Das Lachen über den Holocaust
Die beiden Jungs stammen aus demselben Veedel, und sie wurden am selben Tag desselben Jahres geboren. Max und Itzig werden Freunde, enge Freunde sogar. Itzig ist ein hübsches, blondes und blauäugiges Kind; er wächst heran zu einem feschen jungen Mann mit guten Umgangsformen und erklecklicher Bildung. Max dagegen hat dunkles Haar, Froschaugen, wulstige Lippen und eine Hakennase. Itzig Finkelstein, der Name sagt es schon, ist Jude. Max Schulz, äußerlich die perfekte Nazi-Karikatur eines Juden, ist reinrassiger Arier.
Max verbringt viel Zeit in der Familie seines Schulfreundes. Er spielt mit seinem Buddy in der jüdischen Fußballmannschaft und lernt die jüdischen Feste und Bräuche kennen. Er bewundert, ja: beneidet wohl auch Itzigs Vater, den Friseur Chaim Finkelstein, bei dem seine Mutter zeitweise als Dienstmädchen arbeitet. Chaim ist kein Wald- und Wiesen-Friseur, sondern Inhaber eines Friseursalons namens „Der Herr von Welt“ und bestens integriert in die Gesellschaft der Stadt. Anton Slavitzkis Friseurladen dagegen ist ärmlich und schäbig. Slavitzki ist Maxens Stiefvater. Bei ihm wächst Max auf, von ihm wird er missbraucht, wenn die Mutter wieder einmal unpässlich ist. Max ist ein Kind der Unterschicht, und von dem Privileg, gleich fünf potentielle Väter und einen Stiefvater zu haben, kann er nicht profitieren. Doch wir ahnen es: Es naht das 1000jährige Reich, und upstairs downstairs verwandeln sich in ihr Gegenteil.
Bei solchen biographischen Voraussetzungen kann einer schon mal zum Massenmörder werden. Max wird zum Bewunderer des Größten Führers aller Zeiten, tritt in die SS ein, legt erst aus Langeweile und dann ganz professionell als SS-Offizier im Konzentrationslager Laubwalde ein paar Juden um. Vielleicht sind es am Ende auch ein paar Tausend - Freund Itzig und dessen Familie sind jedenfalls darunter. Zumindest ist Max mitbeteiligt. Längst hatte er auch Chaims Friseursalon übernommen, denn beim Juden ließ sich ja eh niemand die Haare schneiden. Doch wir wissen es: Tausend Jahre sind dem Herrn manchmal wie zwölf und ein paar Nachtwachen, und die KZ-Karrieristen machen sich besser unsichtbar.
Max nennt sich nun Itzig Finkelstein, wandert nach Palästina aus und arbeitet in Schmulevitchs Friseursalon. Er schließt sich einer jüdischen Terrorgruppe an, um die Briten aus Palästina zu vertreiben. Im Krieg gegen die Araber verliert Max, nun Itzig, die Orientierung, wird aber gerade dadurch versehentlich zum jüdisch-israelischen Volkshelden. Dem Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter, den Max auf dem Auswandererschiff kennengelernt hat, versucht er seine wahre Identität zu enthüllen, doch niemand glaubt ihm.
In Wahrheit ist die ganze Geschichte noch viel verwickelter, doch dies sind die wesentlichen Korsettstangen, auf die sich Judith Kriebel in ihrer Nacherzählung von Edgar Hilsenraths aberwitzigem Schelmenroman konzentriert. Wenige Erzählstränge sind gestrichen, manche stark eingekürzt; die bei Erscheinen des Romans in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts provozierenden saftigen Sex-Szenen fallen in der Inszenierung am Freien Werkstatt Theater Köln unter den Tisch. Und doch folgt Kriebels Arbeit dem Geist der Vorlage recht genau. Der Jude Hilsenrath hat eine überbordende, bizarre Groteske voller makabrem Humor geschrieben, die auf erschreckend lustige Weise klarmacht, wie leicht nach dem 2. Weltkrieg die Täter zu Kriegsgewinnlern werden konnten. Und die auf leichthändige Art eine Antwort auf die Frage Adornos gab, ob man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben dürfe. Hilsenraths Roman erschien im Jahre 1971 in den USA und wurde zum Welterfolg. In Deutschland aber lehnten ihn mehr als 60 Verlage ab, bevor Helmut Braun vom kleinen Literarischen Verlag in Köln den Mut hatte, ihn 1977 erscheinen zu lassen. Über den Holocaust zu lachen – das das löst noch heute, mehr als siebzig Jahre nach Kriegsende, ein flaues Gefühl im Magen aus – und das durften viele Jahre lang nur zwei: die Juden George Tabori und Edgar Hilsenrath, die beide nach dem Krieg lange Zeit im US-amerikanischen Exil lebten und Ende der 60er Jahre (Tabori) resp. Mitte der 70er Jahre (Hilsenrath) nach Deutschland zurückkehrten.
Die Art, wie Judith Kriebel den Roman Der Nazi und der Friseur am Freien Werkstatt Theater auf die Bühne bringt, hätte wohl auch Tabori gefallen: Till Brinkmann und Philipp Sebastian, die sich in der Erzähler-Rolle ebenso wie in der Verkörperung der beiden Figuren abwechseln, wirken zunächst wie clowneske Varieté-Typen. Auf einer wie in einem Zirkus von einer Lichterkette gekrönten Bühne erzählen sie den Roman nicht nur mit Hilfe der Sprache, sondern auch mit pantomimischen Einlagen. Da wird auch mal ein jiddisches Lied eingestreut; immer wieder formen die Schauspieler aus ihren vier Extremitäten ein Hakenkreuz. Leicht und lässig kommt diese ungeheure Geschichte daher, humorvoll und unterhaltsam, mit slapstickartigen Momenten und Musik absolut kinder- und jugendtauglich. Noch der Polen-Feldzug ist ein witziges Abenteuer, geh‘n ma Juden erschießen im Park. Doch eindrucksvoll streuen die beiden Schauspieler in den witzigen Erzählton auch Momente unfassbarer Grausamkeit ein; nur durch ihre Sprache und eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Nachahmung von Dialekten und sprachlichen Eigenheiten erwecken sie plastische Bilder aus einer fernen, grauslichen Welt zum Leben. Und so gruselig wie nachvollziehbar ist es, wenn der Auftritt Adolf Hitlers in der Stadt durchgängig mit religiöser Symbolik aufgeladen wird: Vom „Altar“ statt dem Rednerpult ist da die Rede, von den „Augen eines Propheten“, mit denen „der Erlöser“ in die Menge schaut, von „liturgischen Gesängen“ – wir ahnen die Psychologie der Massenbewegung, wir ahnen, wie leicht es die Rattenfänger des Regimes mit den permanenten Underdogs aus Familien wie den Schulz-Slavitzkis hatten.
In Kriebels Inszenierung schließt sich ebenso wie in Hilsenraths Roman eine kurze Moral-Debatte an, ein kurzes Nachdenken über Schuld und Sühne. Keine Strafe der Welt könne seine Opfer mit seinen Taten versöhnen, sagt Max alias Itzig, bei dem zwar ab und zu noch totalitäres Gedankengut aufblitzt, der aber längst ein wertvolles Mitglied der jüdischen Gesellschaft geworden ist. Also bleibe doch der Freispruch. Da ist es wieder, dieses schale Gefühl, das einen befällt, wenn man heute 90jährige kleine Helfer des Nationalsozialismus vor Gericht stellt, die siebzig Jahre lang ein unbescholtenes Leben geführt haben. Und dieses schale Gefühl, das einen befällt, wenn man eben dies unterlässt. Hilsenraths Roman, den unsere Kinder vielleicht als einen auf satirische Weise ein abgeschlossenes Kapitel unserer Geschichte verhandelnden Text auffassen würden, ist noch immer aktuell.