Woyzeck im Bonn, Theater

Am Schauspiel Bonn geht "Woyzeck" baden

In der Halle Beuel des Bonner Schauspiels hatte die Produktion Woyzeck Premiere. In der Regie von Simon Solberg hatte die Inszenierung mit Georg Büchners Fragment nicht mehr viel gemein. Gar zu viel hat der junge Regisseur hineingepackt. Nicht nur eine gewaltige Menge an Kapitalismuskritik, sondern auch viel zu viele Hirnwindungen, die von den fünf Schauspielerinnen und Schauspielern gar nicht bewältigt werden konnten. Und dann das von Maike Storf verantwortete Bühnenbild: Eine Mischung aus „Ich bin ein Star, holt mich hier raus-Dschungel", Abenteuerspielplatz mit Baumhaus und Kinderzimmer inklusive Hochbett.

Das alles wird in dieser letzten großen Inszenierung des Theaters in der vielgeliebten Halle Beuel, in die jetzt bald die Kabarettbühne Pantheon einzieht, auch noch mit schwarzer Teichfolie ausgeschlagen und dann mit Wasser aufgefüllt. „Woyzeck geht baden" grinste schon nach der ersten Viertelstunde ein Premierenbesucher in der sechsten Reihe zu seinem Platznachbarn. Zuvor waren die fünf Akteure eine abschüssige Rampe herab gekullert und zuckend in der knöcheltiefen Wasserlache liegen geblieben.

Warum denn nur ist das Wasser so flach? Warum steht es dem armen Woyzeck (Serkan Kaya), seiner grell-schrillen Marie (Maike Jüttendonk), dem grauslichen Doktor (Hajo Tuschy), dem im weißen Flokatimantel hetzenden Hauptmann (Laura Sundermann) und dem sich allem verwehrenden Andres (Robert Höller) dann nicht wenigstens mal bis zum Hals? Woyzeck, der für sich und seine Marie als Soldat und Barbier ackert und sich dazu für ein paar Groschen als Versuchskaninchen mit einer Erbsen-Diät herumschlägt, scheint nicht wirklich darunter zu leiden.

Marie ist ehr von der phlegmatischen Art und ihr und dreht erst wirklich auf, wenn sie mit gelber Perücke und blinkenden Rollschuhen disco-like bei dröhnender Musik durchs Bühnenwasserbecken saust. Zuvor hat sie mit extrem viel Gekreisch nach dem Vorbild einer TV-Internet-Paket-Reklame ihre Rollschuhe aus einem „Pealando"-Paket gerissen, schwingt sich wie Tarzans Jane an einer Schur über den Bühnenteich und stößt ihr Pinguin-Baby von sich. Und wenn Woyzeck ein ums andere Mal ins Hamsterrad der Beschäftigungs-Schinderei steigt und dabei mit beiden Händen eine unsichtbare Tastatur bearbeitet, bleibt man als Zuschauer ratlos.

Überhaupt scheint der Regisseur, der zuvor in Köln, Dresden, Berlin und Basel inszeniert hat, den Zuschauer so gut wie gar nicht im Blickfeld seiner Inszenierung gehabt zu haben. O.K., die erste Reihe erhält wegen des Bühnenwassers eine Plastikplane und ganz am Ende werden die Besucher dazu aufgefordert, einen Gang durch Büchners berühmt-berüchtigte Hirnwindungen zu absolvieren. Aber auch das ist eher halbherzig. Zu viel Bilderfinder Solberg tummelt sich da in dem knapp 100-minütigen „Projekt" nach Büchner.

Auch die Schauspieler lässt der Regisseur merkwürdig allein. Mal schreien sie, mal müssen sie mit Hasenohren durcheinander rennen, mal tragen sie fratzenhafte Plastiküberhänge am Gesäß und immer mal wieder schlagen sie mit schweren Autoreifen aufs Wasser. Warum in dieser wüsten und von Wörtern vollgeschriebenen Bühne auch noch die Gesichter der Akteure groß auf Videoleinwände geworfen werden müssen, bleibt ein weiteres Geheimnis des Regisseurs.

Auch eine wenige Minuten dauernde Hommage an den Bonner Karneval mit Rumtata-Musik und Konfettiregen bleibt im häufigen Bühnen-Nebel unergründlich. So bleiben in dieser übervollen Inszenierung Solbergs nur wenige Momente, in denen die Tragik von Woyzeck und seiner Marie zum Ausdruck kommen. Es sind in dieser grell-schrill-grotesken Fassung die ruhigen und kostbaren Minuten, in denen Kaya und Jüttendonk Mensch sein dürfen und dies auch spielen können. Am Ende dann kugeln die Akteure wie am Anfang die feuchte Schräge herab und plumpsen ins Bühnenbecken. Der Applaus für die Darsteller ist lang, ehrlich und verdient.