Anderthalb Stunden im Köln, Theater am Dom

Ein sympathisches Paar

Da gibt es ein Bühnen-Ehepaar, welches im wahren Leben ebenfalls zusammen ist; er inszeniert das Theaterstück, in dem sie für die Kostüme verantwortlich ist. Wenn man das nicht mal als eine „konzertierte Aktion“ bezeichnen kann. Die Rede ist vom Boulevard-Theater und Anderthalb Stunden zu spät, einem Erfolgsstück von Gérald Sibleyras, der zu den meistgespielten französischen Theaterautoren Europas zählt.

Pierre und Laurence, seit einem Vierteljahrhundert verheiratet, sind bei seinem besten Freund und Geschäftspartner zum Essen eingeladen; er schon im Mantel, während sie zu Hause bleiben und reden will, über ihr Leben, ihre Beziehung, die drei Kinder, den bevorstehenden Ruhestand. Aus den zunächst zugestandenen fünf und dann 15 Minuten werden schlussendlich anderthalb Stunden und ein unterm Strich positives Ergebnis zweier völlig unterschiedlicher Charaktere. Herbert Herrmann als Pierre und Nora von Collande als Laurence sind vom Publikum heiß geliebte Stars in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen sowie auf den Boulevard-Brettern; er ein Sunnyboy, erfolgreicher und wohlhabender Steueranwalt, sie ein schickes Weibsstück im Mini-Kleidchen, aber eine durch Kindererziehung und Haushalt gefrustete Hobby-Malerin bunter Klecks-Bilder (die man live entstehen sieht und dann auch kaufen kann), die meint, sich nie hätte richtig entfalten zu können, die ihre Karriere und ihren Beruf geopfert hat. Und die schon Oma ist, sich überflüssig fühlt und ans Sterben denkt.

Und jetzt steht auch noch sein Ruhestand ins Haus, der Collande entsetzt fragen lässt „Was willst du denn dann machen“ oder „Bist du etwa jeden Tag zu Hause?“ Sie kontert mit dem Vorschlag, doch Kochrezepte auszuschneiden, lästert über die Gastgeberin des Abends, die anstatt Kinder in die Welt gesetzt zu haben 350 verschiedene Kästchen im Wohnzimmer aufbewahrt, und über die 90-kg-Problem-Schwiegertochter, das angeblich „nasse zerbrechliche Vögelchen“. Im etwas kühlen Designerzimmer mit großen Farbflächen und bunten Kissen à la Mondrian kommen eine Krise vor 19 Jahren und ein gewisser Jacques ins Gespräch, mit dem sie aber wohl nie was hatte. Er sprachlos „Und warum bloß nicht?“. Er wäre so glücklich gewesen als betrogener Ehemann – und jetzt eine Nicht-Affäre. Welche Enttäuschung! Man ist sich treu geblieben, trotz mancher schönen und reichen Witwe in der Kanzlei und ihrer unerfüllten Lust, mal eine lesbische Beziehung ausprobiert zu haben. „Was waren wir bloß für Idioten“ stöhnt Laurence in Richtung Pierre. „Ich kann doch nicht lügen“ meint Pierre, worauf sie schnippisch kontert „Selbst nicht nach 30 Jahren als Steueranwalt?“ Aber auch Melancholie kommt auf: „Du bist schon ein verdammt guter Ehemann“. Wobei er sich aber arg durch ihre spießige Krümel-Aversion und Pflicht zu farbig passenden Untersetzern unter allen Flaschen und Gläsern aufregt: „Dies ist mein Gefängnis“.

Das überwiegend ältere und in hohem Maße amüsierte Publikum reagiert mit viel Gelächter, Zwischenapplaus und bedeutungsvollen Blicken zum Partner, ist die Geschichte doch sehr aus dem wahren Leben gegriffen. Und voller Gags, etwa auf ihre Frage nach den Berufschancen für einen Profi-Surfer in Australien, dem sich die eine Tochter an den Hals geworfen hat: „Ertrinken“. Oder über den Tätigkeit des jüngsten Sohnes, der mit 26 Jahren immer noch zu Hause lebte: „Molekulare Biochemie. Das ist gut, um von seiner Mutter loszukommen.“

Natürlich sinniert man auch über Sex im Alter, reduzierte Lust und getrennte Schlafzimmer. Und die Möglichkeit einer Anmache-Kommunikation durch Klappern, was dann gleich als furioses Tänzchen und zum großen Vergnügen des Publikums demonstriert wird; er dazu: „So wird unser Wohnzimmer zum Puff“. Und freut sich auf sein Rentnerdasein, wo er nicht mehr auf seine schlanke Linie achten muss. „Ich hatte immer Hunger, aber jetzt bin ich reich und demnächst fett: Du malst und ich fresse.“

Die anderthalb Stunden (plus Pause) vergehen wie im Fluge durch spritzige Dialoge, ein perfektes temporeiches Timing und vor allem durch die beiden blendenden Schauspieler, die sich offensichtlich und mit ganz viel Spaß selbst zu spielen scheinen. Er ein irgendwie liebenswerter Bär und sie die etwas nervige, aber dennoch fürsorgliche Ehefrau. Die dann zum Schluss plötzlich im schicken Schwarzen dasteht und nun doch auf einmal zu den Freunden möchte; so waren die anderthalb Stunden Verspätung eine sehr sinnvoll investierte Zeit. Daher verwundert es nicht, dass sich die Beiden beim Schlussapplaus eingehend und lang so richtig auf den Mund küssen. Sie sind halt ein sympathisches Paar.