Das Leben ein Traum. Calderón im Recklinghausen Ruhrfestspiele

Das Leben – ein Alptraum

Drei Träume werden nach dem Erwachen zu Alpträumen: Rosaura, Tochter aus aristokratischem spanischen Hause, erwacht in ihrem Bett 1967 am Ende der Franco-Diktatur und kann sich nicht erinnern, je hier gewesen zu sein. 1979 erwacht sie in einem Bordell in Palermo, auch hier eine Fremde – wie schließlich beim Erwachen im Deutschland unserer Tage. Der Mann, in den sie sich verliebt, ist ihr Vater – Sigismund, Sohn des feisten Königs Basilio, der den Spross auf Grund einer Prophezeiung, er werde zum gewalttätigen Monster reifen, in einem Turm in Ketten legte. Als Sigismund nun für einen Tag die Regentschaft übernimmt, erweist er sich tatsächlich als Menschen mordendes Ungeheuer. Auch sein Leben ist also ein Alptraum. Er ist den Pflichten nicht gewachsen.

Mit feiner Poesie und theatralischer Delikatesse, bukolischem Witz und barocken Pomp balanciert Shakespeares spanischer Zeitgenosse Calderón de la Barca zwischen Realität und Fantasie. Der Österreicher Franz Grillparzer ließ sich zwei Jahrhunderte später in seinem Dramatischen Märchen mit Wiener Vorstadtelementen Der Traum ein Leben zu einer Variante auf die philosophische Lebenssicht inspirieren. Pier Paolo Pasolini zwang den Spanier in den 1960er Jahren mit einer neuen Bearbeitung unter dem Titel „Calderón“ in seine marxistische Weltsicht.

Regisseur Frank Hoffmann, Leiter der Ruhrfestspiele seit 2004, geht einen Schritt weiter, zu weit. Er lässt seiner Theaterleidenschaft derart ungezügelt freien Lauf, dass die Lust am Spiel auf der Bühne manchen Besuchern der über zweieinhalb-stündigen, pausenlosen Premiere im Großen Saal des Festspielhauses in Recklinghausen den Garaus machte. Mancher mochte „seinen“ Calderón vermissen, mancher Pasolinis „Calderón“ oder auch Hannelore Elsner, in der relativ kleinen Rolle als „Die andere Rosaura“ angekündigt, aber durchaus würdig „ersetzt“ durch Hanna Shygulla vor allem in ihrem großen Monolog gegen Ende des Spektakels – der leisesten Szene der ganzen Inszenierung. Davor erlebt man ein Tohuwabohu heutigen Theaters durch alle Zeiten, Gesellschaftsschichten und Genres mit grandiosen Charakterschauspielern und Chargen in mehreren Rollen von Calderón, Pasolini und (offenbar) Hoffmann: Jacqueline Macaulay ist eine zauberhafte Rosaura, Dominique Horwitz (mit Mikroport) der charismatisch ausstrahlende,  derbe Boss-König Basilio, Wolfram Koch sprachlich und gestisch federleicht tänzelnder Sigismund und Pasolini. Ulrich Kuhlmann, Anne Moll, Roger Seimetz, Annette Schlechter, Nicolai Despot und Konstantin Rommelfangen dürfen den Traum von der stetigen Verwandlung als Schauspieler voll ausleben. Komponist René Nuss klimpert wunderbar auf dem Cembalo. Hund Wu Chi bleibt ganz er selbst: liebenswert neugierig, liebe-empfänglich, gehorsam.

Frank Hoffmann hat mit dieser Inszenierung den Mund ziemlich voll genommen. Zu voll. Auf derselben Stufe mit Calderón und Pasolini steht er längst nicht. Dem Publikum hat er mit diesem theatralen Gemischtwarenladen kein brauchbares Angebot gemacht. Ein Theaterklassiker wird hier zum Alptraum.