Lulu. Eine Mörderballade im Oberhausen, Theater

Horror, Splatter, Monty Python mit Frank Wedekind

Am Hamburger Thalia Theater unterlief Michael Thalheimers Inszenierung von Frank Wedekinds Lulu im Jahre 2004 scheinbar alle gängigen Erwartungen: Sämtliche Herren ließen irgendwann die Hosen runter und zeigten, was nach landläufiger Meinung des Mannes Stolz ist; Titelheldin Fritzi Haberlandt aber ließ ihre sexy Klamotten an. Beim Gastspiel im Bayer Kulturhaus Leverkusen verursachten die zeigegeilen älteren Herren fast einen Theater-Skandal, denn das kleinstädtisch-konservative Theaterpublikum verstand die Zeichen des großen Regisseurs nicht zu deuten: Vor Sexy Hexy verlieren alle Männer die Contenance und machen sich vollkommen lächerlich. Wir wissen noch: Alle sterben an ihrer Liebe zu Lulu; die kesse Göre aber, die schon von Kindesbeinen an ihren Lebensunterhalt mit Prostitution verdient, bleibt lässig, cool und am Leben. Bis sie auf Jack the Ripper trifft ...

Vordergründig entspricht die Fleischbeschau am Theater Oberhausen eher dem Gewohnten: Laura Angelina Palacios spielt die Lulu über nahezu die gesamte Aufführungsdauer nackt, während ihre Ehemänner, Freier und Verehrer die von Marina Sell Cajueiro phantasievoll entworfenen Kostüme anbehalten. Und doch erinnert gleich die erste Szene des Oberhausener Abends an Thalheimer: Die Männer krabbeln auf allen Vieren vor der auf einem seitlich in den Bühnenraum ragenden Ast ausgebreiteten Lulu - eine bellende, heulende und sabbernde Hundemeute. Animalisch ist ihr Verlangen; von Contenance auch hier keine Spur. Lulu geht etwas müde darauf ein und schleicht sich ebenfalls in Tier-Haltung zu den Männern. Vor allem zu ihrem Vater Shig, dessen Ratschläge sie längst verinnerlicht hat: „Sell your body, … show your legs and show your tits!

Wenn die Männer zu dir kommen, spiel ihnen das Dummchen vor, singt Susanne Burkhard. Die, eine Frau also, spielt den Shig, und das hat nichts mit dramaturgisch motivierter Gender-Verwirrung zu tun, sondern mit Respekt vor dem Original. Denn das Theater Oberhausen spielt die Fassung der britischen Band Tiger Lillies, die im Jahre 1998 mit einer schrägen musikalischen Version des Struwwelpeter berühmt wurde und seitdem aus der europäischen Theater-Szene nicht mehr wegzudenken ist. Bei den Tiger Lillies übernahm den Part des Shig (wie allerdings auch alle anderen Songs) deren Gründer Martyn Jacques – und der singt im Falsett. In Oberhausen erledigt das halt eine Frau. Stef Lernous, Leiter der kaum weniger schrägen belgischen Theatertruppe Abbatoir Fermé, hat es als erster geschafft, die Rechte zur Aufführung der Tiger Lilly Version zu ergattern, und er inszeniert sie mit den Musikern des eigentlich längst in Pension gegangenen Leiters der einstmals legendären Oberhausener Theater-Band Otto Beatus und mit den Schauspielern des Oberhausener Ensembles. Gesprochen wird kein einziger Satz Wedekind, gesungen werden aber alle 18 Songs der Tiger Lillies.

Das geht zunächst einmal mit einem großen Verlust einher. Im liberalen 21. Jahrhundert kommt dem Zuschauer Wedekinds Drama ohnehin ein wenig rätselhaft vor, weil der revolutionäre Protest des Dramatikers gegen die verklemmte Sexualmoral des Kaiserreichs anders als beispielsweise bei seiner Adoleszenz-Tragödie Frühlings Erwachen mit einem zwar reißerischen, aber recht abstrusen Plot daherkommt. In der rein musikalischen Tiger-Lilly-Fassung wird die Geschichte zudem nur holzschnittartig wiedergegeben und die Ausweitung auf die homosexuelle (lesbische) Komponente mit der Gräfin Geschwitz ganz gestrichen. So wirkt das Ganze – wie so oft im Musical – reichlich platt. Verabschiedet man sich aber von literarischen Ansprüchen, erlebt man einen hinreißenden Abend.  

Natürlich ist das zunächst einmal der großartigen Musik geschuldet. Alle möglichen Vergleiche wurden noch am Premieren-Abend angestellt und Thesen aufgestellt, welchen Vorbildern diese Musik nacheifere: Ach, sie ist einfach grandioser Otto-Beatus-Sound auf Tiger-Lilly-Basis, treibend, temperamentvoll und rhythmisch, ohne dass die Lieder je zu billigen Musical-Ohrwürmern verkämen. Es ist Meckern auf hohem Niveau, wenn man sich ab und zu stärkere Brüche in der Musik wünscht, mehr lyrische Passagen wie sie zum Beispiel Michael Witte als Shunning gelingen. „Stupidity wins when lust begins“, erkennt auch er. Er versucht Lulu zum Selbstmord zu überreden, um Lust und Dummheit zu entkommen – und endet durch zwei oder drei Kugeln aus der Hand unseres Powergirls.

So scheiden sie denn nach und nach dahin, durch die Kugel, per Herzinfarkt oder per Bratpfanne. Wie es dazu kommt und was danach geschieht, das hat auch slapstickhafte und karnevalistische Momente und vor allem einen großartigen, makaberen Humor. Wenn zum Beispiel Lulus Männer wie eine verrückte Marching Band aus Spielzeug-Soldaten über die Bühne defilieren, zitiert die Aufführung Monty Python und Comicfiguren; vor allem aber zitiert sie Horror und Splatter. Dabei findet sie grandiose Bilder, was schon mit dem Bühnenbild beginnt, mit dem „Abbatoir Fermé“ augenzwinkernd auf den eigenen Firmennamen verweist: „Abbatoir“ ist das französische Wort für „Schlachthaus“. So wird die Bühne denn von einer heruntergekommenen Fleischerei mit halbblinden Fenstern und schmuddeligen Fassaden dominiert, deren Hygienestandard jedes Veterinäramt zu hysterischem Kreischen bringen würde. Man denkt an Jean-Pierre Jeunets und Marc Caros Film Delicatessen aus dem Jahre 1991, doch ist es nicht Monsieur Clapet, der darin haust, sondern Jack the Ripper. Der lauert von Anfang an mit dem Hackebeilchen auf die neuen Leichen, denen er dann genüsslich die Köpfe abschlägt, um sie im offenen Fenster auszustellen. Rumpflos stehen sie in der Auslage und singen alsbald die Melodien des schaurigen Musicals weiter. Brutal wird Lulu in dunkle Müllsäcke verpackt; literweise fließt Theaterblut, ohne dass das jemals eklig würde.

Großartig behaupten sich in diesem dunkel lockenden Singspiel die von Marina Sell Cajueiro in schwarze, über und über mit weißer Farbe beschmierten Kostüme gesteckten, weiß geschminkten Schauspieler, die sich wechselweise sabbernd und grapschend, grunzend und stoßend über die nackte Lulu hermachen. Lulu lässt all das über sich ergehen – ihre Frust- oder Triebabfuhr funktioniert über wilde, stampfende Tänze. Während die Männer sich in ihrer sexuellen Ekstase in peinlichster Weise selbst erniedrigen, demonstriert Lulu mit ihren ekstatischen Tänzen Trotz und Selbstbehauptungswillen gegen alle widrigen Umstände ihres prekären Lebens. Wie die junge Laura Angelina Palacios sich in dieser Rolle verausgabt, ist ein Ereignis. Immer wieder stellt sie ihren nackten Körper an der Rampe aus, doch nie wirkt ihre Nacktheit obszön – ihr demonstratives, manchmal auch der Entspannung dienendes wiederholtes Rauchen wirkt schamloser und ordinärer als ihr unbekleideter, sich in orgiastischen Zuckungen ergehender Körper.

 „Burn in Hell“ hatte zu Beginn in blutroter Schrift auf den Fenstern des gruseligen Schlachthauses gestanden. Der Schlachter - dass es Jack the Ripper war, wussten wir noch nicht - hatte die bösen Graffiti weggewischt. Zum Schluss werden die blutigen Buchstaben wieder auf die Fleischer-Wand gemalt: Burn in Hell, Jack! Und Lulu, die starke, lebensmutige, männermordende junge Frau, die Jack soeben getötet hat, steht wieder auf. Im packendsten Bild des Abends begibt sie sich zum Mikro, breitbeinig, nackt, blutbeschmiert, und singt ein letztes Lied. Ihr erstes übrigens – bislang hatten sich ihre Wortbeiträge auf ein gelegentliches Jaja Nee Nee beschränkt. Es ist ein Lied, das die Tiger Lillies für ihre Lulu-Version von Cole Porter übernommen haben. Wir verbinden es heute mehr mit Marilyn Monroe, ihrem seichten Musical Let’s make Love. Laura Angelina Palacios schmettert „My Heart belongs to Daddy“. Und schreit die letzten Zeilen heraus, wütend, trotzig, in einem letzten Akt der Selbstbehauptung: „... because my Daddy! Treats! Me! Well!“

Mag sich jeder selber denken, auf wen sich Lulus Wut bezieht. Immerhin hat Daddy sie als Kinderprostituierte verkauft. – Großer, nicht enden wollender Jubel.