Übrigens …

Der Junge mit dem Koffer im Schauspielhaus Düsseldorf

Sitzen wir alle auf gepackten Koffern?

Die Aufführung ist ausverkauft. Sie soll um 19 Uhr beginnen, doch die Zeit ist überschritten. Ungeduldig formieren sich die Zuschauer im übervollen Foyer zu einer Warteschlange vor dem Bühneneingang. Die Tür scheint sich zu öffnen – doch schon ist sie wieder zu. Das Gleiche wiederholt sich. Langsam rücken wir vor und erkennen das System: eine unfreundliche Ordnerin zählt Gruppen ab – mal zehn, mal mehr, mal weniger. Schubweise dürfen sie rein, die Tür schließt sich wieder. Endlich bin ich dran: Nummer zehn, barsch werd ich von meinem Begleiter getrennt. Die Tür schließt sich hinter mir, doch wir stehen vor der nächsten bewachten Tür in einer Schleuse. Jetzt spätestens wird uns klar: das Spiel hat begonnen, wir sind längst zu Mitspielern geworden. Endlich im Theaterraum, wird jedem einzeln in barschem Ton sein Platz zugewiesen: ein Platz auf einem gepackten Koffer oder einer vollgestopften Reisetasche. Gemütlich ist anders. Eine halbe Stunde ist vergangen.

Der Theaterraum ist zweigeteilt, ich sitze auf der von einem übermannshohen Metallzaun umgebenen Seite – ein Gitter, wie wir es abends in den Nachrichten an manchen Grenzen sehen. Die andere Seite ist schwarz verbrettert. In der Mitte steht ein zweigeschossiges Spielgerüst, das in den folgenden hundertvierzig Minuten mal Haus, mal Schiff oder Bus, mal Gebirge oder Textilfabrik sein wird.

Oben auf der Galerie - in einem Dorf „auf der anderen Seite der Erde“ - ergreifen ein Mann und eine Frau, bedroht vom Dröhnen niedergehender Bomben, mit ihrem rebellischen Sohn Naz (glänzend, Bernhard Schmidt-Hackenberg) die Flucht in eine bessere, sichere Welt. Doch das Geld, das Schlepper und Schleuser verlangen, reicht nicht für alle und so muss sich Naz allein auf den gefahrvollen Weg machen über Meere, Gebirge und Wüsten. Er trifft das Mädchen Krysia (großartig, Julia Goldberg) und ihr erzählt er in Not und Verzweiflung die Geschichten von Sindbad dem Seefahrer, die ihm einst seine Eltern erzählten. Es sind die sieben überstandenen Abenteuer dieses morgenländischen Märchenhelden, die den beiden aus der Kraft der Phantasie Zuversicht geben und das Bühnenstück in sieben Fluchtstationen strukturieren. Wie einst Scheherazade vor dem mörderischen König, so erzählt Naz – der sich jetzt Sindbad nennt – um sein Leben. Er wird darüber vom Jungen zum Mann und erreicht tatsächlich das Ziel seiner Flucht, London, die Stadt, in der sein großer Bruder seit Jahren lebt. Es ist nicht das erhoffte Gelobte Land, aber er ist in Sicherheit. „Ich hab’s geschafft“, ruft Naz/Sindbad, doch der Bruder dämpft seine Erwartung: „Du hast es auf die andere Seite der Erde geschafft. Hier ist es nicht besser. Du hättest nicht kommen sollen.“

Und dann brechen die Zuschauer von der schwarzen Seite des Raumes mit ihren Koffern und Taschen auf und kommen zu uns „auf die andere Seite“, vor den Grenzzaun. Und da, wo eigentlich gar kein Platz mehr zu sein schien, rückt man zusammen und es reicht tatsächlich für alle.

Ein Schluss, mit dem die Regie die pessimistischen Worte des Großen Bruders – des Autors? - korrigiert: Naz und Krysia konnten sehr wohl „kommen“. Vielleicht würde Mike Kenny, der das Stück vor sechs Jahren - noch vor den ganz großen Katastrophen „auf der anderen Seite der Erde“ - schrieb, heute einen anderen Schluss finden.

Anrührend und aufrüttelnd untermalen Musik und Geräusche von Wiebe Gotink die Aufführung: mal dramatisch interpretierend, mal mit leisem Gitarren-, Geigen oder Klavierspiel beruhigend. Und schließlich treten sogar die wundervollen Darsteller*innen als Chor auf.

Insgesamt eine großartige Schauspielerleistung. Neben den beiden überzeugenden Hauptdarstellern, gelingt es den drei Darstellern Maelle Giovanetti, Alexander Steindorf und Jonathan Schimmer bravourös und auch für die Kinder verständlich und nachvollziehbar in die jeweils fünf oder sechs höchst unterschiedlichen Rollen zu schlüpfen!

Am Ende verlassen alle – Jung und Alt – nachdenklich und betroffen ein eindrucksvolles Stück zu unserem bedrängenden politischen Alltag. Eine Aufführung ohne moralischen Zeigefinger. Für die Jüngeren gibt’s ein Happy-End. Die Älteren dürfen weiterdenken.