Der Prozess im Köln, Theater im Bauturm

Joseph K. und das Ballett der Gerichtstüren

1914 begann Franz Kafka mit seinem Roman Der Prozess, dessen Überarbeitung er wahrscheinlich im darauffolgenden Jahr fertig stellen wollte. Diese handschriftlich notierten Texte verwendete er nicht nur für seine literarischen Versuche, sondern auch für seine Tagebuchaufzeichnungen.

Doch zu diesem Buch kam es nicht, Kafka starb 1924. Aus den erhaltenen Fragmenten entstand 1925 – ein Jahr nach Kafkas Tod – einer der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts – und auch noch heute Pflichtlektüre in der Schule und ein beliebtes wie gefürchtetes Abiturthema. Und auch eine vielfältig genutzte Vorlage für eine Bühnenversion, für Hörspiele und für musikalische Adaptionen. So wurde der Stoff unter anderem schon von Orson Welles verfilmt, Peter Wess schuf eine Bühnenfassung und Gottfried von Einem eine moderne Oper. Und viele andere viel mehr.

Im Theater im Bauturm hatte dieses anspruchsvolle Werk nun Premiere; man durfte gespannt sein, wie dieses kleine, aber feine Theater diese Herausforderung auch in räumlicher Hinsicht stemmen würde. Nun, der Regisseur Gerhard Roiß und die Dramaturgin Kerstin Ortmeier haben den Stoff in genialer Weise als Schauspiel umgesetzt – und zwar mit Musikbegleitung. Scheinbar unzählige Türen auf Rollen gleiten über die Bühne, deuten die verschiedenen Räume oder Etagen des Gerichts und der unterschiedlichen Orte der Handlung an; Menschen verschwinden hinter ihnen und tauchen woanders wieder auf. Ein Rein und Raus. Oder gehen oder grapschen gar durch sie hindurch – Lamellen machen es möglich. Eine perfekt einstudierte, beklemmende Choreografie und eine ungewöhnliche Umsetzung auf der eigentlich sehr kleinen Bühne. Dadurch gelingt es, die verschiedenen Räume durch Tiefe und Nebeneinander so darzustellen, dass weitere Requisiten oder Kulissen gar nicht nötig sind.

Kafkas Werk hat an Aktualität nichts eingebüßt. Parallelen drängen sich auf zu Stasi oder NSDAP, auch durch die Kleidung , die allerdings nicht wie in Konzentrationslagern gestreift, sondern hell grau kariert ist. Aber auch zu aktuellen politischen Problemen mit Flüchtlingen und der rechten Szene.

Josef K. ist hilflos ausgeliefert der Gerichtsbürokratie, dem Mechanismus des unsichtbaren Staatsapparates, seiner ständigen Frage nach der Schuld und dem Grund für seine Verhaftung - und beherrscht vom permanenten Gefühl totaler Ohnmacht. Sascha Tschorn stellt diese Figur mit beklemmender Intensität dar, mit den vielfältigen Facetten des „Titelhelden“. Das Stück ist eine große, perfekt gelöste Herausforderung auch für das übrige Team mit David N. Koch, Doris Plenert, Patrick Joseph und Taly Journo. Sie packen die Zuschauer mit überzeugender Schauspielkunst bis hin zum „Mit-Leiden“ beziehungsweise „Helfen – oder Eingreifen wollen“.

Die Aufführung wird wesentlich mitgetragen, nein bestimmt durch die Komposition und die Improvisationen von Laurenz Gemmer, vielseitig beschäftigter Pianist in zahlreichen Formationen und Lehrer an mehreren Hochschulen. Er schafft auf dem Keyboard und einem Saiteninstrument fast psychedelische Klänge und Geräusche, mal erschreckend knallhart, mal den Stand des Dramas auf der Bühne kommentierend und begleitend. Diese „Musik“ ist ein wesentlicher Bestandteil der Inszenierung, sie ist keine bloße Untermalung, sondern schafft eine Intensivierung der Handlung bis an die Schmerzgrenze.

Großer und langer Applaus und Blumen für alle – sichtlich erschöpften – Darsteller vom langjährigem Theaterchef Gerhard Haag, der zum Ende der Spielzeit sein Amt in jüngere Hände übergeben wird. Und wie immer Kölsch und leckere Frikadellen aufs Haus und ergiebige Diskussionen mit den Akteuren und Zuschauern.