Übrigens …

Het Hamiltoncomplex im Theater im Pumpenhaus Münster

Pubertät zwischen Stalin und Nutella

Die Bühne: ein paar angedeutete griechische Säulen, idealisierte Landschaftsgemälde und ein lebensgroßes Pferd aus Plastik. Mag sein, dass Säulen und romantische Landschaftsbilder die „Sehnsucht nach dem Vergangenen“ verkörpern sollen, die die Regisseurin Lies Pauwels bei vielen Menschen ausgemacht haben will. Die Trends und Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft sieht Pauwels quasi auf einer Mikroebene reflektiert durch die Situation dreizehnjähriger Mädchen, die mit beginnender Pubertät an einem unwiderruflichen Wendepunkt ihres Lebens stehen. Dreizehn dieser dreizehnjährigen Mädchen stehen nun auf der Bühne des Theaters im Pumpenhaus, und sie wurden überragend gecastet. Viele von ihnen stehen in dieser Produktion des renommierten belgischen Jugendtheaters Hetpaleis zum ersten Mal auf der Bühne, und sie sind so atemberaubend gut, dass man den Blick auf irgendwelchen philosophischen Überbau ganz schnell verliert.

Da stehen sie, Precious und Prudence, Melody und Marvellous, Destiny und Eternity, die kleine Lovely und wie sie alle heißen. Fiktive Namen sind es, die nach den Träumen ihrer Träger oder der Liebe ihrer Eltern klingen. Die jungen Damen performen zunächst einmal in passenden Kostümen unter Anleitung der kleinen Gift das Stewardessen-Sicherheitsballett. Wir ahnen nicht, wie angemessen dieser Auftakt ist: Bald wird diese Aufführung uns mit solchem Schwung auf eine Achterbahn der Gefühle schicken, dass es uns unangeschnallt mächtig aus der Kurve tragen würde. Der harmlose Stewardessen-Gag ist zwar ganz witzig zu Beginn, doch er wird aber so lange ausgewalzt, dass er irgendwann nervt. Kaum ist Schluss damit, himmeln die Mädels hysterisch kreischend den hypothetisch im Publikum befindlichen Matteo Simoni an, einen belgischen Serien- und Teenie-Star, der übrigens auch schon ganz seriös fürs NT Gent und die postdramatische Truppe des FC Bergman unterwegs war. Und erneut: ist das ganz witzig zu Beginn, wird aber so lange ausgewalzt, dass es irgendwann wehtut. Später erst werden wir begreifen: Nervt nicht auch die Pubertät ganz enorm, tut sie nicht weh, ist sie nicht viel zu lang für diejenigen, die schnell erwachsen werden wollen und doch noch eine solche Sehnsucht nach der vergehenden Kindheit haben? Und werden nicht auch die Pubertierenden ständig von einer Emotion in die andere geworfen, von Lust in Schmerz, von Sehnsucht in depressive Trauer?

Der Schmerz ist für das Publikum bald vorüber; durchgeschüttelt von widersprüchlichen Emotionen wird es hingegen über die gesamte 100minütige Spielzeit. Die hübschen, oft schon erotisch lockenden jungen Damen flachsen zu Beginn der Aufführung, sie hofften, es seien keine Pädophilen im Publikum. Da lachen wir noch. Bald werden wir Lolitas in aufreizenden Posen mit unglücklichen Gesichtern sehen, und der Gedanke an Pädophilie ist nicht mehr weit. Die Mädchen spielen offensiv mit ihrem erotischen Erwachen, aber sie sind auch ängstlich, traurig und – gefährdet. Sie suchen die Freiheit, aber sie haben auch Angst – und Angst ist das Gegenteil von Freiheit. Eben noch dreizehn kleine Rotkäppchen, wirken sie im nächsten Moment ausgeliefert dem einzigen Mann, der an diesem Abend auf der Bühne steht: dem riesigen, gut gebauten, aber in seiner Mimik starren, undurchschaubaren Bodybuilder Stefan Gota. Der Mann als böser Wolf – und als attraktiver Muskelprotz: Das ist wohl gleichzeitig Metapher und Realität für Dreizehnjährige, die beginnen, von der Liebe zu träumen. Wie kleine zierliche Puppen werden die Mädchen am Arm des Bodybuilders zu linkischen Balletttänzerinnen, doch anstelle der Freude an Musik und Tanz blickt Trauer und Hilflosigkeit heimatloser Kinder aus ihren Augen. Erleben wir da den Missbrauch Minderjähriger? Schon singen sie das Popeye-Lied: „And all at once I knew … I knew he needed me … Maybe it’s because he’s so alone …“ – Da wird uns ganz anders. „And if it turns out real then love can turn the wheel“? Liebe eines Vaters, eines Freundes oder eines Lustmolchs? Stefan Gotas Gesicht verrät es nicht, und die dümmlich-naiven Kindergesichter der Mädchen, die lasziv mit den Fingern an ihren Zahnspangen fummeln, lassen eher die Abrichtung für die Kinderprostitution ahnen.

Doch so weit will die Inszenierung wohl nicht gehen. Gota bleibt undurchschaubar, doch ist er in seinen spärlichen Auftritten eher der Beschützer. Und der Tänzer des anrührendsten Geschöpfes, das uns an diesem Abend begleitet: eines körperlich und geistig behinderten Mädchens, das gelegentlich über die Bühne rutscht, mehr oder weniger im Takt zur Musik mit den Händen auf den Boden schlägt – und ein vollwertiges Mitglied des Teams ist. Auch sie ist, so zynisch das klingen mag, grandios gecastet: Robine Goedheid ist hübsch, hat ein nettes Lächeln, und wenn ihr die Freude über den gelungenen Tanz an den Armen des Mannes aus den Augen spricht, übermannt einen die Rührung. Die Inszenierung und die übrigen Mädchen gehen ziemlich ungerührt mit der Behinderten um: Das selbstverständliche und vielfach unauffällige Mitwirken von Robine ist gelebte Inklusion. Mit Kimya Dawsons „Utopian Futures“ besingen lauter absurde Lolitas eine heile Welt, teils fröhlich und teils pathetisch, und mitten drin rutscht diese hübsche Behinderte mit glücklichem Gesicht, laut auf den Boden klatschend, und ist Teil der glücklichen Utopie.

Übergangslos folgen Gesichter aus Horror- und Geisterfilmen: Lolitas are haunting you. Geishas werden zu Geistern, Feen zu Horrorfiguren. Und dann wieder fröhlicher Tanz – nein, es ist eher fröhliches Hampeln, was die Dreizehnjährigen zu Joan Baez‘ „Nicola and Bart“ vollführen. Die Kraft der Solidarität wird da besungen, aber heißt es nicht auch: „Agony is our triumph“? Ein unfassbar trauriges Märchen wird erzählt, witzig wird gefeiert, Fragen werden gestellt, die eine krasse intellektuelle Überforderung der Dreizehnjährigen sein müssen („Was weißt du von Samuel Beckett? Über „1984“? Über Marguerite Duras? Über den Genozid von Ruanda? Über die Industrielle Revolution? Über booking.com?“) Zwischen Nutella und Stalin pendeln die Fragen hin und her – spätestens bei booking.com schwant uns, was diese hanebüchene Kombination verbindet: Es sind die Fragen, die man googelt als dreizehnjährige Schülerin und Freizeitgestalterin. Sie zeigen – ähnlich wie später eine unendliche Folge von Begriffen, die die Performerinnen in den Raum rufen – die unfassbare Bandbreite von Themen, zwischen denen sich die Welt dieser Pubertierenden abspielt, zwischen Flachsinn und Tiefsinn, zwischen Politik und Sex, zwischen Rebellion und Kinderspiel, zwischen Intellekt und Emotion.  

Man könnte stundenlang so weitererzählen. Doch was an diesem temperamentvollen, energetischen Abend voller Kontraste abgeht, lässt sich eh nicht beschreiben. Wir sehen grandiose Bilder und Choreografien, wir hören mitreißende und berührende Musik von kitschigem 50er Jahre „edelweiss, small and bright“ bis zu Opernarien, von Hollywood-Pathos bis zu Pop-Hymnen unserer Jugendzeit. Grausame Bilder werden mit witzigen Aper?us konterkariert, fröhliche Tänze enden im Grusel, nahezu jede Szene wird am Ende entweder mit einem gegenteiligen Effekt kontrastiert oder ins Absurde, Schmerzhafte, Kitschige oder Gespenstische überzogen. Erkennbar hat sich Lies Pauwels die seinerzeit zum Berliner Theatertreffen eingeladene Koproduktion von CAMPO Gent und Gob Squad Berlin Before Your Very Eyes zum Vorbild genommen, in der 8- bis 14jährige belgische Kinder ähnlich berührend und schwungvoll ihr Leben zwischen dem 6. Lebensjahr und dem Tod reflektierten. Het Hamiltoncomplex ist nicht weniger, aber seltener heiter als sein Vorbild, seine Traurigkeit geht tiefer, sein Erschrecken stärker unter die Haut. Das überreiche Assoziationsmaterial, das die Aufführung über ihrem Publikum auskippt, geht weit über die Risiken der Pubertät und die Verwerfungen, die diese in den jungen Seelen der Mädchen anrichtet, hinaus. Sie tippt politische, gesellschaftspolitische und moralische Fragestellungen an; Stefan Gotas unheimliche, buddhahafte Undurchschaubarkeit bei gleichzeitiger Zurschaustellung eines Astralkörpers versinnbildlicht das Fremde der Erwachsenenwelt, die gleichzeitig eine hohe Attraktivität für die jungen Mädchen hat. Im Vergleich zu Before Your Very Eyes hat Hamiltoncomplex eine deutlich düsterere Note – doch auch diese Aufführung endet in großem Optimismus. Die Zeit der hässlichen Rumpelstilzchen ist vorbei, und vor den jungen Damen liegt ein Land of Hope and Glory. Denn sie werden den Kampf um ihren Platz im Leben, um eine unverwechselbare Identität gewinnen.

Die Mädchen versammeln sich noch einmal an der Rampe und rufen ihre fiktiven Namen hinaus: Precious und Prudence, Melody and Marvellous. Und zum Schluss, untergehakt von zweien ihrer Freundinnen, die Behinderte. Wir hatten ihren Künstlernamen noch nicht erwähnt. Man hört nicht, was die Freundinnen vorsagen. Ein wenig stockend, aber doch triumphal ruft das behinderte Mädchen ins Mikrofon: „My name is Queen!“ Immer wieder: „My name is Queen!“ – Robine Goedheid, du warst die Königin unserer Nacht!