Der Kick im theater 36 Dortmund

Im rechten Verlierer-Milieu

Da reist man Woche für Woche durch die Lande, sieht zehn bis zwölf Aufführungen im Monat, erlebt Belangloses oder freut sich über Perlen in den Stadttheatern oder in den renommierten Häusern der freien Szene - und dann, aus einer Laune heraus oder weil man endlich mal wieder eine andere Spielstätte kennenlernen möchte, verirrt man sich in ein kleines Amateurtheater im sozialen Brennpunkt einer Stadt. Und findet ein Kleinod.

Das im Jahre 2005 gegründete Theater 36 aus Dortmund hat seine Heimstätte im Wichern, einem Kultur- und Tagungszentrum in der Dortmunder Nordstadt, irgendwo dort, wo Migranten- und Arbeiterviertel aufeinander treffen. Die meisten seiner Schauspieler sind bereits seit der Gründung der Truppe vor zehn Jahren dabei und produzieren ein einziges Stück pro Jahr. Viele, aber nicht alle von ihnen haben ein wenig Theatererfahrung oder zumindest eine schauspielerische Grundausbildung. Der kleine Raum, in dem gespielt wird, atmet den Geist eines alten DDR-Kulturhauses; der Empfang ist allerdings ruhrgebietstypisch freundlich und unverkrampft. Das Kleinod, das in diesem Jahr dort zu entdecken ist, ist das Stück Es ist ebenfalls zehn Jahre alt.

Es ist ein Kleinod, das nicht funkelt. Das eigentlich gar kein Kleinod ist, sondern eine Zecke. Der Text „nistet sich ein, beißt sich fest, kriecht ein paar Nächte lang über das Kopfkissen“, schrieb Eva Behrendt in Theater heute über die Uraufführung, die das Autoren-Duo Andres Veiel und Gesine Schmidt im Jahre 2005 selbst einrichtete in einer später zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Koproduktion des Maxim-Gorki-Theaters Berlin und des Theaters Basel. Es ist ein Stück über einen Kriminalfall, einen der abscheulichsten der letzten Jahre. Doch es ist doch mehr: Es ist ein Stück, das, wie Ann-Marie Arioli vom Theater Aachen einst sagte, „anhand eines kriminellen Einzelfalls gleich eine ganze Gesellschaft mitinszeniert“. Es wurde mittlerweile an allen großen und kleinen Häusern der Republik rauf und runter gespielt. „Der Kick“, den die Brüder Marco und Michael Schönfeld aus dem brandenburgischen 600-Seelen-Dorf Potzlow erleben, als sie ihrem 16jährigen sprachbehinderten Saufkumpanen Marinus Schöberl nach stundenlanger sadistischer Demütigung den Schädel zertrümmern, um seine Leiche dann in der Jauchegrube des Schweinestalls zu entsorgen, erscheint uns unbegreiflich – und doch wissen wir, dass es sich um keinen Einzelfall handelt. Besonders nicht in der ostdeutschen Provinz, wo „man schon lange nicht mehr die Arbeitslosen zählt, sondern die wenigen…, die noch Arbeit haben“ (Franz Wille, ebenfalls Theater heute), wo die chancenlosen männlichen Jugendlichen, verlassen von ihren mobileren und agileren weiblichen Altersgenossen und gequält von ihrem brodelnden Testosteronspiegel, ihren Frust in Alkohol und den wirren Drogenräuschen rechtsradikaler Ideologien ertränken.

Regisseur Stephan Rumphorst und sein Team lösen das Stück aus dem ostdeutschen Kontext. Immer noch spielt die Geschichte in Potzlow, aber die Schauspieler sprechen andere Dialekte. Den meisten hört man ihre Dortmunder Herkunft an, einige berlinern, und Thomas Müller, der einen bodenständigen, sympathisch wirkenden arbeitslosen Dorfbewohner spielt, hamburgert. „Ein Lehrstück über Gewalt“ lautet der Untertitel dieser Aufführung - und Gewalt ist nicht auf bestimmte Regionen beschränkt, wie wir längst schmerzlich erfahren mussten. Veiel und Schmidt haben ihren Text aus zahlreichen Interviews mit Täter- und Opferfamilien, mit Richtern, Freunden und Erziehern sowie mit der Dorfbevölkerung destilliert. Während die Uraufführung diesen Text auf zwei Schauspieler verteilte, die zudem die bestehenden Rollenklischees maximal unterliefen und ein hohes Abstraktionsniveau erreichten, lässt Rumphorst weitgehend vom Blatt spielen: mit einem Ensemble von 13 Personen, die 17 verschiedene Figuren verkörpern. Denunziert wird niemand; auch Rumphorst vermeidet eine einfache Zuweisung von Täter- und Opferrollen und bietet Fakten, aber keine Urteile. Die dumpfe Brutalität und die rechtsradikalen Vorurteile finden ihren Nährboden in einer Gesellschaft voller Verlierer und intellektuell Minderbemittelter, deren Sorgen und Nöte zum Teil seit Jahrzehnten ungehört verhallen. „Von guten Mächten wunderbar geborgen?“ - Als der Pfarrer bei der Trauerfeier solche Zeilen anstimmt, verkrümelt sich die Dorfbevölkerung - fast zynisch wirkt die gut gemeinte Bonhoeffer-Lyrik.

Das von den Schauspielern selbst entwickelte Bühnenbild markiert die Lebensumstände dieser Gesellschaft. Wir sehen eine angedeutete Terrasse einer ehemals kleinbürgerlichen Wohnung, inzwischen verfallen und allenfalls notdürftig gepflegt. Altertümliche Fenstergitter sind angerostet und rotten vor sich hin, die Holzfensterrahmen sind nur notdürftig übergestrichen. Eine Holzbank und ein alter Stuhl unter einem herbstlich belaubten kleinen Baum stehen für den trotzigen Versuch, einen letzten Rest von Geborgenheit und Idylle zu bewahren. Doch der Untergang dieser alten Dorfgemeinschaft ist nicht aufzuhalten. Diese Gesellschaft hat nicht erst mit dem Mord den Todesstoß erhalten. Ein komplexer Teufelskreis aus Sehnsüchten und Versagensängsten, aus jahrzehntelangem Underdog-Dasein, aus dem Gefühl des Ausgeliefertsein an die sich verändernden politischen und sozialen Lebensumstände hat zur sozialen Verrohung geführt: „Dem Dorf fehlt der zivilisatorische Standard“, sagt die Bürgermeisterin. Ihre Aussage kommt in Dortmund etwas von oben herab - wo doch Ursachenforschung nottäte, wo nachhaltige politische Initiativen ergriffen werden müssten. Aber wer will das noch tun? Wohlgesonnene Bürgermeister wie Markus Nierth in Tröglitz fühlen sich durch den Mob eher zum Rücktritt gezwungen.

Im Theater 36 wird die aussichtslose Gemengelage von den Schauspielern mit einem beeindruckenden Grad an Authentizität vorgeführt. Mit Stimmengewirr beginnt die Aufführung: Man zerreißt sich das Maul über die Mordgeschichte. Wortfetzen dringen an unser Ohr - und an das von Jutta Schönfeld, die wehrlos dem Dorfklatsch, den Droh- und Schmähanrufen und der aufdringlichen Presse ausgesetzt ist. Herb, abgestumpft und hoffnungslos wird die Mutter der Mörder von Daniela Menzel verkörpert, einer der herausragenden Schauspielerinnen an diesem Abend. Ihr Mann Jürgen ist bei Thomas Gramen der große Verdränger. Intellektuell und persönlich überfordert, hat er immer schon in einer Scheinwelt gelebt, sich Illusionen vorgegaukelt über den Zustand seiner Familie, den Charakter seiner Söhne, seinen Platz in der Gesellschaft - doch all seine Aussagen verraten, dass er von jeher zu den Verlierern der Gesellschaft gehörte. Auf der Bank nimmt Birgit Schöberl Platz, die Mutter des Opfers, bei Susanne Bruns eine sehr einfache Frau mit liebem, aber leidendem Blick. Später wird sie Revanche fordern, jede Versöhnung ablehnen - zu groß ist der Schmerz als dass er nicht in Hass umschlagen müsste. Jonas Gramen spielt den Marcel Schönfeld, einen der Mordbeteiligten, mit unbewegtem Gesicht und vielen Tattoos, aber letztlich nicht brutal wirkend. „Ich war rechts, weil mein Bruder auch rechts war“, wird er später sagen, und: „Mit Stiefeln kriegst du mehr Ansehen“ - auch er ein Verlierer, der sich an rechtsradikalen Ideologien und Ritualen festhält, der sich Sicherheit zu verschaffen versucht durch Drohgebärden. Es ist ein gefährlicher Sud, der da brodelt: Marco, Marcels Bruder, hat schon eine beachtliche Verbrecher-Karriere hinter sich. Jochen Brüse gibt ihn als einen riesenhaften, abgestumpften Brechmann, für den Empathie zu entwickeln schwer fällt. Aber: Mit dem Tod von Opa hat er seine letzte Bezugsperson verloren. Er, der unkontrollierte Schläger, der auch schon einmal mit der blanken Hand Möbel zertrümmert, „hat so weiche Hände“, sagt seine tief in der rechten Szene verwurzelte Freundin Sandra - eine Nebenfigur, die Johanna Kokot zu einem der eindrucksvollsten schauspielerischen Auftritte dieses Abends nutzt. Blass, ratlos, ein wenig stotternd verkörpert Martin Smolkewitsch den Freund des Mordopfers. Mit ganz leiser Stimme berichtet er, wie er Marinus‘ Leiche ausgebuddelt hat - ihm versagt fast die Stimme, und das zutiefst betroffene Publikum hält den Atem an. „Ja, der Matthias, der war anders“, wird Frau Schöberl von ihm sagen - was für unterschiedliche Typen Stephan Rumphorst hier zu Höchstleistungen angehalten hat, ist bemerkenswert.

Damals, bei der Uraufführung vom Gorki, erfasste einen manchmal die Wut auf das, was in Potzlow passiert war. Bewertet wurde ebenso wenig wie im Theater 36. Aber in Dortmund überwiegt das Mitgefühl, die Trauer. Es ist ein erschütterndes Gesellschaftsbild, das Rumphorst und seine großartigen Schauspieler zeichnen. Übrigens: Am Tag der Urteilsverkündung gegen Marco und Marcel Schönfeld ist Birgit Schöberl an Krebs verstorben. Zynisch sind manchmal die Geschichten, die das Leben schreibt.