Die europäische Wildnis, eine Odyssee (vormals Die Odyssee) im Recklinghausen Ruhrfestspiele

Endzeit-Gesellschaft in Endzeit-Europa

Was für ein Beginn: Wummernde Musik… nein: Musik kann man das nicht mehr nennen: ohrenbetäubender Krach lässt die Stühle im Kleinen Theater des Ruhrfestspielhauses erbeben. Schmerzhaft ist das, grenzwertig die Belastung für unsere Ohren. Bald erfahren wir, dass es sich wohl um einen Flugzeugabsturz handelt – einen imaginierten oder einen realen, wer weiß das schon, „was ist es dem himmel, wenn das flugzeug nicht mehr ist?“ Und was ist es dem Helden, ob seine Alpträume real oder nur eingebildet sind. Tiere verschiedenster Art scheinen in dem betreffenden Flugzeug zu sitzen, vom Gnu bis zum Kaninchen. Alpträume also wohl, putzig wie die Langohren sind sie nicht, sie handeln vom Terrorismus. Manchmal auch vom Alltag. Odysseus ist wieder mal auf Reisen; er ist ein Diplomat heutzutage, bei Matthias Scheuring in ein dem diplomatischen Parkett wenig angemessenes Outfit gezwängt, aber immer unterwegs: durch die europäische Wildnis. Adventureland ist heute die EU.

Was für ein Text: In Sascha Hargesheimers verschachtelter Szenenfolge ist dieses Abenteuerland von einer trostlosen, von privaten und politischen Katastrophen, hysterischen Ängsten und falscher political correctness heimgesuchten Endzeitgesellschaft bevölkert. Europa stürzt ab wie das Flugzeug zu Beginn. Was bleibt in den Alpträumen der Menschen, sind wilde Tiere - sogar der Haushund wird aggressiv. Hargesheimers Text nimmt keine klare Zuschreibung zu einzelnen Personen vor, doch kristallisieren sich vor allem die Figur eines Politikers und einer Journalistin heraus; darüber hinaus sind einige Nebenfiguren deutlich identifizierbar. Der Politiker reist an die Grenzen Europas, um die Leichen verunglückter Staatsbürger seines Landes in Empfang zu nehmen. Er kehrt zurück mit den falschen Leichen und muss zurücktreten. Schon die Konfrontation mit der unübersehbaren Menge von in Säcken verpackten toten Flüchtlingen hatte ihn erschüttert und gebrochen. Die Journalistin leidet unter ihrer Unzulänglichkeit respektive der mangelnden Anerkennung durch den Chefredakteur und verliert im Interview mit einem berühmten Film-Regisseur die Beherrschung. Sie verlässt die Pfade der politischen Korrektheit, doch ihr Ausbruch führt nicht zur Befreiung und damit zu größerem Selbstbewusstsein, sondern zu verstärkter Instabilität. Wartende Reisende am Gate eines Flughafens reagieren ebenso hysterisch auf einen Pakistani mit Turban wie die Fahrgäste in der U-Bahn auf einen bärtigen Mann mit fest umklammerter Sporttasche. Eine leicht verblühte Touristin macht sich vergebliche Hoffnungen auf erotische Abenteuer mit einem einheimischen Gigolo und fühlt sich hintergangen.

Odysseus ist in dieser „Odyssee“ durch „Die europäische Wildnis“ nicht mehr identifizierbar. Es ist die Gesamtheit der Europäer, die Abenteuer bestehen muss. Terror und tote Flüchtlinge, angeschwemmt am Strand der Festung Europa, gehören ebenso zu den Herausforderungen, die die Figuren von Hargesheimers Text bestehen müssen, wie Erfolglosigkeit im Büro oder in der Liebe. Oder die Aussichtslosigkeit bei der Betreuung todkranker Angehöriger. Und war nicht das vergangene Jahr das Jahr mit den meisten Hai-Angriffen überhaupt? Ängste, die zur hysterischen Reaktionen führen, durch Tabuisierungen ausgelöste Blockaden, Erfolgsdruck in allen Lebensbereichen bedrohen die heutigen Odysseuse in mindestens ebensolchem Maße wie die tatsächlichen Missstände, wie Terror und Flüchtlingsdramen. „ich muss an die fliege denken, die der spinne ins netz geht, und wie das, was normal für die spinne, chaos für die fliege ist“, lautet einer der wunderschönen, zum Nachdenken anregenden Sätze, die sich in Hargesheimers Stück finden. Verhalten wir uns nicht alle wie dumme Fliegen? Was ist das für ein Netz, in dem wir uns verfangen? Haben wir nicht viele Fäden davon selbst gewoben? Was ist an diesem Netz bei realistischer Betrachtungsweise ganz normal, und was ist eine echte Bedrohung?

Ein kunstvolles Netz hat auch Hargesheimer mit seinem Text gewoben. Man kann auch eine Zeitungs- und Medienkritik aus seinem Text herauslesen, denn „German Angst“ und Hysterie sowie die die Gedankenfreiheit einengende political correctness werden ja vor allem von den Medien befördert. Man mag einwenden, dass es unzulässig sei, die realen Gefahren von Terrorismus und Flüchtlingskrise vollkommen gleichrangig neben die banalen Probleme aus Liebe und Alltag zu stellen und in der gleichen oftmals überhöhten Diktion zu schildern. Aber dieser Text tanzt, wenn man ihn liest. Er hat etwas Atemloses, und er ist von einer dunklen Schönheit. Seine lyrischen Qualitäten sind unübersehbar. Er entwickelt eine Vorstellung von den Gefahren unserer Welt und unserem unzulänglichen persönlichen Umgang damit. Für das Theater ist dieser Text anspruchsvoll; eine Umsetzung auf der Bühne erscheint schwierig. Ein Text, in dem scheinbar wenig Theater steckt und der allerhöchste Konzentration vom Publikum verlangt, muss irgendwie bebildert werden.

Muss er? Nein, hat sich Regisseurin Katrin Plötner vom Schauspiel Frankfurt gesagt. Sie baut einen blauen Kasten auf die Bühne und gruppiert ihre fünf Figuren auf eine banale hölzerne Turnhallenbank. Da sitzen sie nun, da stehen sie auch mal und gruppieren sich um – und deklamieren. Mit Pathos mal, und mal mit Angst und Schrecken, Carina Zichner als recht erfolglose Journalistin auch mit einer Wut, die den Zuschauer einmal sogar zu Szenenapplaus herausfordert. Doch irgendwie wirken sie alle wie bestellt und nicht abgeholt. Überfordert, weil allein gelassen von einer uninspirierten Regie, der mehr als eine erweiterte szenische Lesung nicht eingefallen ist. Nur Verena Bukal gelingt es durchgängig, mit einer wunderbaren Balance zwischen Leichtigkeit und überspielter Ratlosigkeit das Verlorene ihrer Figuren deutlich zu machen. Matthias Scheuring erscheint, wiewohl als Schauspieler mit hoher Präsenz, in seiner Rolle als Politiker nicht zuletzt aufgrund der Einkleidung durch die Kostümbildnerin als Fehlbesetzung. Zu Beginn, als Plötner ein Ballett von Altersverrichtungen im Büro der Journalistin inszeniert, wenn die Telefone und die Zigaretten rauchen, scheint es noch, als hätte die Regisseurin das Tanzende von Hargesheimers Text erkannt. Doch schnell wird diese Hoffnung enttäuscht: Der großartige, manchmal auch etwas rätselhafte Klang der Sprache wird oft durch banale Nachsätze oder affirmative Lautmalereien verraten.

So gerät ein spannendes Lesestück in der Frankfurter Inszenierung unter die Räder. Ein Nachspiel hat es allemal verdient. Wir wüssten auch schon die richtige Regie-Combo: Lassen wir doch mal Falk Richter und Anouk van Dijk ran: Der kreative Arrangeur zeitgenössischer Polit-Miseren und die grandiose Choreographin könnten aus diesem Stück mitreißendes Theater machen!