Heißer Rhythmus, kalte Welt
Wenige Zuschauer nur fasst die „Grotte“, die kleinste Spielstätte des Kölner Schauspiels, für die ein paar Übersee-Container zu einem engen, frugalen Performance-Raum zusammengefasst wurden. Mehr als drei Zuschauerreihen gibt es nicht - intensive Theatererlebnisse sind garantiert. Lärm schallt aus dem Nachbar-Container, als wir noch einen Sitzplatz suchen: laute, stampfende Diskomusik, aber auch Schreie und Wortfetzen. Die Menschen in der Disko scheinen aufgeheizt. Doch eine junge Frau sitzt draußen, in „unserem“ Zuschauerraum, und sagt: „Ja, es war Winter. Ganz kalt, drinnen und draußen. … Als hätte jemand meine Seele herausgerissen ...“
Die sich wieder und wieder wiederholenden Schlüsselworte in Falk Richters Text sind Begriffe der Kälte: „Schnee“, „Eis“. Aber auch: „Auflösung“, „Schweben“ - und „Aufprall“. Metaphern für den Betriebszustand der Seele kurz vor oder nach ihrer Explosion jagen einander: Unfälle, Flugzeug- oder Handy-Abstürze. Es ist der Winter eines langen, aus tiefer Vereinsamung resultierenden Missvergnügens, den die Protagonisten von Richters Stück durchleiden, und damit sie in diesem inneren Winter nicht erfrieren, tanzen sie. Sie betäuben sich – in hitzigem Rhythmus, in einem bis zur Ekstase beschleunigten Leben. Wohl auch mit Drogen. Bis die Hitze so wenig auszuhalten ist wie die Kälte. Oder das eine das andere scheinbar ausgleicht: „Ich fühle, dass es in mir schneit“, sagt die von Henriette Nagel mit flirrender Nervosität gespielte junge Frau. „Das ist sehr angenehm ... es nimmt das Glühen aus meinem Körper.“ Doch der Wechsel zwischen zwei Extremzuständen führt nicht zur Balance in der gesunden Mitte; Durchschnittswerte lassen sich in der Mathematik bilden, nicht im Gefühlshaushalt.
Andrea Imler ist die Spezialistin für Extremzustände am Kölner Schauspiel. Bei ihrem Debüt in der „Grotte“ inszenierte sie de Sades Philosophie im Boudoir mit kaum zu überbietender Drastik in den Schilderungen, aber eleganter höfischer Sprache und ironischer Distanz bei den darstellerischen Mitteln. Es folgte mit Herzstück / Mauser eine Heiner-Müller-Collage, die die Philosophie der stalinistischen Tötungsmaschinerie sezierte. Mit eiskalter Präzision und erbarmungslosen Dialogen brachte Imler die Schönheit von Müllers Sprache zum Funkeln . Beide Aufführungen - Mauser mehr noch als Boudoir – bestachen durch den zwar sparsamen, aber äußerst souveränen Einsatz von Musik, der die Kälte von Imlers analytischen Inszenierungen noch verstärkte. Im Falle von Falk Richters Nothing Hurts stand die Musik schon bei der Entstehung des Texts im Vordergrund. Das Stück ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Richter mit der niederländischen Choreographin Anouk van Dijk, und bei der Uraufführungs-Produktion von Kampnagel Hamburg und dem Springdance Festival Utrecht (im Jahre 2000 zum Berliner Theatertreffen eingeladen) standen Schauspieler(innen) und Tänzer(innen) gemeinsam auf der Bühne. Die Musik ist hitzig – da wird abgerockt bis zur völligen Erschöpfung. Imler lässt der daraus entstehenden Emotion Raum, spürt auch auf beeindruckende Weise der Sprache des Stückes nach. Oft werden die hitzige Atmosphäre und die stampfende Musik durch große sprachliche Poesie kontrastiert. Doch erneut wirft die Regisseurin einen kalten, sezierenden Blick auf ihre Figuren.
Wieder sind es Grenzüberschreitungen und Exzesse, die Imler beschreibt. Sie mögen wie bei de Sade (blickt man heute auf seine Texte) aus dem tiefen Wunsch resultieren, sich zu spüren, die eigene Isolation und die eigene Beziehungslosigkeit zu überwinden. Erneut steht hinter den Exzessen soziale Kälte. Vor allem aber: emotionale Apokalypse. Die Figuren geben bedingungslos ihre eigenen Verwundungen preis und offenbaren die völlige Zerrüttung ihrer Seelen. Bei Henriette Nagels junger Filmemacherin, der zentralen Figur des Stücks, wird diese Zerrüttung auch in den grauenvollen Gewaltphantasien ihrer Filme deutlich, zu denen sie von der Journalistin Bibiana (Lou Strenger) befragt wird und die in ihrer Drastik den SM-Phantasien von de Sades in nichts nachstehen. Richter verstand die Figuren seines Stücks als exemplarisch für den Zustand einer ganzen Generation zur Zeit der jüngsten Jahrtausendwende. Die rasant zunehmende Anzahl psychischer Erkrankungen legt nahe, dass diese Diagnose auch heute noch auf große Teile der Gesellschaft zutrifft. Das Personal des Stücks stülpt sein Innerstes nach außen und redet doch aneinander vorbei – Nähe sei etwas Abstraktes, entgegnet Bibiana der um Empathie und physische Nähe flehenden Sylvana und erscheint dabei nicht aggressiv ablehnend, sondern desillusioniert. Wer Sex will, sucht „einen Unfallpartner“ - Sex beginnt nicht mehr mit zärtlichem Vorspiel, sondern mit „Aufeinanderprallen“. Nähe wird in der Ekstase gesucht, wenn sich Körper übereinander werfen. Doch im Tanz, im Aufeinanderprallen finden die Figuren nicht das, was sie brauchen. Kuschelt sich die Filmemacherin Sylvana zu den anderen, findet sie „Schutz“ unter dem großen schwarzen Flügel eines Vogels – anstelle von Geborgenheit winkt eine Todesmetapher. Einsamkeit und Depression führen zu Entgrenzungen und Betäubungsversuchen – auf der Straße, in der Disko, in Sylvanas Film. Stefko Hanushevsky beschreibt einen Film voller düsterem Surrealismus, mit Splatter-Motiven und perversen, selbstzerstörerischen Phantasien, die aber ruinierten Seelen, möglicherweise auch drogenverseuchten Hirnen entspringen. In einem ruhigen Moment wird ein grauenerregendes Märchen erzählt, ganz sanft und ganz erbarmungslos wie Büchners Märchen vom Kind, das im Himmel nur ein Stück faul Holz und ein verwelkt Sonneblum findt und, als es zur Erde zurückkehrt, nurmehr einen umgestürzten Hafen vorfindet. So wird Imlers mitreißende, aber auch zutiefst verstörende Aufführung immer apokalyptischer. Immer tiefer und aggressiver wird die Verzweiflung, bis dass die stampfende Musik und der Tanz wieder einsetzen, der sinnlose Versuch der Betäubung in der Musik.
Da, in der Disko, gebe es doch so „endgeile Drinks“, sagt das junge Mädchen. Doch für Menschen, die „end“ sagen, gibt es keinen Zutritt. Und so bleibt sie allein, wie das Waisenkind aus Büchners düsterem Märchen. Eine Endzeitgesellschaft mag das dennoch sein, die hier beschrieben wird – drinnen in der Betäubung der Disko nicht minder als draußen in der Erkenntnis der Sozialen Kälte und Einsamkeit.