Sturm im Theater Duisburg

Shakespeares Zauberinsel als Theaterlabor

Vor hohen schwarzen Wänden quer über die offene Bühne ein langer Tisch, darauf wahllos ein paar dicke Bücher und verstreute Blätter, drum herum ein Sammelsurium unterschiedlicher Stühle. Das Ganze gleicht einer Probebühne, dem Arbeitsraum eines Theaters. Dann erscheint Prospero, zieht den bereitliegenden bodenlangen Mantel an: das Gewand eines Zauberers, eines Insel-Königs, eines Theatermannes? Er setzt sich an den langen Tisch, nachdenklich, nimmt einen Stift in die Hand.

Jetzt müsste Der Sturm „auf hoher See“ einsetzen: „ein Ungewitter mit Donner und Blitz“. Hilfeschreie der Totgeweihten: „Wir sind verloren!“ Prinzen und Könige betend um Rettung flehen. Nichts dergleichen. Langsam, versonnen beginnt Prospero zu sprechen: „seht mich, den allmählich schluckt die schwarze Nacht… in mir des Feuers letzte Glut.“ Verse des 73. Shakespeareschen Sonetts, Gedanken eines Mannes auf dem Sterbebett, Worte zu Vergänglichkeit und Liebe am Ende des Lebens. Doch dann geht ein Ruck durch den Träumer, er wird zum Theatermann: Autor und Regisseur eines zu erfindenden Stückes. Eines Stückes über Rache, Machtgier, Umkehr und Gnade. Und die Bühne wird zum Labor seiner Phantasie.

Stichwortartig skizziert Prospero einige Gestalten und Fakten. Namen fallen: Alonso, Ferdinand, Sebastian, Antonio, doch keiner von ihnen erscheint. In Barbara Freys Inszenierung gibt es nur drei Schauspieler, die drei - für ihre Interpretation – prägnantesten Gestalten: der weise Prospero (Johann Adam Oest), der beflissen-listige Ariel (Joachim Meyerhoff) und der unzufriedene, verkrüppelte Caliban (Maria Happel). Gelegentlich müssen sie allerdings blitzschnell mit kuriosen kleinen Tricks in die eine oder andere Rolle schlüpfen, denn Shakespeare hat – Menschen und Geister zusammengenommen – weit über zwanzig Gestalten vorgesehen. Aber nicht nur das Personal, auch der Text ist rigoros gekürzt, auf den Kern dieser Interpretation reduziert: Die Insel als Theater der Welt, als psychologischer Wiederholungsraum für den Selbstversuch des Prospero. Selbst der Titel schrumpft zu Sturm. Prospero wird das Meiste der zu erwartenden Bühnenhandung erzählen -  höchst amüsant, aber ungemein verknappt - und vor leeren Stühlen: Ein Herrscher ohne Untertanen. Ein Theatermann ohne Ensemble. Seine Insel: ein Nirgendirgendwo, ein Reich der Phantasie. Er wird die Figuren seiner Geschichte im Geiste aufrufen, er wird sie berichtend „erfinden“, zur Rechenschaft ziehen, ihnen am Ende verzeihen. Und wenn er sich dabei ans Publikum wendet, könnte man fürchten, dass all die Bösewichter, die auf der Bühne nicht erscheinen, mitten unter uns sitzen.

Worum geht‘s in der Geschichte?

Shakespeare beginnt mit einer Schiffskatastrophe. Im untergehenden Schiff kämpfen Antonio, der unrechtmäßige Herzog von Mailand und sein Komplize, Alonso, König von Neapel, ums Überleben. Sie retten sich auf Prosperos „bezauberte Insel“. Prospero, der durch Zauber und Magie das Unwetter entfachte, lockt so die Gestrandeten in das Reich seiner Macht und Rache. Er will Vergeltung für ein Unrecht, das zwölf Jahre zurückliegt: Prospero, der rechtmäßige Herzog von Mailand, wurde damals von seinem Bruder Antonio mit Hilfe Alonsos seines Herzogtums beraubt und zusammen mit seiner kleinen Tochter Miranda (und einigen wichtigen Büchern!) in einem unsicheren Boot auf offener See ausgesetzt. Prospero rettete sich auf die Insel und machte sich kraft geheimnisvoller Zauberkünste zum Herrscher der Insel mitsamt ihrer Geister und Naturgewalten. Jetzt, nach Ankunft der Schiffbrüchigen, beginnt auf dem Eiland ein unheimliches, böses Treiben: allerlei Ränke, auch Mord- und Revolutionspläne werden von den Neuankömmlingen geschmiedet, doch der kluge Prospero weiß alle Verschwörungen zu dirigieren. Einsicht und Reue führen schließlich zum Abschwören von der Gewalt, zu Versöhnung und Erfüllung rechtmäßiger Ansprüche. Da kann Prospero auch dem „grausen Zaubern“ und Geisterwirken entsagen und wieder er selbst sein.

Der Sturm gilt als Shakespeares letztes eigenständiges Bühnenwerk und es gleicht einem künstlerischen Testament. Da wird noch einmal das große Szenario aufgemacht: es wird um Macht gerungen, es gibt hinterhältigen Verrat, aber auch ergebene Treue. Es gibt böse und gute Geister, Elementargewalten und die große Erste Liebe. Und da ist der weise Magier, der sich die Urkräfte der Natur zunutze macht und letztendlich das Böse besiegt. Johann Adam Oest gibt diesen Prospero allerdings eher mit Schläue als mit Weisheit und muss schließlich von Ariel, dem anfangs so devot ergebenen, listigen Luftgeist angetrieben werden, seinen Racheplan aufzugeben und Mitleid und Gnade walten zu lassen. Doch am Ende kann Prospero den Zauberstab zerbrechen und weise resümieren: „ja, der große Erdball selbst (wird einst) vergehn / und wie dies wesenlose Schauspiel zerfließen / verschwinden ohne Spur. Wir sind aus solchem Stoff / aus dem man Träume macht / und unser kleines Leben umschließt ein Schlaf. Es sind diese wichtigen Verse, die bei Shakespeare bereits im 4. Akt gesprochen werden, die Barbara Frey an den Schluss setzt, und die viele Interpreten dazu veranlassen, in Prospero Shakespeare selbst zu erkennen und diese Zeilen – wie das ganze Theaterstück – als Abschied des großen Dichters von seinem Publikum zu werten.

Diese Vermutung drängt sich bei der Freyschen Inszenierung geradezu auf. Sie entspricht ihrer Grundidee der Fokussierung auf die Figur des Prospero als Theatermagier, der vor uns das Stück aus seiner Phantasie entwickelt und im Schlussmonolog das Ende seiner Schaffenszeit erahnend mit dem „Zauberstab“ der Magie seiner Dichtkunst entsagt.

Barbara Frey gelingt faszinierendes Schauspielertheater. Und dennoch: der große Erzählanteil nimmt dem Stück einen Gutteil seiner Dramatik und gibt nur den Hauptfiguren Prospero und Ariel eine psychologisch-charakterliche Kontur. Das Böse - Machtgier, Betrug, Rachsucht und Mordlust - bleibt abstrakt. Es ist ein virtuoser, intelligenter und witziger Theaterabend mit großartigen Schauspielern, doch Der Sturm findet nicht statt.

Zur Uraufführung kam das Stück im Jahr 1611, gedruckt wurde es erstmals 1623, sieben Jahre nach Shakespeares Tod. Da Shakespeare immer nur einzelne „Rollen“ mit dem Text einer Figur an die Darsteller vergab und außerdem die Stücke zu jeder Aufführung aktualisierte, muss der überlieferte Text nicht unbedingt der Urtext sein. So können sich Barbara Frey und Joachim Lux mit ihrer eigenwilligen, fragmentarischen Textversion, die auch Sonette des Dichters (Übersetzung: Christa Schuenke) verwendet, durchaus in Shakespearescher Tradition sehen.

Seit 2007 wurde die Inszenierung in Wien, dann in Zürich und Berlin gespielt (der scheidende Theatermann Peymann holte sie in seiner letzten (!) Spielzeit  ans Berliner Ensemble.) Jetzt kam sie nach Duisburg als grandioser Abschluss des Akzente-Theatertreffens. Die Geschichte einer Zauberinsel passt zweifellos zum Hafen-Thema.

 

 

 

 

 

 

KURZ UND BÜNDIG

 

Barbara Frey zeigt auf karger Bühne mit drei virtuosen Schauspielern auf höchst amüsante Weise, wie Prospero aus Fragmenten des monumentalen Schauspiels „Der Sturm“ ein Erzähl-Stück kreiert, in dem er die eigentliche - nicht gespielte - Bühnenhandlung nutzt, um von der gerechten Rache zur altersweisen Gnade zu gelangen.