Amerika im Theater Duisburg

Der Verschollene - unterwegs zu einem Sehnsuchtsort

Ein Bistrostuhl und ein uralter Koffer, zusammengehalten von einem Riemen, stehen auf der Vorderbühne – dann geht das Licht aus: in großen roten Lettern läuft ein Lichtband über die Rückwand: Amerika ist zu lesen. Ruhige Musik ertönt, schattenhaft setzt sich eine Figur auf den Stuhl, beginnt unentschlossen, stammelnd, sich wiederholend, sich vorzustellen: Karl Rossmann. Langsam wird es heller. In abgerissenem Anzug sehen wir den vom Dienstmädchen vergewaltigten, aus dem Elternhaus und Europa vertriebenen, siebzehnjährigen Rossmann, den wir in den nächsten neunzig Minuten von der Einfahrt in den Hafen New Yorks bis zum „hoffnungsfreudigen“ Aufbruch zum NATURTHEATER OKLAHOMA begleiten werden.

Beklemmend und bravourös gelingt es Philipp Hochmair, uns am Schicksal des Verschollenen teilhaben zu lassen. Der von über zweihundert auf dreißig Seiten gekürzte Text berichtet zunächst von der einsamen Ankunft Karls (auch hier, wie im Schloss und Prozess, der Kafka-typische K-Name), bis sein ratloses Umherirren auf dem Schiff in der Begegnung mit dem Heizer und dem Onkel scheinbar Halt findet.

Hier wechselt Hochmair die Perspektive vom Beobachter zum Ich-Erzähler, eine Identifikation, die er beibehält durch alle Irrungen und Wirrungen, alle Enttäuschungen und Demütigungen in dieser für Karl so befremdlichen, entmutigenden Neuen Welt. Doch nachdem Karl in der Hilflosigkeit eines unerfahrenen Kindes mitten in dem von Leben tobenden „Amerika“ Fremdheit und Isoliertheit (Max Brod) durchlitt, scheint am Ende ein Hoffnungsschimmer auf: Vom NATURTHEATER OKLAHOMA, „das jeden brauchen kann“ , wird er zumindest für „niedere technische Arbeiten AUFGENOMMEN“ – die vage Möglichkeit eines Ankommens tut sich auf. Der vordem oft so ironisch genasführte, wird unter neuem Namen als „NEGRO“ „fröhlich und aufgeregt empfangen und bewirtet“ - und sei es auch nur in der fiktiven Welt des Theaters.

Hochmair verlässt die Bühne und sammelt als Animateur des NATURTHEATERS Mitspieler aus dem Duisburger Publikum: eine Hausfrau, die gerne kocht, eine Mathe-Studentin und ein Arbeitsloser werden – vom Publikum beklatscht – für das Theater engagiert. Dann öffnet sich der Vorhang zur großen Bühne und wie ein naiv-glücklicher, ein wenig zu groß geratener Amor hüpft, springt und wedelt der „NEGRO“ nackt bis auf die schwarze Unterhose, mit ausgebreiteten Armen durch den fast leeren Bühnenraum. In dieser Szene wechselt Hochmair zurück in die Rolle des Beobachters und lässt so zu, dass das Publikum vielleicht doch noch eine „hoffnungsfreudige Zukunft“ für Karl/Negro vermuten kann. Denn „sorglos“ tritt er die Reise nach Oklahoma an: „Jetzt erst begriff Karl die Größe Amerikas“.

Diese positive Tendenz unterstreicht Max Brod in seinem Nachwort zur ersten Ausgabe des von Kafka als Fragment hinterlassenen Romans, den der Freund 1927 - drei Jahre nach Kafkas Tod - zunächst unter dem Titel „Der Verschollene“ herausgab. Brod berichtet, dass Kafka mit unendlicher Lust an diesem Werk gearbeitet habe und gesprächsweise öfters hervorhob, dass dieser Roman hoffnungsfreudiger und „lichter“ sei, als alles, was er sonst geschrieben habe. Und, dass Kafka, der nie über Frankreich und Oberitalien hinaus reiste, sehr gern Reisebücher las und dass stets eine Sehnsucht nach Freiheit und fernen Ländern in ihm lebte.

Doch meint Kafkas Amerika zweifellos kein geografisch-konkretes Territorium, sondern die Projektion eines von Mythen und irritierenden Verheißungen überlagerten Sehnsuchts-Ortes, einen Raum für die moderne Odyssee eines aus der Heimat Vertriebenen, ratlos und verzweifelt Isolierten, dem bei Hochmair kaum Luft zum Atmen bleibt. Im grandiosen Solo werden die einzelnen Figuren um Karl Rossmann nur angespielt, mit äußerstem Körpereinsatz dramatisiert, Sprachen und Dialekte, Stimm- und Gefühlslagen rasant gewechselt und gelegentlich von flackernden Videos über dem Spieler verfremdet.

Die Musik, die von anfänglicher Verhaltenheit über verstörend geräuschvolle Atonalität in sphärischer Entrücktheit ausklingt, lässt am Ende beides zu: Hoffnung und Illusion. Sie gibt der zumeist beklemmenden Aufführung sowohl bedrängende Dichte als auch humorige Offenheit.

Die Inszenierung wurde 2009 erstmals im Hamburger Thalia Theater gegeben und anschließend zu vielen internationalen Festivals eingeladen. Obwohl sie in Duisburg in verändertem Bühnenbild gespielt wird, hat sie von ihrer Brisanz nichts verloren.

Thematisch fügt sich das Stück um den Aufbruch eines Vertriebenen und seine Ankunft im fernen Amerika gut ein in das Motto des Duisburger Kulturfestivals Akzente, das in diesem Jahr unter dem Motto „ NAH UND FERN – 300 JAHRE DUISBURGER HAFEN“ den Hafen zur Metapher für Aufbruch und Ankommen macht.