Bilder von uns im Mülheim, Theater an der Ruhr

Bilder-Nötigung zerbeult das Selbst-Bild

Auf der dunklen, halbkreisförmigen Bühne bilden vorgestrige Schulmöbel und ein altmodischer Diaprojektor (der dann als Spotlight dient) die spärlichen Requisiten eines Klassenzimmers von einst. Ein Knalleffekt zu Beginn: Dumpfes Dröhnen, greller Blitz, Bremsgeräusche, ein „Scheiße“-Schrei. Ein Top-Medien-Manager wird von der Polizei geblitzt, gleichzeitig geschockt von einem Erotik-Foto auf seinem Handy: er selbst als Kind, anonym zugesandt. Um ein Haar rast er in eine Schulklasse.

Missbrauch, Bedrohung und Erpressung liegen in der Luft. Es könnte ein Psycho-Thriller werden. Die Geschichte hat einen realen Hintergrund: Der Autor Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, war Schüler des Aloisius-Kollegs in Bonn-Bad Godesberg, in dem es seit den fünfziger Jahren bis 2005 Missbrauchsfälle gab, die erst 2010 öffentlich gemacht wurden. Viele Details im Stück stimmen überein mit den Vorfällen und Umständen in dieser Jesuiten-Internatsschule; so war etwa im Stück wie im realen Fall einer der Haupttäter zur Zeit der Recherche dement und starb während der Untersuchungen. Dennoch handelt es sich bei Bilder von uns keineswegs um ein Dokumentarstück, es geht dem Autor nicht um Aufklärung oder Fallanalyse. Nicht die Perversität der Täter steht im Mittelpunkt, sondern die Frage nach der Geschichte der Opfer und darüber hinaus, ganz allgemein, nach der Deutungshoheit des Einzelnen über das eigene Leben. Im Stück werden Männer um die Vierzig brutal mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert, mit ihren Verdrängungen und Beschädigungen, ihren Selbstschutzreflexen und Erinnerungsfälschungen. „Monströs ist die Möglichkeitswelt der Deutungen“, sagt einer von ihnen. Und wir können den Vieren auf der Bühne zusehen und zuhören bei ihren höchst unterschiedlichen Deutungsversuchen und dem Bemühen, die eigene Biographie, das „Bild von sich“, zu interpretieren und zu retten. Alle vier kämpfen gegen den Souveränitätsverlust über ihr traumatisiertes Leben und um ihre Persönlichkeitskonstruktion.

Da ist zunächst Jesko Drescher, ein erfolgreicher Journalist und Medienmanager (Benjamin Grüter), der mit seiner Recherche die alten Wunden aufreißt, den die geheimnisvollen Bilder und obskuren Nachrichten schockartig aus der Bahn werfen, in Panik und Angst versetzten. Doch bald schon versucht er mehr und mehr zurückzurudern, sich abzukapseln und ins alte Leben zurückzufinden. Gegen alle Einsicht will er sich sein komfortables Selbstbild erhalten. „Die ganze Jugend wird mir gerade zum Unfall“, klagt er und greift zu Abwehrmechanismen: Er sucht Erklärungen im Zeitgeist der Achtziger oder der ästhetischen Verbrämung des Verführers. „Es kam uns damals nicht falsch vor. Es war nicht falsch, es war nur verschoben“, versucht er sich selbst zu beschwichtigen. „Wie kann ich die Grenze erkennen, die zwischen Würgegriff und Umarmung liegt?“ Doch am Ende bleibt die Verzweiflung: „Seelenmord ist das. Schlimmer“. Ihn trifft der „Stein“ nach vierzig Jahren tödlich. „Pater Stein“ ist im Stück der Name des Kinderschänders.

Malte, der Werbefachmann (Hajo Tuschy), hingegen will nichts verdrängen, er will seine „Ich-Fragmente“ durch kämpferische Aufklärung wieder zusammenbringen. „Eine fiebrige Betriebsamkeit hatte sich Maltes bemächtigt.“ In Talkshows - und wo sonst auch immer - will er die Dinge beim Namen nennen: „Diese Willkürherrschaft. Diese perverse Tyrannei von Zuckerbrot und Peitsche. Diesen Psychoterror, dieses Günstlingssystem, diese Bildernötigung.“ Doch was als Wahrheitssuche und Aufklärung daherkommt, kann in seiner Rigorosität schon wieder übergriffig sein. Kann dabei selbst beschädigen.

Konstantin hat es am schlimmsten getroffen. Seine Wunden sind nie verheilt. Er hat sich eingerichtet in seinen Verletzungen. In seinem Scheitern. Inzwischen ein süchtiges Psychowrack, nimmt er sich nach dem Aufdecken der Verbrechen das Leben. (Sven Fricke, der ganz plötzlich für den erkrankten Benjamin Berger einspringen musste, spielt die depressive Apathie überzeugend.)

Ganz anders geht Johannes, ein renommierter Anwalt (Holger Kraft) mit der Situation um. Er „zeigte sich weiterhin von seiner lässigen Seite“. „ Ich bin nicht erschüttert“, wiederholt er immer wieder. Er nimmt die Ereignisse sachlich, professionell, lässt nichts an sich herankommen, ist entschlossen, sich „schadlos“ zu halten. Die Verdrängung hat bisher funktioniert und wird es weiterhin tun. „Wer beschuldigt, ist sofort das Opfer“, konstatiert er, die anderen vor zu viel Öffentlichkeit warnend. Das Ganze ist nicht sein privates Problem, er ordnet es ein im Allgemeinen: „Es ist ein Prozess der Bewusstwerdung, ein gemeinschaftliches Erinnern“.

Möglicher Weise ist er der einzige, der sein „Image“, das Bild, das er sich von sich selbst machte, rettet. Selbstschutz und Selbstbetrug funktionieren in diesem Modell. Auf der Bühne sitzt er auf einem kleinen, eingezäunten Podest, das er nur gelegentlich und zu ganz gezieltem Einsatz verlässt.

Und dann geistert da noch ein weiterer Klassenkamerad durch die Gespräche: Matuschka, der in Amerika mit Immobilien reich wurde, der dort zum Täter geworden ist. Sechs Jahre hat er wegen des Besitzes von Kinderpornos im USA-Gefängnis abzusitzen. Vom Opfer zum Täter.

Das Stück endet, wie es begann: mit einem Knalleffekt. Jesko und Sandra rasen gegen einen Baum. Sandra (Lydia Stäubli) war die süchtige Geliebte Konstantins. Bevor der Autor sie sterben lässt, klärt er uns noch auf: Sie hat die Bilder verschickt.

Ein brutales Fazit: Drei Tote, ein Weiter-Verdränger, ein fanatischer Aufklärer. Thomas Melle lässt uns mit dem Ergebnis allein. Er bewertet nicht.

Melle schreibt eine moderne Tragödie. Er geht von einem faktischen Skandal aus, recherchiert und führt Interviews, schreibt dann aber kein Schlüssel- oder Dokumentardrama. Und er kommt auch nicht in Versuchung, ein Betroffenheits- oder Skandalstück daraus zu machen. Vielmehr schafft er durch die fiktive Figur des Jesko Drescher zunächst die Atmosphäre eines Krimis, die dann aber als Parabel endet. Dieser Jesko wird zum Jedermann: Einem erfolgreichen Allerweltstypen, überzeugt vom Machbarkeitswahn, wird ein „Geheimnis injiziert“ (so Melle in einem Interview) und es beginnt sein Kampf um die eigene Identität, um die Deutungshoheit über das eigene Leben. Abwehrmechanismen, Hysterietendenzen und Totschweigeversuche werden durchgespielt und dabei das Zwangssystem und falsche Charisma sozialer Eliten denunziert.

Prononciert stellt Melle höchst unterschiedliche Lebens- und Verarbeitungsmodelle vor. In packenden Dialogszenen macht er mögliche Deutungsversuche an Personen fest und liefert symptomatische Psychogramme. Dazwischen setzt er erzählende Prosatexte, die das Geschehen reflektieren, kommentieren und zusätzlich informieren.

Die Regisseurin Alice Buddeberg schafft eine stringente Inszenierung, die versucht, über den Einzelfall hinauszuweisen. Ein paar Streichungen hätten der Aufführung dabei allerdings gut getan. Auf einige Ausschweifungen im Text – so etwa die Kritik am modernen Theater oder unnötig ausführliche und sich wiederholende Einzelheiten - hätte die Regisseurin verzichten können.

Im anschließenden Publikumsgespräch nennt der Moderator es einen Glücksfall, dass das Stadttheater Bonn das Stück eines Bonner Autors über einen Bonner Skandal aufführt und zum Stadtgespräch macht. Für wahr: Theater live! Das Stück funktioniert allerdings auch in Mülheim bei den Theatertagen und in Berlin, wohin es zu den Autorentheatertagen 2016 eingeladen wurde.