Übrigens …

Werther! im Schauspielhaus Düsseldorf

Wer weiß, ob Werther sterben muss?

Als sich die Tür zum Studio im Jungen Schauspielhaus öffnet, schallt uns poppige Tanzmusik entgegen. Auf der kleinen, mit weißen Tüchern bespannten Bühne tanzen zwei junge Leute: gut gelaunt, modisch schick, sie im knallroten Mini, er im dunkelgrauen T-Shirt. Wir nehmen Platz auf den wenigen Bankreihen und schauen ihnen zu. Dann unterbrechen die beiden ihren Tanz, werfen sich wie im Flirt Satzfetzen zu, wiederholen oder variieren den Text des anderen, alles leicht, ein wenig unernst. „Er hatte schon allerlei Bekanntschaft gemacht“ – „Arme Leonore!“ – „Sie gefiel mir nicht übel.“

Wir sind irritiert: alles liegt in der Vergangenheit. Ist alles schon vorbei? Schauen die beiden zurück auf ihre Geschichte? Aber wie kann dann Werther noch leben? Soviel wissen wir doch: Werther erschießt sich am Ende des Liebesdramas.

Schließlich scheint der Autor Mitleid mit uns zu haben: Werther wendet sich ans Publikum: “Verzeih! Euch in der Ordnung zu erzählen, wie’s gegangen ist, wird schwer halten. Ich bin… kein guter Historienschreiber.“ Ja, er sagt „Schreiber“, denn alles, was gesprochen wurde und was wir in der nächsten Stunde noch hören werden, ist ausschließlich Goethetext! Und so bleibt es bei der Vergangenheit, denn Werther erzählt in dem Briefroman seinem Freund Wilhelm ja rückblickend, was er erlebte und erlitt. Dabei kam Goethe nicht ganz ohne einen Erzähler aus. Er führte den „Herausgeber“ ein, der zu Beginn, dann in Passagen des zweiten Buches und vor allem nach Werthers Tod eingreifen muss.

Diesen Kunstgriff braucht der Autor der Bühnenfassung, Stefan Herrmann, nicht. Gemeinsam mit den beiden fantastischen Schauspielern – Hanna Werth und Philip Schlomm - gelingt es ihm, den Romantext, in dem Lotte ja als Erzählerin gar nicht vorkommt, so auf die beiden Figuren zu verteilen und dabei so intelligent zu kürzen, dass eine überzeugende Spielhandlung entsteht. Wir erleben Lotte, die sich von der spielerisch Verliebten zur verantwortungsbewussten Frau wandelt, und leiden mit Werther, der in seinem Verlangen nach der lebenserfüllenden Liebe, dem absoluten Gefühl, seine Orientierung verliert. Dabei gibt es in den ersten drei Akten durchaus auch humorige Szenen, etwa, wenn wir plötzlich in einer Disco mit den entsprechenden Musik- und Lichteffekten sitzen.

Doch dann schlägt die Stimmung um: Die Wandbespannung wird heruntergerissen, Stapel schwarzer Kartons werden sichtbar, von den Akteuren wütend aufgerissen, mit jeweiligem Inhalt dem anderen vor die Füße geschleudert und dabei in rasantem Tempo den Daten der Ereignisse zugeordnet. Erst jetzt tauchen die Briefdaten auf, wie Tagebucheintragungen jagen sie durch die Zeit der Gemeinsamkeiten: vom 8. Mai 1771 bis 24. Dezember 1772. Im Stück-Text ist der Teil überschrieben: „WERTHERS QUALVOLLES LEBEN- ODER: WIE ES WERTHER WIRKLICH GING“. Danach geht es um die Pistolen, die Planung des Suizid: aus der empfindsamen Liebe droht krankhafte Selbstzerstörung zu werden: „Werther! Sie sind krank“, sagt Lotte am Ende und „Ich bin froh, dass du weg bist“. Werther verlässt die Bühne, man hört seine Schritte akustisch verstärkt im Hintergrund, dann knallt eine Tür. Kein Schuss.

Das gebildete Premierenpublikum bleibt etwas irritiert zurück. Hat man etwas überhört? Dann folgt herzlicher Applaus für eine gelungene Aufführung: Goethes Werther ist in dieser intelligenten Bearbeitung - sowohl für ein junges wie für ein reiferes Publikum - im Heute angekommen. Hanna Werth gibt eine selbstbewusste junge Frau, die ihre Gefühle zu kontrollieren weiß und Philip Schlomm passt mit seinem sensiblen Werther bei aller Empfindsamkeit durchaus in unsere Zeit. Stefan Herrmann präsentiert eine Liebes-, keine Dreiecksgeschichte. Albert, der brave, liebe Verlobte, tritt nicht auf: Lotte trifft ihre Entscheidungen eigenverantwortlich. Und wenn der Schuss am Ende nicht fällt, sind wir vielleicht näher an Goethes eigener unglücklichen Liebe zu Charlotte Buff in Wetzlar, als an der realen Fallgeschichte des Liebes-Suizid seines Freundes - die so wunderbar in die Stimmung des Sturm und Drang passte - zwei Ereignisse, die Goethe im Werther-Roman künstlerisch verarbeitet. „Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten“, sagt er fünfzig Jahre nach der Romanveröffentlichung zu Eckermann (Gespräche, 2.1. 1824). Und in einem „Nachruf“ zu Werthers Tod, den Stefan Herrmann Lotte am Ende der Liebesgeschichte - vor der Kartonschlacht - in den Mund legt, liefert er die pädagogische Lehre dazu: „Hättest du gewartet, hättest du die Zeit wirken lassen, die Verzweiflung würde sich schon gelegt, es würde sich schon eine andere, dich zu trösten, vorgefunden haben….wenn du nicht solch ein Tor gewesen wärest.“ So handelte Goethe 1772 und so lässt sich der Düsseldorfer Werther! interpretieren. Ein guter Gesprächseinstieg für junge Besucher.

Goethe schrieb mit Die Leiden des jungen Werthers 1774 den ersten europäischen Bestseller, der bis heute gelesen, in Schulen besprochen und landauf landab für die Bühnen adaptiert wird. Stefan Herrmann liefert dazu einen gelungenen Beitrag. Die nächsten Vorstellungen im Jungen Schauspielhaus sind bereits ausverkauft.