Wunsch und Wunder im Stadthalle Mülheim

Manipulation durch Technik contra Versagen der Natur

Felicia Zeller, Jahrgang 1970, ist bekannt für ihren hintergründigen Humor du die Sprachakrobatik, mit denen sie an ganz nüchtern-trockene Themen herangeht. So schrieb sie Kaspar Häuser Meer im Auftrag des Theaters Freiburg, wo 2008 auch die Uraufführung stattfand. Im gleichen Jahr gewann die Produktion den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen.
Zeller, die stets im Vorfeld gründlichst recherchiert, beschreibt hier den Alltag deutscher Jugendämter und hat dabei die ständige Überforderung ihrer Mitarbeiter in rasenden Sprachattacken festgehalten.

Wunsch und Wunder ist eine Auftragsarbeit für das Saarländische Staatstheater Saarbrücken. Zeller hat sich intensiv mit den Methoden der modernen Reproduktionsmedizin und dem Glauben, alles sei machbar, befasst. Es geht um Hoffnungen und Ängste, um die fast industriell-kalt ablaufende Inseminationsindustrie. Aber auch um das Spannungsfeld zwischen Beratungsnotstand, Schöpfungsphantasien und den lukrativen Möglichkeiten, die allzu oft ethisch bedenkliche Aspekte aufzeigen. Leihmutterschaft und Eizellenspende sind in Deutschland laut Embryonenschutzgesetz verboten. Die Zahl der Paare, die den Angeboten des Reproduktionstourismus in Länder, in denen diese Verfahren erlaubt sind, folgen, nimmt zu.

Ort der Handlung des Stückes ist die Kinderwunschpraxis von Dr. Flause, einem Pionier der Reproduktionsmedizin, der in den vergangenen 30 Jahren tausende von Kindern durch künstliche Befruchtung gezeugt hat. In den Gründungsjahren seiner Praxis, als man noch mit „frischem Sperma“ von anonymen Spendern arbeitete, hat er oft – aus praktischen Gründen – mit Eigensperma inseminiert, was er nicht ohne Stolz vermerkt. Jetzt herrschen andere Zeiten. Da ist Katja von Teich (31), die erst kürzlich von ihrer Mutter erfuhr, dass sie ein Spenderkind ist, erzeugt in Flauses Klinik. Sie hat erhebliche Probleme mit dieser Tatsache: „Ich bin das Ergebnis eines Zuchtgedankens“. Viel lieber wäre ihr, „ein ungeplantes, total ungewolltes Kuckuckskind …, das Ergebnis von Leichtsinn und Leidenschaft“ zu sein. So schummelt sie sich à la Wallraff mit falschen Papieren als Arzthelferin Sandra Schlaich in die Praxis, um herauszufinden, wer ihr genetischer Vater ist. Dr. Betty Bauer ist Flauses Kollegin. Hektisch versucht sie – mangels Partner -, in One-Night-Stands schwanger zu werden. Ironischerweise meint sie ernsthaft, sie stelle sich dabei auch für ihre eigene Forschung (die Bedeutung des Geruchssinns bei der Fortpflanzung) zur Verfügung. Diplom-Biologe Schimmel leitet das praxiseigene Labor. Er ist einziges Kind seiner Mutter, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Enkelkind. Doch Stefan lebt allein. Arzthelferin Nicole Neider vervollständigt das Team der Kinderwunschpraxis. Sie wollte Medizin studieren, was eine Schwangerschaft vereitelte. Und jetzt ist sie wieder schwanger. Absurd scheinbar in diesem Umfeld, wo die Patientinnen viel Geld und Zeit für eine erfolgreiche Behandlung mitbringen müssen.

Zeller hat wirklich viele Fachdetails der Reproduktionsbiologie in ihrem Stück verwendet, ebenso wie juristische Aspekte bzw. ethisch-moralische Fragen einbezogen. Ausländische Eizellenspenderinnen kommen genauso zur Sprache wie die bekannte Diskussion, ab welchem Stadium eine befruchtete Eizelle als Mensch bewertet wird. Schimmel: „Wollen wir es ein-zwei-drei-vier-fünf Tage alter Embryo oder fünf Tage alter Zellhaufen nennen?“
Typisch für Zeller der schier unerschöpfliche Redefluss der Figuren. Es sind überwiegend Monologe, die fast immer rasend schnell gesprochen werden – und nicht nur von den Schauspielern viel Konzentration abverlangen.

Marcus Lobbes setzte als Regisseur dieser Textflut Bilder entgegen und inszenierte Wunsch und Wunder als Komödie. Märchenbezüge liefert der Text, ist es doch schon fast ein Wunder, wenn es in der Klinik mit viel Aufwand klappt, ein Kind zu zeugen.

Den Bühnenhintergrund ziert eine Fototapete mit Waldmotiv. Die runde Spielfläche ist in gleich aussehende Kammern eingeteilt, alle durch Pendeltüren verbunden, die so prächtig auf- und zuklappen. Alle mit praktischen Kleenexspenderboxen ausgestattet. Dann und wann dreht sich das Karussell. Die Darsteller erscheinen mit roten Zwergenmützen, Frosch- oder Bärenmaske, auch mal mit Krone und Schweinchenrüssel. Betty Bauer, die ohne Mann von Kindern träumt, turnt fast akrobatisch an Schimmel herum, der sie mühelos in die Luft stemmt. Man fühlt sich an Eistanzhebefiguren erinnert. Am Ende stehen zwei nackte Statisten als Adam und Eva auf der Bühne. Zurück zur Natur? So weit weg wie möglich von Labortechnik und medizinischen Kunstgriffen?

Lobbes kann sich auf ein äußerst spielfreudiges Ensemble verlassen (Dr. Flause: Andreas Anke, Dr. Bauer: Gertrud Kohl, Schimmerle: Roman Konieczny, Nicole Neider: Gabriela Krestan, Katja von Teich: Nina Schopka), das jeden Kalauer ausspielt, jedes Klischee bedient und so das Publikum gekonnt und witzig unterhält.