Die Nashörner im Recklinghausen Ruhrfestspiele

Bleibense Mensch!

Wolfram Koch und Jacqueline Macauley sind Eugène Ionescos Behringer und Daisy. Sie stehen an der Rampe und blicken ins Publikum. „Ihr seht alle gleich aus“, schimpfen sie. Längst sind wir alle zu Nashörnern geworden. Gleichgeschaltet. Pluralismus wollen wir nicht mehr. Wir rennen einem Zeitgeist-Phänomen hinterher - und zwar einem gefährlichen: Wer Nashorn wird, weil Nashörner gerade in sind, der rennt auch Diktatoren hinterher, politischen Verführern, die uns mit der Kraft und der Hässlichkeit des Nashorns in temporeichem Überraschungsangriff vereinnahmen. Gleichgeschaltet haben wir uns wohl selbst: „Meine Pflicht ist es, meinem Vorgesetzten in jeder Hinsicht zu folgen“, hatte Stech (Luc Feit) beschlossen, als er seinem Vorgesetzten Hans (Samuel Finzi) in die Welt der Nashörner folgte. Dass die Transformation zum Nashorn moralisch bedenklich sein könnte, mag er geahnt haben: Besser sei es, von innen zu kritisieren als von außen - so hatte er halbherzig den Widerständlern gegenüber seine Entscheidung begründet. Führer befiehl, wir folgen... - In den Tagen der Premiere dachten wir auch an die FIFA und Sepp Blatter, aber natürlich war das, was wir sahen und hörten, auf die Mitläuferproblematik in politischen Diktaturen gemünzt. Eugène Ionesco hatte den Faschismus in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Teil am eigenen Leibe erlebt.

Sind Die Nashörner also ein schweres, düsteres politisches Drama? Nicht die Bohne: Ionesco ist schließlich einer der Großmeister des Absurden Theaters, und seine Parabel auf den ideologischen Massenwahn und das kritiklose Folgen von dubiosen Führergestalten steckt voller Witz und surrealer Komik. Es sind dieser Witz und diese Komik, die die Brillanz von Frank Hoffmanns Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Théâtre National du Luxembourg und dem Staatstheater Mainz ausmachen. Das Stück, das im ersten Akt in einem Café auf dem Kirchplatz einer mittelgroßen Stadt spielt, im zweiten Akt in den Büroräumen eines juristischen Verlages und im dritten in der Wohnung des Protagonisten Behringer, beginnt und endet in Recklinghausen im Parkett. Das Licht bleibt an, und nach und nach melden sich die acht Schauspieler aus den Zuschauerrängen; Behringer aus Reihe 8, Hans aus Reihe 6, und Jacqueline Macauleys Daisy kommt zu spät, haspelt ungeschickt durch Reihe 3 und stolpert dann wieder raus zur Toilette. Witzig, hochkomödiantisch beginnen der lebensfrohe, den Genüssen des Lebens ein wenig zu sehr verfallene Behringer und der etwas spießige Angestellte Hans ihr Gespräch über Gott, die Welt und insbesondere Behringers alkoholgetränkte Lebensführung. Doch wer das Stück kennt, merkt schon mal auf, als Hans seine Vorstellungen zur Arbeitsmoral äußert: „Ein höheres Wesen ist der, der seine Pflicht erfüllt. Seine Pflicht als Angestellter.“ Bedingungslose Pflichterfüllung ohne kritische Nachfragen - das ist es doch, was unsere Diktatoren von Adolf (Hitler) bis Josef (Stalin und Blatter) an ihren Nashörnern schätzten.

Schnell sind sie, und rücksichtslos: Beim zweiten Auftritt wird schon Brigitte Urhausens Katze zertrampelt. Immer wenn sie auftreten, wird es stockdunkel. Man sieht sie nicht, die Rhinozerosse, aber man erlebt sie. Rumoren, eine Art Schnauben kündigt sie an. (Nein, liebe Rezensenten-Kollegen, die Sie nahezu ausnahmslos das Schnauben vermisst haben: Es ist kein tierisches Schnauben, es ist ein elektronisch erzeugter Sound - aber ein Schnauben doch!) Für den Zuschauer ist das zunächst absurd, für Hans und Behringer überraschend. Samuel Finzi und Wolfram Koch geben auf der Bühne des Festspielhauses wieder zwei große Clowns - so wie im vergangenen Jahr an gleicher Stelle bei Samuel Becketts Warten auf Godot (http://theaterpur.net/theater/schauspiel/2014/06/recklinghausen-godot.html). Diesmal dürfen sie aber erheblich extrovertierter zu Werke gehen. Gut aufgelegt zeigen sie die ganze Bandbreite ihres komödiantischen Könnens. Finzi gibt sich artistisch: Als es aus dem Café auf den Platz geht, gelingt ihm eine akrobatische Show-Einlage, ein virtuoses Auf-der-Stelle-Laufen, zu dem das Publikum mit begeistertem Klatschen den Takt vorgibt. „Also, auch Kraft haben Sie“, stellt Behringer fest - und da fällt der Finzi um. Ein Satz, eine Bewegung - eine Metapher. Denn bald wird der Finzi Hans selbst zum Umfaller. Er, das einstige höhere Wesen, das bislang den (pflichtbewussten) Menschen als Krone der Schöpfung ansah und der jetzt einen Tarnanzug für die Jagd auf die Nashörner trägt, stellt nach kurzer Moraldiskussion verdruckst fest: „Die Natur hat ihre eigenen Gesetze.“ Er schwingt sich in die Lüfte, flattert wie ein Vogel: In seiner zweiten akrobatischen Glanznummer fliegt Finzi davon, nach oben in den Bühnenhimmel, in eine neue Welt, in die Welt der Nashörner.

Zu diesem Zeitpunkt sind wir längst auf der Bühne angelangt. 35 Minuten lang unterhält uns das Ensemble höchst vergnüglich im Parkett, mit vielen witzigen Kalauern und manch absurdem Syllogismus. Dann geht es auf die Festspielhaus-Bühne zur Konferenz im Verlags-Büro. Der Höhepunkt von Frank Hoffmanns Ideenfeuerwerk ist zu diesem Zeitpunkt überschritten, was aber nicht bedeutet, dass nicht noch manche Szene zünden wird: Großartig ist Christiane Rausch als kugelförmige Frau Ochs, die ihren Mann am Arbeitsplatz wegen einer Grippe entschuldigen will - und ihn dann in dem Nashorn erkennt, das sie auf dem Weg verfolgt hat (und das für uns - wie alle Nashörner - unsichtbar bleibt). Unter verliebtem Winken entschwindet sie mit ihm. Absurd, geradezu kafkaesk ist die Büroinstallation mit ihren Gitterwänden, an denen Tonnen von geschreddertem Papier kleben. Diese Gitterwände fahren plötzlich nach vorn und verengen die Bühne. Draußen zieht der Recklinghausener Spielmannszug Disteln-Backum vorbei, mit verhaltenem Tätärätä - in wenigen Minuten wird er stumm zurückkehren, mit dem dirigierenden Spielführer vorweg, den auf Trommeln und Pauke hauenden Musikern hinterdrein - doch ohne Ton.

Solch tolle, absurde Bilder begleiten Hoffmanns Erzählung, die schwungvoll und fröhlich daherkommt und doch einen so düsteren Gehalt hat. Die klaustrophobische Verengung der Bühne ist eine Metapher für die „Rhinozeritis“, die sich nicht nur in einem gedankenlosen Hinterherlaufen hinter dem Zeitgeist äußert, sondern auch eine Art Depressionskrankheit der Gesellschaft darstellt: Für eine Auflehnung fehlen Wille und Kraft. Die Nashörner sind die neue Partei. Die Einheitspartei. Im totalitären Staat werden die realen Güter verknappt und die Wahlmöglichkeiten gestrichen. „Die Läden werden wegen Verwandlung geschlossen“, heißt es. Das ist eine Situation wie in José Saramagos Stadt der Blinden - bedrohlich und ausweglos für die einzigen Sehenden: Behringer wehrt sich noch gegen den Trend zum Nashorn. Er kämpft darum, Mensch zu bleiben. Wolfram Koch hat Daisy an den Stuhl gefesselt, damit nicht auch sie ihm noch entrissen wird. Der stumme Spielmannszug zieht vorbei. „Sie singen“, sagt Daisy. „Sie tanzen.“ - Nein, sie schnauben, erwidert Koch. Doch auch Daisy ist zum Nashorn geworden: Sie kann den Spielmannszug hören.

Jacqueline Macauley setzt sich wieder ins Publikum, zu den anderen Rhinozerossen. „Ihr seid so schön“, seufzt Behringer. Doch: „Ich bin der letzte Mensch. Ich kapituliere nicht.“ Er, der chaotische Individualist, vermag sich zu widersetzen. Die angepassten Ordnungsfanatiker sind längst zum Totalitarismus übergelaufen. Langer, langer Jubel.