Die Reise nach Petuschki im Dortmund, Schauspielhaus

Hauptsache Wodka

Wenja ist ein wenig steif in den Hüften. Sein Gang wirkt seltsam kontrolliert, der Oberkörper neigt sich dabei nach vorn, die Hände wiederum sind wie krampfig nach hinten gekehrt. Nun, Wenja will Haltung bewahren, und das mit Stil: Anzug, Krawatte, gepflegtes Äußeres – wer käme da schon auf die Idee, dass dieser Mann säuft. Dass er dann morgens verkatert in einem Treppenhaus liegt, die Exzesse des vergangenen Tages resümierend – Bier, Rotwein, vor allem aber alle möglichen Sorten Wodka. Wenja rafft sich auf, es ist schließlich Freitag, und freitags hat er stets Großes vor: Er will sich in den Zug setzen und nach Petuschki reisen.

Die Reise nach Petuschki ist das Werk, das den russischen Schriftsteller Wenedikt Jerofejew berühmt gemacht hat. Zuerst in den Intellektuellenzirkeln seiner Heimat, wo dieses „Poem“, 1969 erschienen, unter den Ladentischen kreiste. Weil diese tragikomische Geschichte über den Säufer Wenja (kein anderer als der Autor selbst) gespickt ist mit Kritik am real existierenden Sozialismus. Erst 1988 durfte das Werk in der Sowjetunion offiziell verlegt werden, und über Nacht wurde Jerofejew zum Medienstar. Seine Tragik liegt darin, dass er zwei Jahre später an Kehlkopfkrebs starb.

Über Russland hinaus verbreitete sich das Buch seit den 1970er Jahren, in Deutschland haben gewiss die Lesungen von Harry Rowohlt der „Reise“ zu einiger Popularität verholfen. Gerade in letzter Zeit wieder nahmen sich diverse Bühnen des Stoffes an, nun auch das Theater Dortmund mit einer kleinen aber sehr feinen Studioproduktion. Hier spielt Uwe Rohbeck den Wenja, mit so ernstem wie lakonischem Unterton, in klarer Diktion, mimisch entwaffnend, und in eben jener steifen Eleganz. Gelallt wird nicht, auch nicht getorkelt. Mag der Alk in Strömen fließen, behält der Trinker doch seine Würde. Haben wir Mitleid mit ihm? Nun, zumindest ist er uns nicht gleichgültig.

Die Reise nach Petuschki: Uwe Rohbeck alias Wenja erzählt von seinen Exzessen und seinen Träumen. In einer Sprache, die teils ins Vulgäre abdriftet, nicht selten religiöse Bilder bemüht. Erzählt von der rohen Welt draußen, der „offenen Schlacht des Lebens“, und den eigenen Erwartungen, Sehnsüchten. In Petuschki, da hat er eine Geliebte und einen Sohn, dort, 120 Kilometer weg vom ungeliebten Moskau, lassen die Vögel niemals das Singen und blüht ewig der Jasmin. Wenja spricht vom Paradies, doch wird er jemals dort ankommen? Kaum im Zug, beginnt das Saufen, gibt es so skurrile wie surreal-fantastische und gefährliche Begegnungen. Plötzlich findet sich der Mann vor dem Kreml wieder, bedroht von vier rauen Burschen, die ihm in einem Treppenhaus den Garaus machen. Die zyklische Form des Stückes (Fassung von Stephen Mulrine) ist erfüllt, jedoch – war alles nur ein Traum, das Hirngespinst eines Volltrunkenen?

Katrin Lindners Inszenierung lässt Raum für Assoziationen, verweigert die Lösung. Die Regisseurin fokussiert ganz auf Uwe Rohbeck, der Wenja ist und zugleich Erzähler. Der die Rolle der Engel spricht, die ihn beschützen sollen, und die der Sphinx, die ihm Rätsel aufgibt. Der Schauspieler nutzt seine Stimme entsprechend variantenreich, die Begegnungen entwickeln eine packende Dramatik. Die Bilder dazu dürfen im Kopf des Publikums entstehen. Denn Ausstatter Tobias Schunck verzichtet auf Videobeigaben, stellt nur ein großes Werbeplakat in den Raum, mit russischen Schriftzeichen, das wohl den Bahnhof von Petuschki zeigt. Ein paar Geräusche und ein bisschen melancholische Musik schaffen zusätzlich Atmosphäre.

Lautes Drama, leise Tragik – dahinter verblasst weitgehend der politische Sprengsatz des Stoffes. Zumindest verzichtet die Regie auf Visualisierung, meidet große Debatten. Doch die Kraft des Wortes ist in diesem subtilen Schauspielertheater, in dieser solistischen Studie stark genug. Wie lautete noch das Rätsel der Sphinx? Lenin und Trotzki streiten über den Weg nach Petuschki. Links oder rechts entlang, wer kommt an? Die Antwort: Niemand! Denn keiner wird dieses (kommunistische) Paradies je erreichen. In der Sowjetunion des Jahres 1969, unter Breschnjew, wussten wohl die meisten dieses Rätsel zu lösen.