Die Wunderübung im Köln, Theater im Bauturm

Vergnügliche Zimmerschlacht

Für Komödien hatte das Theater im Bauturm in letzter Zeit fast immer ein gutes Händchen. Einige der erfolgreichen Inszenierungen in diesem Genre stehen freilich nicht mehr sehr häufig auf dem Spielplan, so Oscar Wildes Bunbury in der verrückten Regie von Thomas Ulrich oder die Dauerbrenner Kunst (Yasmina Reza) und Der Kontrabass (Patrick Süsskind), den Axel Siefer seit sage und schreibe 30 Jahren im Haus an der Aachener Straße spielt. Jetzt präsentiert man, ein dreiviertel Jahr nach der Uraufführung im Wiener Theater in der Josephsstadt, Daniel Glattauers Die Wunderübung. „Ich bin ein Unterhaltungsschriftsteller“, sagt der Autor über sich, „es muss bei mir auch lustig zugehen. Wem das gefällt, der wird auf seine Rechnung kommen.“ Im Bauturm wird das mit euphorischem Beifall bestätigt.

Der 1960 in Wien geborene Daniel Glattauer ist im Bereich der gehobenen Literatur ein Späteinsteiger. Geschrieben hat er allerdings schon bald nach seinem Studium der Pädagogik und Kunstgeschichte. Zunächst arbeitete er journalistisch für die Tageszeitung „Die Presse“, dann wechselte er zum neu gegründeten „Standart“, wo er zwei Jahrzehnte lang vor allem Kolumnen verfasste (teilweise in Buchform erschienen), aber auch für das Feuilleton zuständig war. Der Roman Alle sieben Wellen markiert den neuen literarischen Lebensabschnitt. Erfolgreich war Daniel Glattauer auch mit Der Weihnachtshund (2004 für das Fernsehen adaptiert) und Darum (2007 als Kinofilm). Zu einem Bestseller wurde Gut gegen Nordwind; die Bühnenfassung hatte 2009 an den Wiener Kammerspielen Premiere. Die Wunderübung kam im Januar dieses Jahres im Wiener Theater in der Josephsstadt heraus. Bauturm hat also schnell reagiert.

Das Geschehen führt in die Welt der Psychiatrie, wobei sich der Autor auf seine Ausbildung zum psychosozialen Berater stützen konnte. Man erlebt aber nicht, was vorstellbar wäre, ein düsteres Beziehungsdrama, sondern Paartherapie in Form einer Komödie. Das bedeutet aber nicht Oberflächlichkeit in der Themenbehandlung. Ein markanter Satz des Autors - „Glück sind immer nur Momentaufnahmen, die Summe aller Augenblicke im Leben, die man genossen hat“ – ist immer mahnend präsent. Man erlebt durchaus nicht ohne Erschrecken eine „lange Strecke durch die Wüste es Alltags“, um es mit Worten Michael Kreihsl, dem Regisseur der Wiener Uraufführung, auszudrücken.

Für Joana und Valentin Dorek liegen die Zeiten von Verliebtheit und unbeschwertem Glück schon lange zurück. Es kamen berufliche Herausforderungen, die Erziehung zweier nicht unproblematischer Kinder, zunehmender Beziehungsstress, gewürzt mit beiderseitigen Affären. Die Paartherapie soll’s wieder richten, obwohl die beiden „Patienten“ eigentlich nicht so recht daran glauben. Der Eheberater merkt, dass er mit seinen üblichen Methoden nicht weiter kommt. So nimmt er Zuflucht zu einer „Wunderübung“, täuscht eine eigene Ehekrise vor, welche bei den Doreks Mitleid und Hilfsbereitschaft evoziert. Das führt bei ihnen selber zu emotionaler Lockerung, welche die Chancen eines neuen Miteinanders nicht mehr unrealistisch erscheinen lassen. Mehr sollte nicht gesagt werden, der raffiniert ausgeschlagene Weg zum „happy end“ eine Überraschung bleiben.

Glattauers Wunderübung wäre durchaus ein Stück für Boulevardbühnen, in Köln das Theater am Dom. Dem stünde keineswegs entgegen, dass hinter der komödiantisch grundierten Zimmerschlacht auch Trauerbotschaften lauern. Dieses Changieren bekommt die Bauturm-Inszenierung Michael Lippolds denkbar gut in den Griff. Zunächst Heiterkeit satt. Aus Johann Sebastian Bachs Hochzeitskantate sieht man die Textzeile „Sich üben im Lieben, in Scherzen sich herzen ist besser als Florens vergängliche Lust“ im Hintergrund projiziert (dazu Musik aus dem Werk), weiterhin gibt es witzig wirkende Filmsequenzen vom Balz- und Kopulationsverhalten aus dem Tierreich zu sehen. Der Eheberater mit seinem Lispelton scheint zunächst etwas zu weit in Richtung Klamotte angelegt. Doch wie Bernhard Bauer auch auf diese Weise die zunehmende Hilflosigkeit des Therapeuten verdeutlicht (um zuletzt clever mit seiner rettenden „Wunderübung“ zu kommen), ist nichts weniger als brillant. Das hilfesuchende Ehepaar findet in Katharina Waldau (Joana, mit ihren Gefühlen immer auf dem Vulkangipfel) und Thomas Pohn (Valentin, eher gesetzt und reserviert) nicht minder virtuose Darsteller. Lippolds detailreiche und einfallsreiche Regie dampft bis zum Schluss.