Der Stellvertreter im Theater Münster

Warum hast du mich verlassen?

Anno 1990 erregt eine Inszenierung des damaligen Intendanten Achim Thorwald an den Städtischen Bühnen Münster größte Aufmerksamkeit: Rolf Hochhuths Der Stellvertreter. Da wagte es ein Regisseur, ein Stück auf die Bühne zu bringen, das radikale Kritik übt am Verhalten des Vatikans während des Zweiten Weltkriegs. Das katholische Münster war empört. Ein Angriff auf unsere Kirche! Frucht- und furchtbare Diskussionen wurden entfacht. Doch schon damals konnte man sich fragen: Warum all die Aufregung? Hochhuths Stück wurde 1963 uraufgeführt und war damals sicher ein Schocker. Fakten über die Machenschaften des Vatikans, klar und deutlich ausgesprochen, kontrastiert in glasklarer Härte mit den Zahlen der Opfer - das musste einfach berühren und aufrütteln. Doch was 1963 oder auch noch 1990 die Wellen hochschlagen ließ, wirkt heute eher wie eine Geschichtsstunde in der Schule. Vorhersehbar ist, was die Nazischergen sagen, wie sie protzen mit der Menge der Opfer, die sie „bearbeiten“. Häufig beschrieben die Qualen in den Vergasungsanlagen – immer wieder grausam ja, aber das alleinige Aufzählen evoziert heute keine emotionale Betroffenheit mehr.
Die erschafft Regisseurin Kathrin Mädler im Stellvertreter vor allen in den letzten zwanzig Minuten. Dort wird das Grauen wirklich greifbar. Der junge römische Priester Riccardo trifft auf den satanischen KZ-Arzt und auf Kurt Gerstein, der verzweifelt versucht, aus der SS heraus den industriellen Massenmord öffentlich zu machen. Hier ist zu spüren, wie das barbarische Regime menschliche Existenz vernichtet und pervertiert. Rechtfertigungstiraden süß und intellektuell lockend auf der einen Seite gepaart mit viel Selbstbetrug, Versuche des Lavierens zwischen den Fronten und Verrohung, Verzweiflung und völlige Selbstaufgabe auf der anderen.
Frank Albert baut eine graue, kalte, neutrale Bühne mit Treppe und einem Quader in der Mitte, der sowohl Altar als auch Schlachtbank sein kann. Er enthält auch ein Wasserbecken, in dem sich die Beteiligten immer wieder die Hände in Unschuld waschen können.
Alle Protagonisten switchen mühelos zwischen ihren Rollen als Nazis und Kleriker hin und her. Hochhuth macht es ihnen da auch nicht allzu schwer: ist die „Uniform“ auch verschieden, verhalten sie sich doch gleich. Durchführung des millionenfachen Mordes und dessen Duldung im Namen Gottes sind hier zwei Facetten einer Medaille.
Matthias Caspari glänzt als hilfloser Ordensgeneral, Gerhard Mohr als nichtssagende Belanglosigkeiten herunterleiernder Papst Pius XII. Und Mark Oliver Bögel ist ein derartig glattzüngiger Kardinal, dass einem speiübel wird.
Aurel Bereuter beglaubigt die Seelenqualen des Kurt Gerstein, der SS-Mann und bekennender Christ zugleich ist. Christoph Rinke toppt seinen Urfaust-Mephisto als so unglaublich abgrundtief böser Lagerarzt.
Daniel Rothaug aber schafft eine Meisterleistung als Riccardo. Wenn er seine Priesterkleidung ablegt, sich nackt seinen Peinigern übergibt, legt er seine ganze Seele bloß. Mit zarter, heller, manchmal brechender Stimme ist er nur noch eins: ein geschundener Mensch, für den ein Weiterleben nach Auschwitz nicht mehr möglich ist.
Das Publikum quittiert die Leistung des Teams mit langanhaltendem Beifall, der natürlich auch dem anwesenden Autor gilt. Rolf Hochhuth hat mit Der Stellvertreter sicher ein zur Entstehungszeit tabubrechendes Drama geschaffen.