Übrigens …

Stirb, bevor du stirbst im Köln, Schauspiel

Ein Lehrstück über unterschiedliche Arten der Kommunikation und Wahrnehmung

Ibrahim Amir stammt aus einer kurdischen Familie in Syrien. Er musste aufgrund seines Engagements in der kurdischen Studentenbewegung Syrien verlassen und kam 2001 nach Wien, wo er heute als Arzt arbeitet. Amir schreibt auf Deutsch. Im Depot 2 stellte er jetzt sein zweites Stück Stirb, bevor du stirbst vor, eine Auftragsarbeit für das Schauspiel Köln. Mit Habe die Ehre war hier in der Spielzeit 2013/14 bereits seine Komödie über Parallelgesellschaften zur Aufführung gekommen.

Amir war geschockt über das Bild, das viele Europäer vom Islam haben: viel zu konservativ, viel zu einseitig-negativ. Und so mit ein Grund für Angst vor allem Fremden, für Vorurteile. In seinen Komödien will er politische Themen mit Humor vermitteln, mit Witz und Ironie. Wobei die Zuschauer verführt werden, auf klassische Vorurteile einzugehen, um kurz darauf das eigene Hereinfallen auf alte Klischees drastisch vor Augen geführt zu bekommen. Auch die Protagonisten in seinen Komödien fallen auf Ressentiments gern herein und knüpfen allzu schnell falsche Verbindungen – sind sie doch ob der plötzlichen Ereignisse in ihrer kleinen Welt verunsichert und hilflos.

In Stirb, bevor du stirbst lernen wir die alleinerziehende Mutter Sabine kennen. Von Beruf Krankenschwester, muss sie aufs Geld achten und teilt sich die Wohnung mit ihrer manchmal schon arg vergesslichen Mutter Gertrud und dem Sohn Philipp. Er ist gerade dabei, sein Abitur zu machen. Eines Tages klingelt die neue Nachbarin Magda, eine junge Muslima mit Kopftuch. Sie bringt orientalische Süßigkeiten mit und Gertrud ist sehr erfreut über diese Abwechslung. Sie stört sich auch nicht an laut schallender arabischer Musik aus Magdas Küche. Ganz im Gegensatz zu Sabine, die müde von der Arbeit heimkommt und nicht erbaut ist von dem Überraschungsbesuch. Und erst recht nicht von der lauten Musik. Die Lage wird kompliziert, als die Polizei vor der Tür steht und Sabine erfährt, Philipp sei angeblich nach Syrien gereist, um sich dort den Terrormilizen anzuschließen. Plötzlich mutiert Magda - von der man nie erfährt, wie fromm sie eigentlich ist und die einen überaus toughen Eindruck macht, nimmt sie doch nach der Scheidung von ihrem fremd gehenden Ehemann („Hannes kommt aus dem Süden – er ist Schwabe“) ihr Leben selbst in die Hand und will Köchin werden - zu Sabines Beraterin. Die drei Frauen, auch Gertrud lässt es sich nicht nehmen, mitzumachen, gehen in die örtliche Moschee, alle sittsam in lange Gewänder und mit Kopftuch bekleidet. Sie hoffen, dort mehr über Philipp und sein angebliches Engagement für den Dschihad zu erfahren, hat er von dort doch im Vorfeld zahlreiche Broschüren mitgenommen. Gedanken wie „Sind nicht Islam und Islamismus fast dasselbe?“ spuken in Sabines Kopf herum. Der Imam verweigert zunächst jegliche Hilfe, empört, dass die Frauen ihn für einen Extremisten halten. Wurde doch gerade erst seine Moschee mit Farbe und Schweineblut besudelt. Doch später stellt sich heraus, dass gerade sein eigener Sohn Mustafa mit Philipp verreist ist.

Rafael Sanchez ist eine höchst lebendig-schmissige Komödieninszenierung gelungen. Die Bühne lässt sich mühelos von der Wohnstube der Familie in den Innenraum der Moschee wandeln. Videoprojektionen flackern dann und wann über die Bühne und kommentieren das Geschehen, das Gesagte. Mal sehen wir Bauchtänzerinnen (zur arabischen Musik), dann fliegt eine Wüstenlandschaft vorbei (Stichwort Syrien). Sanchez kann sich auf ein überaus spielfreudiges Ensemble verlassen: Birgit Walter überzeugt als überforderte Mutter, der Beruf, Sohn und die eigene demente Mutter zu viel werden. Nicola Gründel gibt engagiert die resolute Magda. Besonders anrührend, aber auch komisch-unterhaltend Margot Gödrös als zuweilen vergessliche Alte, die aber durchaus Charme und manch hellen Moment hat. Glänzend Benjamin Höppner als Imam, der über die dekadente westliche Gesellschaft herzieht, in der den Männern die Frauen weglaufen. Und kleinlaut wird, als herauskommt, dass auch seine Frau sich von ihm trennte, wollte sie doch einen Beruf ergreifen, was seinen traditionellen Vorstellungen von der Rollenverteilung in der Familie widersprach. Von den Islamisten hält er nichts („diese Irren“ und „sie bringen sogar Muslime um“). Da steht er durchaus in einer Front mit dem Polizisten (Jakob Leo Stark).

Ein gelungener, höchst vergnüglicher Abend mit Tiefgang!