt unmissverständlich klar: „I’m British“. Er wird in London Doppel-Olympiasieger werden, aber im Paradies das 98. Internationale Tiramisu-Wettessen gegen Samia verlieren …  Mo Farah, Tiramisu, Billy-Regale, Geldautomaten, FKK-Strände und Reality Shows auf MTV - das sind Samias Träume und Vorstellungen von Europa. Und natürlich das Wiedersehen mit dem schwedischen Gewichtheber Markus Larsson, in den sie sich in Peking verliebt hat.

Den Weg dorthin haben Guimaraes und Folguera wie einen Hürdenlauf gezeichnet. Erste Hürde: Die Soldaten. Juan Ceacero, der neben der Hauptdarstellerin Anahí Beholi als Radioreporter, später auch als Karikatur eines englischen Kampfrichters die überzeugendste schauspielerische Leistung abliefert, kommentiert Samias phantastischen Sprung, gefolgt von einem schnellen Sprint: So kommt man am besten durch die Militärkontrolle. Die zweite Hürde: Die Religionshüter. Gemäß einer Studie von TrustLaw ist Somalia für Frauen das fünftgefährlichste Land der Welt (Anm. d. Verf.: nach Afghanistan, Kongo, Pakistan und Indien). Die Autorin hat Samia die Original-Worte der somalischen Frauenministerin Maryan Qasim bei der Präsentation der Studie in den Mund gelegt: „Ich dachte, das Schlimmste“, sagt Samia. Ein Religionshüter versucht Samia eine Burka überzuziehen. Lachen im Publikum, denn es ist höchst komödiantisches Körpertheater, das da gespielt wird. Sania stürzt, doch: „siebenmal gestürzt, heißt achtmal aufstehen.“ Eine Sportmetapher steht wieder für das Durchhaltevermögen der jungen Frau. Dritte Hürde: Die Fundamentalisten. Wie wilde Tiere beißen sie Samia in wildem Tanz ins Fleisch. Trainer Tura, lange Zeit ein väterlicher Freund, gibt Samia nun auf, und die lange Geschichte ihrer Flucht beginnt. Irgendwann begegnet sie der tanzenden Boy Group der Gaddafis, steigt in ihr Schlauchboot namens „Titanic“, trifft in einer so dramatischen wie poetischen Passage auf Piraten und geht unter. Nicht in tiefer Verzweiflung, sondern mit dem Traum von der Tiramisu mit Mo Farah.

Eine derart tragische Geschichte als Burleske zu spielen, ist ein mutiges formales Experiment, das bei Folguera und ihrer eigens für diese Aufführung zusammengestellten Theatertruppe in überzeugender Weise aufgeht. Wir fühlen uns gut unterhalten, verdrücken auch mal ein Tränchen und sind hinterher geneigt, auf die Straße zu gehen und alle Frontex-Zäune niederzureißen. Denn wer zuhört, entdeckt all die bitteren Wahrheiten, die die Schauspieler aussprechen. Tausende von Flüchtlingstoten im Mittelmer allein in den letzten sechs Wochen lassen die apokalyptische Vision, die Samia und ihre Mitstreiter gegen Ende entwickeln, gar nicht mehr so fern erscheinen: „Das Blau des Meeres wird verschwinden. Es wird das Schwarz der Menschen annehmen. Da ist kein Wasser mehr. Nur Leichen.“

 „Grau und dünn müssen sie sein“, fährt Samia fort. „Aber in ihren Augen muss der Glanz des Champions liegen.“ Schaffen wir das - die Boat People als Champions zu sehen, als Helden im Kampf gegen die Menschenrechtsverletzungen in ihren Heimatländern, gegen die Ungerechtigkeiten in unserer Welt? Vielleicht als hidden champions, die dereinst ihre Fähigkeiten in unserer Gesellschaft einbringen werden? Es ist wohl eine Utopie - aber auch Samia Yusuf Omar hat für eine Utopie gelebt. Wer diese Aufführung gesehen hat, wird die junge Sportlerin nie vergessen.