Seite Eins - Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone im Köln, Theater im Bauturm

Boulevard – knallhart

„Nur der Boulevard-Journalismus ist wirklich ehrlich, nennt die Dinge beim Namen und nimmt seine Leser ernst! Denn die seriösen Journalisten sagen nicht die Wahrheit, sondern schützen die Leser vor ihr.“ Dies ist eine der euphemistischen Kernaussagen in Seite Eins - Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone, welches im September 2014 eine umjubelte und in der Presse viel beachtete Uraufführung im kleinen Stadttheater von Gütersloh erlebt hatte und seither in vielen Häusern - so auch in Berlin und Hamburg - erfolgreich nachgespielt wird. Und nun in Köln im Bauturm Theater, ein wahrlich gut passender Platz für das Stück, eine urkomische wie bitterböse Mediensatire, welches nach den Worten seines Autors Johannes Kram „keine Wahrheiten predigt, sondern den Zuschauer mit seiner eigenen Rolle in den Medien konfrontiert". Denn „alle Leser mit ihrem Neid und ihrem Voyeurismus sind auch gleichzeitig ein Teil dieser Medien“, die damit kein Recht haben, einseitig und verächtlich mit dem Finger auf das böse Boulevard zu zeigen.

Kram, der sich auch bei der Kölner Premiere den Fragen des Publikums stellte, ist ein Medienprofi, er arbeitet für unterschiedliche Werbe- und PR-Agenturen sowie für eigene Kunden und ist damit ein echter Insider, der dem Zuschauer die „Story hinter der Story“, quasi die Rückseite eines Skandals, in praller Form nahe bringt. Denn den beherrschenden Schlagzeilen über Promis wie Ottfried Fischer, Kachelmann, Heidi Klum oder unseren Kurzzeit-Präsidenten Wulff nebst illustrer Gattin kann man selbst als Leser hochseriöser Zeitungen nicht wirklich entkommen.

Hier nun ist das Publikum live dabei, wenn die junge Sängerin Lea versucht, sich den verhängnisvollen Gesetzen des Boulevards zu widersetzen. Sie ist neu im Geschäft, möchte ihre erste CD promoten und lernt dabei Marco kennen, einen windigen, selbstgefälligen und ständig telefonierenden Boulevardjournalisten, der dauernd nach einer gut verkäuflichen, reißerischen Geschichte ist. In Lea wittert der Profi die ideale Beute. Diese spielt mit dem Feuer; sie möchte zwar ihr Privatleben schützen und sich von der Boulevard-Szene fernhalten, braucht aber die Publicity für den Verkaufserfolg ihrer Platte. In Marco findet sie einen teuflisch guten Partner. Er lockt und droht, er erpresst und lügt. Und er redet sich ein, nichts Unwahres verbreitet zu haben. Doch er bringt Lea durch sein Geschäft mit ihr als publizistische Ware und durch seine reißerische Story aus ihrem Privatleben dann doch total in die Bredouille.

Perfekt als Marco ist der Comedian Ingolf Lück aufgestellt, der hier in der Rolle des hinterlistigen, gewitzten und überdrehten Boulevardjournalisten eine grandiose Einzelleistung hinlegte und im Bauturm mit stehenden Ovationen gefeiert wurde. Ununterbrochen telefonierend und über sich, seinen aktuellen Beutezug und das Leben in der Boulevard-Szene schwadronierend zeichnet er ein scharfes und glaubhaftes Bild über heutige Schreiber und Leser. Und bringt Letztere zum Nachdenken, mit welchen Methoden etwa BILD-Reporter an Informationen und kompromittierende Fotos kommen. Denn schon der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff titelte 1977 und vom BGH abgesegnet: „BILD lügt“. Auf die „Seite Eins“ der Boulevard- und Regenbogenpresse zu kommen bedeutet schon einen heftigen Verlust an Privatsphäre; denn die nur scheinbar total übersteigerte Geschichte ist in Wirklichkeit harte Realität, die im ausverkauften Hause auch immer wieder eine gewisse Betroffenheit aufkommen ließ.

Seite Eins hat viele Diskussionen über das Wirken von Medien ausgelöst, nicht zuletzt auch durch Ingolf Lück und seine fesselnde, keine Sekunde langweilige Darstellung selbst; ein einzelner Stuhl und sein Handy auf sonst total nackter Bühne reicht dafür aus. Das Stück sollte als eine Pflichtaufführung für die reifere Jugend und den „gemeinen“ Boulevard-Leser eingeführt werden.