Umbettung im Köln, Schauspiel

Schwach auf der Dramatiker-Brust

Er ist auf dänischen, deutschen und Schweizer Bühnen als Schauspieler zuhause, bereicherte Filme wie Lars von Triers Nymphomanik mit seiner darstellerischen Potenz, und ist mittlerweile auch als Regisseur nicht unbekannt. Bereits 2002 machte er von sich reden, als er Michel Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone für die Bühne bearbeitete und auch als vielbeachtete Inszenierung in Szene setzte: Der Däne Jens Albinus. Da fehlte nur noch der Nachweis, dass der 50-Jährige auch als Dramatiker erfolgreich sein kann. Heimat wurde ihm dazu Köln, wo er, nach seinem Erstling Helenes Fahrt in den Himmel, sein erst zweites Drama, Umbettung, als Uraufführung auch selbst inszenierte.

Es nutzt nichts drum herum zu reden: Ist das Stück schon schwach, so ist die Inszenierung erst recht ein wenig ergiebiges oder gar überzeugendes Stück Theater. „Jeder Raum birgt Geschichten, ist Schauplatz (…) von Liebe, von Schmerz, von Glück und Unglück“ verspricht das Programmheft. Wenn man nur von all dem etwas sehen und hören dürfte. Stattdessen Geraune, viele Beliebigkeiten und nur kurze Eruptionen. Stringenz? Fehlanzeige.

Das beginnt mit den Räumen. Im Depot 2, der Ausweichspielstätte des Schauspiels Köln, gibt es keine „Räume“. Ein hüfthohes Holz-Rechteck bildet die Spiel-Fläche. Nackt, bloß, nichtssagend. Auf sie hangeln sich die fünf Akteure, verlassen sie, verschwinden hinter einer diese Szene umfassenden Papierfolie.

Jørgen (Ronald Kukulies) tritt auf. Gelangweilt wirkt er, erfolgloser Autor ist er, zudem Vater dreier Töchter, von denen Alma bei einem Motorrad-Unfall gestorben ist. Katie (Melanie Kretschmann) lebte lange in China, Liv (Henriette Nagel) blieb bei Papa – und will die Familie noch einmal zusammenführen. So, wie es sie einst gab. Anlass ist die „Umbettung“ von Schwester Alma. Einer geplanten Straße ist ihr Grab im Wege.

Mama Lili (Birgit Walter) wird ebenfalls erwartet. Einst eine erfolgreiche Fotografin, war sie Kosmopolitin selbst im Kinderzeugen: Drei Töchter, drei verschiedene Väter. Ganz plötzlich ist sie da, erklimmt das Holz-Geviert – und Jørgen, immerhin Ehegatte der blonden Schönheit, die er seit Jahren nicht gesehen hat, steht da wie sein eigenes Denkmal. Gleichgültig, empathielos, gelangweilt. Auch Lili tut nichts, die Wiedersehens-Situation auch nur annähernd kenntlich zu machen.

Dass sich in dieses Familien-„Idyll“ noch Toby (Seán McDonagh) verläuft, ein Verehrer Livs, zudem Mitglied einer „Initiative für Flüchtlinge“, ist vielfach nur peinlich. „Wir bringen das zu einem Ende“, ist einer seiner sich aktuell gerierenden Sprüche. Da darf natürlich auch Merkels „Das schaffen wir“ nicht fehlen.

Albinus` Stück wie Inszenierung sind ein schwacher Versuch, die Familie einmal mehr zum Inbegriff von Versagen und Lebenslügen zu machen. Ein bisschen Sex, zumindest verbal, ist auch noch im Gepäck, wenn Papa Liv über dessen Wichtigkeit belehrt. Und wenn sich Katie etliche Male vergeblich die Pulsadern zu öffnen versucht, wirkt das ebenso unmotiviert wie albern.

Am Ende sollen - Liv will mit alten Filmen vergangene Zeiten aufleben lassen – Super-8-Streifen von einst angeblich glücklichen Tagen zu fünft künden. Doch nichts ist zu sehen, nichts als dunkle Schatten wabern über die Papierfläche. Zu hören ist nur das ratternde Geräusch des Projektors. Wir verstehen: Auch die Harmonie vergangener Tage ist und war ein Phantom. Da ist es naheliegend und konsequent, wenn sich alle nach und nach vom bildlosen Acker machen. Damit wir all das auch verstehen, reißt Toby im Abgang noch wirkungsvoll den die Szene einfassenden Papierfond ein. Auch dahinter: nichts als Tristesse.