Um die Welt in 80 Tagen im Theater Duisburg

Links rum um die ganze Welt

Eigentlich hat sich Phileas Foggs Diener Passepartout schon eingerichtet in seinem „Stand du Rue“ (Ruhestand). Entzückt betrachtet er die drei Staubkörnchen, die sich auf seinem Jackett eingenistet haben – so lange schon hat der Diener sich nicht bewegt. Doch das wird sich ändern. Jonas Schütte spielt den Bediensteten des exzentrischen englischen Gentlemans, und er wird zum Ereignis der zweieinviertelstündigen Aufführung beim Duisburger Akzente-Theatertreffen. Seine physische Beweglichkeit ist frappierend. Seine geistige übrigens auch.

„Random Acts of Beauty“ heißt die Theatertruppe, die Len Shirts und Franziska Braegger in Freiburg gegründet haben, und aus einer zufälligen, irgendwie willkürlichen Wette heraus, ganz „at random“ also, entsteht im Jahre 1873 Phileas Foggs Idee einer Weltreise. In achtzig Tagen trifft man sich im Londoner Whistclub wieder, und man reist links herum - einmal um die ganze Welt. Rechts rum wäre man ja in fünf Minuten da. Fogg, der Pedant, hat alles durchkalkuliert – für Kesselschäden und unvorhergesehene Wetterlagen ist ein Zeitbudget eingeplant, Warnstreiks in Deutschland gelten allerdings als unkalkulierbar. Der Franzose Jules Verne hat vor 143 Jahren einen wunderbaren Abenteuerroman voll von viktorianischer Kolonial-Romantik geschrieben; mit der GDL oder der Pilotenvereinigung Cockpit musste er noch nicht rechnen.

Brian Lausund hat die 80tägige Weltreise für das Theater R. A. B. mit viel englischem Humor und ausgeprägter szenischer Phantasie auf die Bühne gebracht. Der Theaterrezensent lernt nie aus: „Steampunk Ästhetik“ nennt sich das, was Bühnenbildner Werner Klaus auf der variablen Reisebühne angerichtet hat. Zahnräder dominieren das Bühnenbild, größere und kleinere, die die Welt und die Reisenden in Bewegung halten und die mächtig stauben, wenn die Schauspieler sie manuell in Gang setzen. Türme aus Koffern mutieren auch schnell mal zu Zugabteilen, Leitern zu Reise-Elefanten, wenn man sie mit einem aus geschickt verketteten Eimern zusammengebastelten Rüssel ausstattet. Wie Kai aus der Kiste funkt gelegentlich ein desorientierter Big Brother von Scotland Yard dazwischen, der ganz in Schlumpf-Blau seinen besten Agenten dirigiert: Mister Fix folgt Phileas Fogg und seinem Passepartout auf völlig falscher Spur durch die Kontinente, um sie – einer Verwechslung im heimischen London geschuldet - als Bankräuber zu überführen. Kasperlepuppen, Masken, zahlreiche Kostüm- und Rollenwechsel, kleine Schattenspiele, ironische musikalische Einspielungen – Lausund und sein dreiköpfiges Schauspieler-Team bedienen die gesamte Klaviatur des Jugendtheaters und machen doch vor allem den erwachsenen Abenteurern im Publikum gute Laune.

Zwar steht Vernes naive Vorstellung von der Welt und ihren kulturellen Eigenheiten im Vordergrund der Inszenierung, doch mit Witz – und ohne jede Schärfe – transferieren die Schauspieler gelegentlich die alten Vorstellungen und Vorurteile von fremden Ländern in unsere heutige Welt. Die Geschichte bleibt in der viktorianischen Zeit verankert, doch ab und zu blickt man mit einem Augenzwinkern in die Neuzeit. In Persien hat die British Mining Company (in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts) gerade Erdöl entdeckt, und in Istanbul trifft man schon einen Opa mit Sprengstoffgürtel unterm morgenländischen Outfit. In Indien wird die Witwenverbrennung der Mme Aouda gerade noch verhindert; Verfolger werden wie in der digitalen Steinzeit mittels Moorhuhn-Jagd am PC abgeschossen. In Hongkongs Unterwelt trifft man auf abenteuerliche Kung Fu-Gestalten, und in Amerika rennt ein Verrückter rum, der eine Frisur wie ein Hamster trägt und Präsident werden will – Phileas und Passepartout treffen halt auf so manches Trump-Ass auf ihrer Reise. Grenzübertritte werden bald zur Routine – fast immer ist das eine oder andere „Boogie Woogie“ fällig, damit der richtige Stempel in den richtigen Pass kommt. Von Schengen ist 1873 noch keine Rede, und Grenzschließungen sind die Regel. Franziska Braegger ist der ewige NepperSchlepperBauernfänger für unsere Touris – als Running Gag verkauft sie in immer gleichem Outfit überteuerte Lösungen für die Weiterfahrt, so dass Phileas‘ Vermögen bald bedrohlich zur Neige geht.

Das alles ist ausgesprochen witzig und unterhaltsam inszeniert und wird trotz gewisser Redundanzen nie langweilig. Ausgerechnet die beiden Theatergründer bleiben allerdings ein wenig blass. Der Amerikaner Len Shirts unterspielt die snobistische, so pedantische wie gelassene Art des Whistclub-Gentlemans Phileas Fogg, der bei allen Missgeschicken, die ihm auf seiner Reise unterlaufen, stets die Zeit für den termingerechten Five-o’clock-tea findet, allzu sehr, und Franziska Braegger legt – mit Ausnahme der Mme Aouda - ihre schrägen Halbwelt-Figuren zu unterschiedslos schrill an. Aber Bühne und Kostüme sowie vor allem das Spiel mit den Requisiten, das manchmal an die besten Momente des Metropol-Theaters München und die szenische Phantasie von dessen Gründervater Jochen Schölch erinnert, halten uns unablässig gefangen. Der Hit aber ist Jonas Schütte als Passepartout. Wie ein clownesker Springteufel geistert er durch die Szenerie. Seine Körperbeherrschung ist grandios, seine sprachlichen und physischen Verrenkungen sind atemberaubend. Er zelebriert einen völlig bescheuerten französischen Dialekt, dessen surrealer Einfallsreichtum staunen macht. Als Kapitän Nemo, der mit seiner Nautilus den Abenteurern gerade noch rechtzeitig den Zeitplan rettet, karikiert er in einer der dichtesten Szenen des Abends den überlegenen, selbstverliebten Wissenschaftler und Erfinder.

Die Rolle als Underdog wird Schütte nicht los. Von New York aus geht die Reise zurück nach London, und eigentlich haben Fogg und Passepartout ihre Deadline längst verpasst. Jules Verne verlegt eigens für sie die Datumsgrenze, damit die Wette noch gewonnen werden kann. Und Passepartout muss in einem zur Aufführung passenden surrealistischen Ende dafür sorgen, dass das Schiff an Fahrt gewinnt – mit einem Quirl als manueller Schiffsschraube. „Quirlen Sie, Passepartout, quirlen Sie!“, feuert sein Chef aus dem Whistclub ihn an. Und Jonas Schütte quirlt. Die Standing Ovations sind wohlverdient.