Pornographie im Schlosstheater Moers

Der Alltag in den Zeiten der Attentate

Es schien eine exzeptionell gute Woche für London zu werden. Am Samstag hatte im Hyde Park vor mehr als 200.000 Zuhörern eines der legendären Live8-Konzerte stattgefunden – mit David Bowie und Sting, U2 und Paul McCartney, Elton John und Madonna. Am Mittwoch erteilte das IOC der Stadt überraschend den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012; Favorit Paris hatte das Nachsehen. Euphorie herrschte in der Stadt, ein gewisser Patriotismus wohl auch. Doch am Ende der sechs aufregenden Londoner Tage standen 56 Todesopfer und mehr als 700 Verletzte. Attentäter jagten am Donnerstag einen Doppeldecker-Bus in die Luft und zündeten Bomben in drei Londoner U-Bahn-Linien. 

Das ist der Hintergrund von Simon Stephens' Gesellschaftspanorama Pornographie, das Catherine Umbdenstock in einer der intimsten Spielstätten der nordrhein-westfälischen Theaterszene eingerichtet hat. Drei Boxen mit heruntergelassenen Jalousien hat die Ausstatterin Elisabeth Weiß auf die Empore der nur 47 Personen fassenden Kapelle an der Rheinberger Straße gebaut, und spätestens, wenn Marissa Möller in der mittleren Kabine die Jalousie hochzieht, stellt sich die Assoziation einer Peepshow ein. Doch das ist ein eher ironisches Spiel mit dem Titel. Mit Pornographie im engeren, also im sexuellen Sinne hat Simon Stephens' Stück nichts zu tun.

Im übertragenen Sinne schon. Denn was tut man, wenn man sich an Pornographie delektiert oder sie gar selbst ausübt? Man überschreitet Grenzen, bricht sozial akzeptierte Regeln unserer Kultur. Grenzüberschreitungen spielen eine Rolle bei den Figuren, die in Umbdenstocks 100 Minuten kurzer Inszenierung auftreten, und die Attentate am 7. Juli 2005 waren sicherlich eine der entsetzlichsten Grenzüberschreitungen, die man sich vorstellen kann. Zynisch erscheinen die Götter, die das Schicksal lenken und dem Enthusiasmus ein solch abruptes Ende setzen. Irritierend erscheint auch, wenn zwei Wochen nach der Moerser Premiere die Stadt, die vor zehn Jahren den Wettbewerb um die Austragung der Olympischen Spiele verloren hat, von einer ähnlichen, sogar eine noch größere Zahl an Todesopfern fordernden Anschlagsserie getroffen wird. Einer Anschlagsserie, die erneut im Zusammenhang mit einem großen Sportereignis stand.

„Niemand kann fassen, was gestern passiert ist“, heißt es einmal. Denn: London ist zum Gastgeber der Olympischen Spiele ernannt worden. Aber das eigentlich Unfassbare steht noch unmittelbar bevor. Mit solchen Sprachspielchen prunkt Stephens' Stück wieder und wieder. Doch der Terrorismus steht nicht im Vordergrund der Handlung. Er wirbelte nur den Alltag durcheinander, den Alltag der – gemäß Regieanweisung des Autors von „beliebig vielen Schauspielern“ zu spielenden – Protagonisten des Stücks. Exemplarisch sollen diese stehen für die alltägliche Pornographie, die alltäglichen Grenzüberschreitungen der Menschen dieser Stadt. In Moers verteilt Catherine Umbdenstock den Text auf drei Schauspieler. Da ist Marissa Möller als Angestellte, verheiratet mit Kind, die mühsam Familie und Beruf unter einen Hut bringt und dennoch von ihrem Chef wegen einer Lappalie gerüffelt wird. Aus Rache faxt sie einen geheimen Bericht an die Konkurrenz. Später hört sie die Sendung auf 5Live, die auch Simon Stephens an diesem fatalen Donnerstag gehört hat. Ein Mann ruft in der Sendung an. „Am Russell Square ist ein Bus ...“.  - Frank Wickermann, kraftvoll wie eh und je, beschreibt eine Bus- und Bahnfahrt nach London – und seine Irritationen, sein offensichtliches Chaos im Kopf, scheinbar irrationale Ängste auch. Ungeheuer intensiv wirkt sein Monolog, gesprochen vor Bildern der Kulisse der Stadt. „Dies ist das Ende aller Regeln“, sagt er. „Ab dem heutigen Tage greift das Gesetz nicht mehr.“ - Ist er, ist Wickermanns Figur einer der Attentäter?

Da ist Matthias Heße. Brillant und mit großer Glaubwürdigkeit verkörpert der 42jährige einen pubertierenden Schüler. Der hat im TV das Live8-Konzert gesehen, Madonna, wie sie fünf Tage vor dem Attentat rief: „Are you ready, London? Are you ready to change history?“ Selbst aus schwierigen Verhältnissen stammend, entwirft der Schüler in seinem Monolog ein Panorama der Prekariats-Szene. Der Junge ist in seine Lehrerin verliebt. Er wirkt verdruckst, unterschwellig aggressiv - ein explosives Gemisch köchelt da in seinem Testosteron-Haushalt. Macht- und Gewalt-Phantasien. Ist er ein potentieller Attentäter? - Nicht ohne Humor ist der Dialog zwischen der jungen Akademikerin und ihrem doppelt so alten ehemaligen Professor (Marissa Möller und Frank Wickermann). Sie will von ihm Sex – damit er ihr zu einem Job verhilft. Es wird geflirtet, geschäkert – doch der Abend endet in Verletzungen. Wickermann und Möller zeigen eine der schönsten Verführungsszenen, die wir seit langem im Theater gesehen haben – voller Emotion und Leidenschaft, voller Distanz und Ironie - und voller persönlicher Tragik. Verlierer sind am Ende beide. Was für die Liebe gilt und für die Körper, das gilt auch für die Folgen der späteren Anschläge: „Das hier … sind keine blauen Flecken. Die verblassen nicht. Das sind Narben.“   

Schließlich ist da noch das inzestuös verbundene Geschwisterpaar, bei Umbdenstock anders als in der Vorlage von zwei Männern gespielt. Zwei Loser sind sie; ihre Liebe ist nicht von Wärme und Erfüllung, sondern von Verzweiflung und Depression geprägt. Zutiefst negativ fällt die Bestandsaufnahme ihres Lebens aus, ihres Umfelds, ihrer Stadt. „So wie hier verschwinden die Leute in keiner anderen Stadt“, sagt Wickermann einmal – erneut ein zweideutiger Satz in diesem so grandios gebauten Stück. Wickermann, der das Mädchen in diesem Schwulen-Duo spielt, zieht sich langsam um und verwandelt sich in eine Frau. In eine 83jährige alte Dame, eine einsame spinster. Gespenstisch wirkt, was Wickermann aus dieser Szene macht. Dann geht die Dame zur U-Bahn …

Es ist phänomenal, mit welchen behutsamen Zwischentönen, welchem Anspielungsreichtum und dann wieder welcher Direktheit Simon Stephens zu schreiben versteht. Catherine Umbdenstock hält sich eng an seinen Original-Text. Sie hat die einzelnen Szenen wie vom Autor vorgeschlagen nach eigenem Belieben sortiert und nur spärlich durch (ebenfalls Original-)Radio-Reportagen von den Anschlagsorten und kurze Musikeinspielungen angereichert. Schnell verlieren die Figuren ihren Halt, wenn sie aus der Sicherheit ihrer engen Peepshow-Kabinen ausbrechen und auf die steile Schräge treten, die ihre sicheren Behausungen mit dem freien, aber unsicheren Lebensraum verbindet. Henry Purcells „Oh Solitude“ wird zweimal angespielt beim Monolog der 83jährigen Dame, die ihr Leben gelebt hat. Einsamkeit ist aber auch das beherrschende Lebensgefühl der jüngeren Figuren in diesem Stück – Einsamkeit, manchmal eine unerfüllbare Sehnsucht, die umzuschlagen droht in Zerstörungswut und Hass. Um diese Menschen ohne Zukunft ist eine Dunkelheit, in die auch David Bowie, Madonna oder die Olympischen Spiele kein nachhaltiges Licht zu werfen vermögen. Und so entsteht ein bedrückendes Bild der Isolation einer ärmlichen, moralisch heruntergekommenen Unterschichts-Konsumgesellschaft in der Großstadt. Auf solchem Humus gedeihen Attentäter.