Glückliche Tage/Das letzte Band im Dortmund, Schauspielhaus

Reden gegen die Leere

Die Leute reden und reden, manchmal mögen sie sogar etwas Bedeutungsvolles sagen, also nicht nur so belanglos daher plappern, doch bei aller Geschwätzigkeit ist es die Stille zwischen den Zeilen, den Wörtern, die uns aufmerken lässt in Samuel Becketts Dramen. Eine eigentümliche Melancholie umweht seine Stücke, gepaart mit dem Gefühl der Leere, mit Endzeitstimmung. Was da lebt und sinniert, was sich in teils absurden Situationen in Komik versucht, trägt im Grunde Resignation, ja Fatalismus in sich.

Glückliche Tage ist so ein Stück und auch Das letzte Band. Beide hat das Theater Dortmund nun in einer Studioproduktion herausgebracht, als ein nahtlos ineinander gleitendes Doppel, das sich in bildmotivischer Verklammerung zu einem Ganzen fügen soll. Doch das will nicht recht gelingen. Das Band hat den Charakter eines Anhängsels. Weit kürzer als das Eingangsstück. Vor allem aber: Der Monolog des überheblichen jungen Herrn Krapp, kommentiert vom mürrischen alten Herrn Krapp, ist längst nicht so wirkmächtig wie das große Solo der Winnie in Glückliche Tage. Das gilt ähnlich für die szenische Gestaltung.

„Naja“, „Und nun?“, „Der alte Stil“ oder „Große Gnade“ – das sind die Floskeln, die Winnies Monolog zusammenhalten. Merle Wasmuth spricht ihn, leidend, im Liegen, weil die alten Beine nicht mehr wollen, seufzend, wenn sie sich die Vergangenheit ins Gedächtnis ruft. „Naja“ ist bei ihr ein Wort fürs Unvermeidliche, „Und nun?“ steht für die Leere. Kommt da noch was? Wasmuth spricht klar, wägt die Worte, dann wieder sprudeln die Sätze wie Kaskaden. Gelegentlich entwickelt sich daraus eine ängstliche Hysterie, wenn die Frau gewahr wird, dass sich ihr Leben offenbar dem Ende zuneigt. Und jeder Tag, an dem sie tut „was man noch kann“, ist für sie ein glücklicher.

Oder wenn Willie, ihr Mann, der bei ihr ist und doch offenbar in einer anderen Welt, auf ihr Reden wenigstens ab und an reagiert – sei es durch eine Floskel, ein Zeichen, eine Bewegung oder das brüchige Ansingen einer alten Melodie. Dann weiß Winnie immerhin, dass er noch lebt, ihr zumindest gelegentlich zuhört, etwas wie Empathie empfindet. Dass er sich erinnert an die besseren Zeiten, etwa den gemeinsamen Seeurlaub, als er ihr diesen Sonnenschirm schenkte, den sie noch immer benutzt.

Bei Beckett „lebt“ Winnie in einem Erdloch, ziemlich bewegungsunfähig. Draußen herum krabbelt Willie, der sie aber nicht ausgraben kann. In der Dortmunder Inszenierung nun, die Marcus Lobbes verantwortet, liegt die Frau, an den Beinen gefesselt, auf einem Boot. Eine Decke gibt ihr etwas Schutz. Gelegentlich windet sie sich in eine andere Position, wie eine bleiche, verletzte Undine wirkend. Doch der Nachen entpuppt sich als ein Schiff des Todes, den Styx überquerend, wo auf der anderen Seite der Hades wartet. Einige Totenköpfe liegen dort als grausiger Wahrheitsbeweis. Pia Maria Mackert hat die schmale Bühne symbolträchtig ausstaffiert, vorn begrenzt durch fünf riesige, durchsichtige Segmente, in denen sich bei Licht das Publikum spiegelt. Die hintere Wand dient als Projektionsfläche.

Dort sehen wir im Video zwei beobachtende Augen im weißen Gesicht oder das amorphe Dunkel der Decke. Zwingend notwendig scheint diese Beigabe nicht. Besser sind die Kostüme, die Mackert für die Protagonisten entworfen hat, gediegener Zwirn, der alte Stil eben. Willie, der vor der Bühne, Reihe eins Mitte, weilt, kommt deshalb wie ein Theaterbesucher daher. Ekkehard Freye spielt ihn in gebotener Zurückhaltung, fast schüchtern, mit einem Hauch von altem Charme. Erst am Ende wird er energisch: „Sing das Lied“ ruft er Winnie fast verzweifelt zu, und sie beginnt: „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen...“. Lehársche Walzerseligkeit, eine letzte Erinnerung – ein starker Abgang.

Freye ist dann auch der Herr Krapp, der als alter Weißhaartölpel Das letzte Band hervorkramt, auf dem er als junger Großkotz mit seinen Weibergeschichten prahlt. Der Junior gibt sich selbstgerecht im Video, der Senior schimpft sein einstiges Ich einen albernen Idioten. Dass hier eine Liebesszene auf einem Boot im Mittelpunkt steht, scheint Ausstatterin Mackert zur Bildfindung von Glückliche Tage inspiriert zu haben. Doch diese Klammer wirkt konstruiert, und trotz der Virtuosität Eckehard Freyes wollen sich die Teile nicht zu einem Ganzen fügen. Und das ist ein bisschen schade.